Vom Sorgenkind zum Energiepionier

Vom Sorgenkind zum Energiepionier

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VON PATRICK AESCHLIMANN

Vor sechs Jahren stand die Thurgauer 620-Seelen-Gemeinde Hohentannen, bestehend aus den Dörfern Hohentannen und Heldswil, finanziell vor grossen Problemen: Die Pro-Kopf-Verschuldung hatte mit 3200 Franken den zweithöchsten Wert im Kanton erreicht. Ein Viertel der Steuereinnahmen flossen, atypisch für eine agrarisch geprägte Kleingemeinde, in das Sozialwesen. Ein Sechstel musste für Zins­lasten aufgewendet werden. In Folge dessen war Hohentannen auch eine «Steuerhölle», denn bei knapp 30 Bauernbetrieben, 55 Prozent Beschäftigten im Landwirtschaftssektor sowie mehr Kühen und Schweinen als Menschen, war auch die Steuerkraft im Keller. Kein Wunder wollte der Kanton die Gemeinde schon Mitte der Neunzigerjahre mit den Nachbargemeinden zwangsfusionieren – was aber am Widerstand der Bevölkerung scheiterte. Letztlich spannte man nur mit den Heldswilern zusammen.

«Wir hätten einfach jammern können, oder die Initiative ergreifen», sagt Gemeindeamman Christof Rösch, der 2005 in den idyllischen Ort oberhalb von Bischofszell zog und zwei Jahre später in sein Amt gewählt wurde. Die Gemeindeexekutive, ausschliesslich aus partei­losen Politikern zusammengesetzt, entschied sich für Letzteres – und holte die Bevölkerung gleich mit ins Boot.


Geld soll im Dorf bleiben

Für die neugewählte Behörde war klar, dass die lokale Wertschöpfung erhöht werden musste. Den Leuten sollte klar werden, dass eine Verbesserung der finanziellen Situation nur möglich ist, wenn das von den Einwohnern verdiente Geld auch in Hohentannen ausgegeben wird. Besonders der Geldabfluss im Bereich Energie beschäftigte den Gemeinderat: «Statt Atomstrom aus dem Aargau, Öl aus Libyen oder Gas aus Russland zu importieren, sollten wir so viel Energie wie möglich auf dem Gemeindegebiet produzieren», so Rösch. Die Eckpunkte der Vision «Gemeinde­power – der Hohentanner-Heldswiler Weg» präsentierte er drei Monate nach Amtsantritt an einer gutbesuchten Gemeindeversammlung: Die Energiever­sorgung soll langfristig und nachhaltig gewährleistet werden, die Bevölkerung muss für- und nicht gegeneinander arbeiten und mittels gesteigerter Wertschöpfung und Selbstorganisation soll eine Art «Entwicklungshilfe» im Dorf aufgebaut werden.

Die Idee kam an: 20 Freiwillige, Einwohner, Gemeinderäte sowie externe Experten, bildeten eine Projektgruppe und trieben die Nutzung der Sonnenenergie in der Gemeinde voran. 2008 startete der Kanton sein Förderprogramm für erneuerbare Energien. Da hatten die Hohentanner bereits vier fertige Projekte bereit und die Subventionen begannen zu fliessen: «2008 holten wir 735 000 Franken Fördergelder nach Hohentannen. Ein Fünftel der beim Kanton eingereichten Gesuche kamen von uns. Das zwanzigmal grössere Amriswil erhielt hingegen nur 550 000 Franken», sagt Rösch nicht ohne Stolz. 2011 wurde die Genossenschaft «Sunnepower» gegründet, die Solarenergieprojekte auf Gemeindegebiet zusätzlich fördert. Die einbezahlten Geldern können von den Steuern abgesetzt werden. Immer mehr Häuser wurden mit Solarkollektoren ausgestattet: Scheunen, eine Gewerbehalle, Privathäuser, das Schulhaus und konsequenterweise auch das Gemeindehaus in der Hirscheschür. Natürlich ziert auch das Haus des Gemeindeammans eine Solaranlage.

