«Vielerorts herrscht Konzeptlosigkeit»

«Vielerorts herrscht Konzeptlosigkeit»

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Teaserbild-Quelle: Thomas Graf

kommunalmagazin: Wogegen sollte sich eine Gemeinde versichern?
Thomas Graf: Eine Gemeinde ist mit verschiedensten Risiken konfrontiert. Neben Naturereignissen wie Hagelschlag bergen auch die Infrastrukturen Gefahren. Wenn eine Gasleitung explodiert oder ein Wasserrohr bricht, kann das erhebliche Sach- oder gar Personenschäden zur Folge haben. Auch Unfälle auf der Strasse können zum Versicherungsfall werden.

Weshalb muss in solchen Fällen die Gemeinde haften?
Gemäss Obligationenrecht muss der Werkeigentümer für fehlerhafte Anlagen oder mangelhaften Unterhalt geradestehen. Wenn eine Person im öffentlichen Raum zu Schaden kommt, geht sie heute zuerst einmal auf die Gemeinde los. Diese kann zwar versuchen, sich zu entlasten, trägt dabei aber die Beweislast und die Abwehrkosten. Das geht bis hin zum Spielplatz, der vielleicht nicht ganz sicher gebaut ist.

Was unterscheidet eine öffentlich-rechtliche Institution als Versicherungsnehmer von einem Privatkunden?
Die öffentliche Hand ist stark exponiert. Weil es immer auch um Politik geht, bietet eine Stadt- oder Gemeindeverwaltung grosse Angriffsfläche. Wenn etwas passiert, sind auch die Medien schnell präsent. Ein zweiter Unterschied gegenüber Privaten ist, dass die Investitionen dem Gesetz über das öffentliche Beschaffungswesen unterstehen. Weil dieses auch für Versicherungskosten gilt, erfordert eine Ausschreibung von Versicherungsverträgen umfangreiches Fachwissen und Erfahrung.

Wie gut sind die Schweizer Gemeinden versichert?
In den meisten, die wir analysiert haben, ist das Versicherungsportefeuille historisch gewachsen: Mit verschiedenen Agenturen vor Ort wurden Versicherungspolicen abgeschlossen. Es besteht kein ganzheitliches Konzept, eine systematische Risikoabdeckung fehlt oft.

Die Kommunen sind also unterversichert?
Einige Risiken sind ungenügend oder gar nicht versichert. Auf der anderen Seite gibt es auch Gefahren, gegen die sich die Gemeinden zu hoch oder gar doppelt abgesichert haben. Wir stellen generell fest, dass die meisten Gemeinden im Versicherungsbereich noch Optimierungspotenzial aufweisen.

Wie liesse sich dieses Sparpotenzial ausschöpfen?
Die Gemeinden müssten den Prämienfranken besser einsetzen, nämlich dort, wo Grossschäden lauern. Im Gegenzug könnten sie bei anderen Risiken den Selbstbehalt erhöhen oder punktuell ganz auf eine Versicherung verzichten. Als Basis für diese wichtigen Entscheidungen dienen ein professionelles Risikomanagement und eine gezielte Versicherungspolitik. Vielerorts fehlen diese Instrumente, stattdessen herrscht Konzeptlosigkeit.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Bei einer grösseren Gemeinde, für die wir arbeiten, haben wir bei der Aufnahme ­eines Inventars festgestellt, dass sie stark unterversichert war. Bei einem Brand oder einem anderen Grossereignis hätte die Gemeinde ein Problem gehabt, weil nur die Hälfte der Sachwerte versichert war. Wir haben die Versicherungssumme nach unserer Analyse verdoppelt.

Wie ist eine so grosse Unterversicherung möglich?
In vielen Gemeinden fehlt ein detailliertes Inventar der beweglichen Güter, der Fahrhabe. Deshalb basieren die Versicherungssummen oft auf Schätzungen. Manchmal kommen die Werte der Realität nahe, oftmals sind sie aber ungenügend. Um Unterversicherungen zu verhindern, arbeiten wir mit einem Schätzungsspezialisten zusammen.

Die Risiken analysieren ist das eine, der Abschluss einer Police das andere. Wie findet eine Gemeinde das beste Angebot?
Wichtig ist, dass sie ihr Versicherungsportfolio regelmässig überprüft und abgeschlossene Policen bei Bedarf neu ausschreiben lässt. Der Versicherungsmarkt ist sehr stark in Bewegung, es gibt neue Anbieter, neue Produkte, der Konkurrenzdruck ist gross. Die Ausgangslage in diesem Käufermarkt ist für die Versicherungsnehmer gut. Ein professioneller Versicherungsbroker sorgt dafür, dass seine Kunden optimale Versicherungsdeckungen zum Marktpreis erhalten.

