«Wir sind ein Abbild der Schweiz»

«Wir sind ein Abbild der Schweiz»

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Barbara Schaerer will keine einheitsgraue, sondern eine farbenfrohe Bundesverwaltung. (Bild: Michael Staub)

kommunalmagazin: In der Wirtschaftskrise waren Verwaltungsstellen begehrt, weil man sich von der öffentlichen Hand als Arbeitgeber mehr Sicherheit verspricht. Stimmt diese Annahme noch?
Barbara Schaerer: Nur zum Teil. Wie die Privatwirtschaft spüren zwar auch wir die Konjunktur, allerdings zeitlich leicht versetzt. Aber das alte Bild von der Verwaltungsstelle auf Lebenszeit stimmt nicht mehr. Niemand hat seinen Job auf unbeschränkte Zeit auf sicher. Ich denke aber, dass wir uns als fairer und sozialer Arbeitgeber profilieren konnten. Bei handwerklichen Berufen zum Beispiel gelten wir schon lange als sehr gute Alternative zur Privatwirtschaft. Was mich freut, ist der grosse Zuspruch, den die Bundesverwaltung auch bei Akademikerinnen und Akademikern geniesst. Wir könnten unsere Praktikumsplätze für Hochschulabgängerinnen und -abgänger wohl verdoppeln und hätten immer noch zu wenig. Das zeigt, dass wir konkurrenzfähig sind. Und was Fluktuation und Veränderungen angeht, sind wir ein Arbeitgeber wie jeder andere.

Wie sieht es mit der Durchlässigkeit zwischen Verwaltung und Wirtschaft aus? Ist das alte Misstrauen überwunden?
Zum Glück weitgehend. Früher hiess es noch: Der war vier Jahre beim Bund, den kann man nie mehr in der Wirtschaft brauchen. Heute ist die Verwaltung allgemein als gleichwertiger Arbeitgeber akzeptiert. Berufsbiografien mit Stationen bei Unternehmen und Verwaltungen sind nichts Aussergewöhnliches mehr. Ich glaube, dass man heute auf beiden Seiten entspannter mit dieser Frage umgeht. Wenn jemand von uns in die Wirtschaft wechselt, ist das nichts anderes als normal. Vielleicht kommt er ja in einigen Jahren wieder zu uns zurück und bringt neue Erfahrungen mit.

Was bewegt die Besten, bei der Verwaltung zu arbeiten und dafür vielleicht ein lukrativeres Angebot aus der Wirtschaft auszuschlagen?
Die Verantwortung und die Aufgaben, die es in dieser Form nur bei uns gibt. In der Verwaltung kann man früh Verantwortung übernehmen, sei es fachlich oder beim Führen eines Teams. Dazu kommt die Möglichkeit, für unser Land wichtige Entscheide mitzugestalten. Zudem bieten wir als moderner Arbeitgeber unseren Angestellten zeitgemässe Arbeitsinstrumente und flexible Arbeitsbedingungen. Wir tun auch viel für unsere Angestellten mit Kindern, etwa bei der familienexternen Kinderbetreuung, die beim Bund grosszügig geregelt ist, oder bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben.

Gerade bei dieser Vereinbarkeit hapert es in der Privatwirtschaft noch gewaltig. Diverse Studien zeigen, dass Hundert-Prozent-Pensen als «richtige» Jobs betrachtet werden, Teilzeitarbeit dagegen negativ auffällt, gerade bei Männern. Was unternehmen Sie gegen dieses Problem?
2010 hat der Bundesrat beschlossen, dass möglichst alle Stellen mit einem Pensum von 80 bis 100 Prozent ausgeschrieben werden. Am Anfang führte das in gewissen Bereichen der Verwaltung zu Irritationen, aber das Umdenken hat begonnen. Das merken wir auch bei den Bewerbungen. Neulich mussten wir uns für die Besetzung einer Kaderstelle zwischen zwei sehr gut ausgebildeten Männern entscheiden, die beide «nur» 80 Prozent arbeiten wollten. Das finde ich ein schönes Zeichen. Es geht hier nicht nur um die einzelnen Arbeitsverhältnisse, sondern auch um gesellschaftspolitische Ziele: Damit sich Arbeit und Privatleben generell besser vereinbaren lassen und wir die Gleichstellung zwischen Mann und Frau erreichen können, müssen auch Männer Teilzeit arbeiten können.  