Heute ist der Erfolg sichtbar: Auf jedem neunten Gebäude sind Photo­voltaikanlagen installiert (total 30), drei weitere Anlagen werden in Kürze gebaut. Hinzu kommen 13 thermische Installationen. Die gesamte Fläche an Sonnenkollektoren beträgt schon mehr als ein Fussballfeld. Pro Einwohner sind es zwölf Quadratmeter. Ein Drittel des Strombedarfs wird inzwischen durch lokale Sonnenenergie gedeckt. Landwirte wurden zu Energiewirten, speisen ihren überschüssigen Strom ins lokale Stromnetz ein oder verkaufen ihn mittels KEV ins ganze Land. «Auswärtige Besucher haben wegen der vielen Sonnenkollektoren manchmal das Gefühl, Hohentannen gehöre schon zu Deutschland», meint Rösch lachend. Im nördlichen Nachbarland wird Solarstrom stärker subventioniert als in der Schweiz, was zu einer viel höheren Dichte an Solar­anlagen geführt hat.


Drei Viertel heizen mit Holz

Mit Sonnenergie alleine begnügt man sich nicht. Seit Februar 2009 wird in einem ehemaligen Kuhstall eine 550-Kilowatt-Holzschnitzelheizung betrieben, an die mittels eines 2,5 Kilometer langen Leitungsnetzes 38 Häuser angeschlossen sind. Das sind immerhin zwei Fünftel der Häuser im Ortsteil Hohentannen. «Aber auch die meisten anderen Gebäude werden mit Holz befeuert, da wir viele alte Bauernhäuser mit
Kachelöfen haben», sagt Rösch. Drei Viertel der Gebäude werden so mit dem nachwachsenden Rohstoff geheizt. Auf Holzimporte kann dabei – getreu der Philosophie der lokalen Wertschöpfung – problemlos verzichtet werden. Denn Hohentannen verfügt über 140 Hektaren Wald und rund 7500 Hochstammbäume, bei deren Pflege jeden Früh­ling Schnittholz anfällt. Dass die Fernwärmeanlage von einer Thurgauer Firma stammt, liegt fast schon auf der Hand. Finanziert wird sie durch die Einwohner und Nutzer, die pro Kilowattstunde Energie 15 Rappen bezahlen. Das ist aufgrund der Leitungslänge etwas mehr als bei anderen Fernwämeverbünden, lohnt sich aber im Vergleich zu einer Ölheizung allemal.

Wenig Staunen löst angesichts dieser Anstrengungen die Tatsache aus, dass Hohentannen, nebst Amriswil und Tobel-Tägerschen, eine der drei Thurgauer Pilotgemeinden des Projekts 2000-Watt-Gesellschaft ist. Weil Hohentannen aber bereits heute nur 4600 Watt Dauerleistung pro Einwohner benötigt, im Vergleich zu 6300 Watt im Schweizer Durchschnitt, hat die kantonale Fachstelle gleich einen Zielverbrauch von lediglich 1400 Watt vorgegeben. Man könnte das Ziel sonst noch zu schnell erreichen.


«Zwang ist nicht unser Ding»

Christof Rösch hält viel von der Gemeindeautonomie und wenig von grossen, unflexiblen Strukturen. «Unsere Gemeindeversammlungen werden überdurchschnittlich gut besucht, normaler­­weise kommen etwa 15 Prozent der Stimm­berechtigten», sagt er. Die Flexibilität und die Bürgernähe kleiner Gemeinden sind für ihn ein klarer Vorteil. «Hat der Gemeinderat eine gute Idee, können wir die Bürger leicht ins Boot holen und sie engagieren sich auch stark für konkrete Projekte.»

Dabei geht Röschs Autonomiebegriff ziemlich weit: Hohentannen hat seit 2009 mit dem «Hohentaler» ein Gutscheinsystem, das nur auf dem Gemeindegebiet gültig ist. «Anstatt die Steuern weiter zu senken, geben wir jedem Bürger, der seine Steuern pünktlich und korrekt bezahlt, eine Anzahl Hohentaler», so Rösch. Weil die Gemeinde abseits der Verkehrsströme liegt, hat es die lokale Wirtschaft schwer. Der grosse Dorfladen ist seit langem geschlossen, das gemeindeeigene Restaurant Hirschen kämpfte über Jahre ums Überleben. Mit dem Hohentaler, der nur beim lokalen Gewerbe akzeptiert wird, hat sich die Situation etwas entspannt: «Die Bürger schätzen den Hohentaler und geben ihn auch gerne aus. Das Geld bleibt im Dorf und geht nicht nach St. Gallen, Zürich und Konstanz oder versickert beim Inter­netshopping.» Der Fokus auf die lokale Wertschöpfung geht also über den Energiebereich hinaus.

Auch punkto Telekommunikation hat man in Hohentannen die Zeichen der Zeit erkannt. In Partnerschaft mit einem lokalen Anbieter wurden bereits drei Viertel der Haushalte an ein leistungsstarkes Glasfasernetz (FTTH) angeschlossen.