Kann das eine Gemeinde nicht selber machen?
Es braucht viel Know-how, damit man Offerten für jene Deckungen bekommt, die eine Gemeinde tatsächlich benötigt. Der Broker nimmt erst einmal die Bedürfnisse detailliert auf, analysiert ihre Risiken und führt auf Grundlage der definierten Risikopolitik eine Ausschreibung durch. Die Angebote werden ausgewertet und eine Fachempfehlung abgegeben. Damit erarbeitet der Broker Entscheidungsgrundlagen. Die Gemeinde wählt auf dieser Basis die gewünschte Lösung.

Was kosten die Dienste eines Versicherungsbrokers?
Dem Kunden entstehen für unsere Dienstleistungen keine Mehrkosten. Im vorherrschenden Courtagesystem sind Beratungs- und Betreuungsaufwendungen in den Versicherungsprämien enthalten. Der Broker bekommt also von der Versicherungsgesellschaft, bei der die Gemeinde eine Police abgeschlossen hat, eine jährliche Betreuungsentschädigung. Damit sind auch die Beratungs- und andere treuhänderische Dienstleistungen abgedeckt, welche der Versicherer dem Broker überträgt.  

Wie kann eine Gemeinde sicher sein, dass sie neutral beraten wird, wenn ein Broker auf Provisionsbasis arbeitet?
Versicherungsbroker dürfen gemäss Gesetz weder rechtlich noch wirtschaftlich an eine Versicherungsgesellschaft gebunden sein. Beim Erstkontakt muss dem Kunden ausserdem dokumentiert werden, mit welchen Versicherungsanbietern der Broker zusammenarbeitet, wie er entschädigt wird, wie er bei einem allfälligen Beratungsfehler haftet und wie der Datenschutz sichergestellt ist. Ein professioneller Versicherungsbroker verzichtet zudem auf Zusatzentschädigungen vonseiten der Versicherungsanbieter. Es ist aber wichtig, dass der Kunde gut prüft, mit welchem Partner er zusammenarbeiten will.

Wie professionell ist die Branche?
Der Versicherungsbrokermarkt in der Schweiz hat sich vor allem in den letzten 15 bis 20 Jahren entwickelt und ist heute etabliert. Nach Auflösung der Versichererkartelle entstand ein grosses Bedürfnis nach unabhängiger und neutraler Beratung. Ein Broker fördert durch seine Tätigkeit im Auftrag des Kunden den Wettbewerb und schafft Transparenz im Zusammenhang mit der Vielzahl von Angeboten, Deckungskonzepten und Prämientarifen. Seit Anfang 2006 sind alle Broker dem Versicherungsaufsichtsgesetz unterstellt. Es definiert insbesondere die Unabhängigkeit und Neutralität der Versicherungsbroker.

Je grösser die Gemeinde, desto komplexer das Risikomanagement. Kann ein Versicherungsbroker auch für ­kleinere Gemeinden von Nutzen sein?
Diese haben vom Prämienvolumen her geringere Einflussmöglichkeiten auf die Preise. Ein Broker, der mehrere Gemeinden betreut, kann seine Erfahrungen auch kleineren Gemeinden zukommen lassen. Ausserdem profitiert die kleine Gemeinde von Grosshandels-preisen des Brokers aufgrund seines ­Volumens bei den Versicherungsgesellschaften. Ganz generell bedeutet unsere ­Arbeit für die kommunale ­Finanzabteilung auch eine Entlastung und ein Mittragen der Verantwortung im Risk Management. Damit decken wir ein Kundenbedürfnis ab.
 

Zur Person
Thomas Graf ist Versicherungsfachmann mit eidgenössischem Fachausweis und Geschäftsführer der Walser Consulting AG. Das Unternehmen betreut über 30 öffentlich-rechtliche Institutionen. Neben Städten und politischen Gemeinden zählen auch Kirchgemeinden und weitere Organisationen der öffentlichen Hand sowie Firmen zum Kundenkreis. Das Unternehmen mit Sitz in Rüschlikon ist seit 1971 als Versicherungsbroker tätig und Mitglied des Berufsverbandes Swiss Insurance Brokers Association SIBA.