Kann die Bundesverwaltung zum Motor für dieses Umdenken, zum Vorbild für die Schweiz werden?
Ja, das glaube ich. Wir haben eine Vorbildfunktion und unsere Anstrengungen lohnen sich offenbar. Wenn sehr gut qualifizierte Leute Teilzeit arbeiten wollen, zeigt das, dass wir ein Bedürfnis erfüllen und am Markt bestehen können. Auch der fünftägige Vaterschaftsurlaub und die Möglichkeit der Telearbeit kommen sehr gut an.

Der Service Public als Vorbild, das ist auch in vielen Gemeinden ein bekannter Gedanke. Welche zusätzlichen Ziele hat die Bundesverwaltung als Arbeitgeber?
Wir wollen Trendsetter sein, indem wir gesellschaftspolitische Entwicklungen in unseren Arbeitsverhältnissen möglichst frühzeitig aufnehmen. Wichtig für uns ist auch, dass wir ein Abbild der Schweiz sind. Die Bundesverwaltung ist kein Berner Unternehmen, sondern so vielfältig wie unser Land. Wir sind in jedem Kanton tätig, und wir haben auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Kantonen und damit aus allen Sprachregionen. Wir verkörpern sozusagen unser Land. Auch wenn aus dem Tessin und der Romandie zuweilen der Vorwurf kommt, es gäbe beim Bund in den wichtigen Positionen nur Deutschschweizer.

Gilt das auch für den Ausländeranteil?
Nein, leider nicht. Im Moment liegt er bei etwa vier Prozent. Die tiefe Zahl ausländischer Mitarbeitender ist aber nicht durch Restriktionen bedingt. Es liegt wohl eher daran, dass man einen fremden Staat nicht gerade als Arbeitgeber in Betracht zieht. Wenn Schweizer in England arbeiten, sind sie ja auch nicht unbedingt für den britischen Staat tätig.

Eine Herausforderung in der Schweiz ist die Parteienpolitik, deren Horizont oft nach vier Jahren Legislatur endet. Wie kann die Verwaltung hier langfristigere Aspekte einbringen?
In der Verwaltung gibt es zahlreiche Spezialistinnen und Spezialisten, die über langjährige Erfahungen in ihren Gebieten verfügen. Dieses Know-How ist unsere grosse Stärke und ermöglicht es uns, die Politik zu beraten und zu begleiten. Denn nicht wir fällen die Entscheide, sondern sie. Wir haben die Aufgabe, unser Wissen der Politik möglichst neutral und objektiv zur Verfügung zu stellen. Oder anders gesagt, wir schaffen die Grundlage, damit die Politik gute Entscheide treffen kann.

Die Spezialisten, die Sie erwähnen, zählen oft zur alten Garde mit zehn oder sogar 20 Jahren Berufserfahrung. Besteht nicht die Gefahr, dass die Verwaltung mit der Zeit ihr Wissen verliert, wenn diese Experten pensioniert werden?
Das glaube ich nicht. Wir wollen alle Generationen für den Dienst in der Bundesverwaltung ansprechen, denn was wir brauchen, ist eine gute Durchmischung. Es braucht bei uns nicht nur Leute, die seit 25 Jahren dabei sind, sondern auch junge Kräfte, die Probleme unkonventionell angehen, oder Querdenker, die neue Ideen einbringen.

In der Bundesverwaltung gibt es fast 40 000 Stellen und eine Unzahl von Berufen. Was vereint die Menschen, die für den Bund arbeiten?
Die Bundesverwaltung ist ein Unternehmen, das für das ganze Land tätig ist. Wir arbeiten für die Schweiz, für das Gemeinwohl. Das fördert die Identifikation mit der eigenen Arbeit und gibt ihr einen schönen und motivierenden Inhalt.