Das energietechnische Vorpreschen des Gemeinderats stösst erwartungs­gemäss nicht bei allen Einwohnern auf offene Ohren. Einigen ist das radikale Vorgehen der Behörde zu utopisch. Bei den letzten Kommunalwahlen 2011 hatte Christof Rösch in der Person von Daniel Sommer einen Widersacher, der sich um die Identität der Gemeinde sorgte und den amtierenden Gemeindeammann als Phantast abtat: «Es braucht keine Träume, sondern realitätsnahe und umsetzbare Ziele», so der Herausforderer. Die Hohentanner standen aber hinter Rösch und bestätigten ihn in seinem Amt. Gerne erzählt er die Anekdote eines Bürgers, der sich bei einem Besuch in einer anderen Gemeinde negativ über die Politik in Hohentannen äussern wollte, von seinem Gesprächspartner aber unterbrochen wurde, sobald der Namen der Gemeinde fiel. «Hohentannen macht das super, ich möchte das auch in meiner Gemeinde», sagte das Gegenüber.

2011 beschloss der Gemeinderat, dass Hohentannen künftig keinen Atomstrom mehr beziehen wolle und stellte den Strommix der Gemeinde auf erneuerbare Energien um. Einigen Dorfbewohner ging das zu weit. Sie forderten via Petition, dass sie auch weiterhin den günstigeren Atomstrom beziehen können. «Wahlfreiheit liegt uns sehr am Herzen, Zwang ist gar nicht unser Ding», so Christof Rösch, «also haben wir den Atomstrom wieder ins Angebot auf­genommen.» 2012 entschieden sich 13 Haushalte für den billigeren Strom, heuer sind es noch drei.


Heute finanziell gesund

Vom Erfolg des Projekts «Gemeinde­power» ist Rösch überzeugt. Er begrüsst Neuzuzüger jeweils persönlich, wenn sie sich auf der Gemeinde anmelden. «Mehrere haben mir bereits gesagt, dass unser Umgang mit der Energie ein wich­tiges Kriterium für die Wahl ihres neuen Wohnortes war.» So gesehen ist die Solar- und Fernwärmeoffensive auch ein Stück Standortförderung.

Die Entwicklung bei den Finanzen gibt dem innovativen Weg der Kommune Recht: Aus den hohen Pro-Kopf-Schulden ist ein Nettovermögen von 800 Franken geworden. Sozialfälle gibt es in Hohentannen zur Zeit keine mehr. Die Gemeinde ist heute schuldenfrei, die Steuerkraft gestiegen und der Steuerfuss konnte seit 2007 dreimal gesenkt werden. Das nimmt den Kritikern des Projekts weitgehend den Wind aus den Segeln, auch wenn nicht alle diese Errungenschaften nur auf den innova­tiven Umgang mit der Energie zurück­zuführen sind. «Warum wir plötzlich so gut dastehen, weiss ich eigentlich auch nicht so genau», gibt Rösch in seinem frisch renovierten Büro zu. Auf der Verwaltung konnten Anfang Jahr endlich längst fällige Renovationsarbeiten durchgeführt werden. Die angespannte Finanzlage verunmöglichte diese Investition bisher.

Einen Teil des monetären Erfolgs von Hohentannen mag die Neugestaltung des Finanzausgleichs ab 2008 zu erklären, von dem finanzschwache Gemeinden stärker profitieren. Alleine deswegen kann sich die finanzielle Lage in der kleinen Gemeinde aber nicht dermassen stark verbessert haben. Was auch immer den Ausschlag gegeben haben mag – so verkehrt kann der eingeschlagene Weg nicht sein.

Ein Problem kann die Gemeinde aber vorerst nicht im Alleingang lösen: Auf der Website von Hohentannen ist unter der Rubrik «Zufahrtsplan» nur die An­reise mit dem Auto erklärt. Das erstaunt bei einem dermassen auf umweltschonende Energie fokussierten Dorf. Tatsächlich gibt es nach Hohentannen momentan kein ÖV-Angebot. Man ist auf ein extra eingerichtetes Taxi angewiesen, das einem für fünf Franken pro Weg von Hohentannen zum nächstge­legenen Bahnhof und wieder zurück bringt. Erstaunen würde es nicht, wenn pensionierte Hohentanner Bürger plötzlich einen Fahrdienst mit einem Elektrobus, gespiesen aus lokalem Solarstrom, anbieten würden – oder eine andere innovative Lösung, auf die der Schreibende nie kommen würde.