Ein Labor für staatliche Innovationen

Ein Labor für staatliche Innovationen

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Labor für den Staat

Vier junge Menschen gründeten vor einem Jahr das Staatslabor zur Förderung von Innovation im öffentlichen Sektor. Geschäftsleiterin Alenka Bonnard erklärt, was das konkret bedeutet, wieso die meisten Innovationen heutzutage digital sind und weshalb den Gemeinden für den Service Public von morgen eine Schlüsselrolle zukommt.

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Gergely Zsolnai/Shutterstock

Ein Reagenzglas Digitalisierung, vermischt mit einem Tropfen Vernetzung und vielen neuen Ideen: Seit einem Jahr hat die Schweiz ein Staatslabor.

Hört man den Begriff «Staatslabor» zum ersten Mal, stellt man sich eher nichts Gutes darunter vor. Eine geheime Forschungseinrichtung der Regierung vielleicht, in welcher gefährliche Experimente durchgeführt werden. Oder die Verstaatlichung der Pharmaindustrie. Doch Alenka Bonnard, Geschäftsleiterin und Mitgründerin des Staatslabors, winkt ab: «Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich als Stelle für staatliche Innovation versteht. Das Staatslabor will eine Plattform schaffen, auf der sich Politik, Verwaltung, Bürger, Wissenschaft und Wirtschaft mit dem Ziel besserer staatlicher Dienstleistungen vernetzen.»

Gegründet wurde der Verein Staatslabor Anfang 2017 von vier jungen, engagierten Personen. Nebst der auf die Bewertung öffentlicher Politik spezialisierten Juristin Bonnard waren Danny Bürkli, Nicola Forster und Maximilian Stern beteiligt. Auf der Webseite des Staatslabors ist die Idee hinter der Gründung in einem Satz zusammengefasst: «Das Staatslabor unterstützt Staat und Öffentlichkeit dabei, mit innovativen Methoden und Technologien wirksame Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln und die sich
bietenden Chancen zu nutzen.» Seinen Sitz hat das Staatslabor im Impact Hub Bern.

Inspiration im Ausland

Die Idee zum Staatslabor kam nicht aus dem Nichts: Innovationsstellen für die öffentliche Verwaltung gibt es bereits in verschiedenen Ländern, etwa Grossbritannien, Dänemark oder Frankreich (siehe Box unten). Mit diesen Organisationen pflegt das hiesige Staatslabor einen regen Austausch. «Eins zu eins übernehmen kann man im Ausland entwickelte Lösungen allerdings nicht. Die Schweiz ist mit dem föderalen Aufbau und der direkten Demokratie völlig anders organisiert als die anderen Länder», sagt Bonnard.

Inspirationen und Expertise kann man sich dort aber sehr wohl holen. Denn die Probleme ähneln sich überall: «Das dänische Mindlab etwa ist aus der Einsicht heraus entstanden, dass verschiedene Bundesämter besser miteinander zusammenarbeiten sollten», sagt Bonnard. Denn in der heutigen, komplexen und sich immer schneller verändernden Welt betreffen Probleme immer unterschiedliche Verwaltungseinheiten.

Finanziert wird das Schweizer Staatslabor in der Startphase von der 2012 gegründeten Stiftung Engagement Migros, die sich der Förderung von Pionierprojekten im gesellschaftlichen Wandel verpflichtet hat. «Das ist für Kontinentaleuropa sehr fortschrittlich», sagt Bonnard. «In Grossbritannien oder den USA engagieren sich Stiftungen schon länger im Bereich staatlicher Innovationen, hierzulande ist das noch ungewöhnlich.»

Im Verlauf des Jahres 2018 will man neu Mitgliedschaften im Verein Staatslabor anbieten. Im Visier hat man auch Städte und Gemeinden, damit diese einen günstigen Zugang zu den Veranstaltungen und zum Netzwerk des Staatslabors erhalten. «Das ist insbesondere für innovationsfreudige kleinere Gemeinden interessant, die sich nicht alleine um die Weiterentwicklung ihrer Angebote kümmern können», sagt Bonnard. Aus diesen Mitgliedschaften soll auch ein gewisses Einkommen generiert werden, denn in Zukunft muss das Staatslabor auf eigenen Füssen stehen können.

Ausganspunkt für das Wirken des Staatslabors ist der Design-Thinking-Ansatz. Diese Methode basiert auf der Annahme, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem die Kreativität fördernden Umfeld zusammenarbeiten, gemeinsam eine Fragestellung entwickeln, die Bedürfnisse und  Motivationen von Menschen berücksichtigen und dann Konzepte entwickeln. Das tönt anstrengend, ist aber sicher zielführender als aus dem Elfenbein- oder Bundeshausturm hinaus nicht praxiserprobte Lösungen zu diktieren. «Das gute an dieser Herangehensweise ist, dass sie den Nutzer im Fokus hat, und zwar sowohl den Bürger als auch den Staatsangestellten», so Bonnard.

Erst einmal zuhören

Im ersten Jahr seines Bestehens hat das Staatslabor-Team darum folgerichtig viel zugehört: Bei Besuchen auf verschiedensten Verwaltungen, vom Bundesamt bis zur Kleingemeinde, wurde viel mit den dort Arbeitenden gesprochen, um herauszufinden, was die Bedürfnisse und Herausforderungen in ihrem Arbeitsalltag sind. Daneben wurden verschiedenste Veranstaltungen organisiert, etwa mit digital affinen Verwaltungsmitarbeitern. «Es kamen nicht nur Junge, sondern auch Ältere, welche Innovationen gegenüber offen sind», sagt Bonnard.

Die Themen, die an den Events des Staatslabors diskutiert werden, sind teilweise ungewöhnlich und zeugen vom frischen Geist, der im Verein herrscht. Im September wurde beispielsweise ein Treffen zwischen Softwareentwicklern und Verwaltungen organisiert, das unter dem Motto stand: «Wie können Videospiele für den öffentlichen Bereich nützlich sein?».

Seit Juli lädt das Staatslabor jeden ersten Donnerstag im Monat über Mittag zur Diskussionsrunde «Staatskantine». Dort sprechen Experten aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zu Themen wie Blockchain, Wirkungsstudien, Smart City, Social Media oder Algorithmen. Danach folgt ein informeller Austausch mit den Anwesenden.

Viele Innovationen sind digital. Aber nicht weil Digitalisierung per se etwas Gutes wäre, sondern weil es oft die einfachste und logischste Lösung eines Problems ist.

Alenka Bonnard
Alenka Bonnard, Geschäftsleiterin Staatslabor

Digitalisierung als Chance

Nachdem im letzten Jahr der Austausch und das Kennenlernen von Menschen und Herausforderungen im Zentrum standen, startet das Staatslabor 2018 mit konkreten Projekten. Dabei fällt auf: Meist wird Innovation mit Digitalisierung gleichgesetzt. «Es geht primär um Menschen und diese sind analog. Aber es ist schon so, dass viele Innovationen eine digitale Form haben. Aber nicht weil Digitalisierung per se etwas Gutes wäre, sondern weil es oft die einfachste und logischste Lösung eines Problems ist», sagt Alenka Bonnard. Schliesslich sind Smartphone und Internet nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken.

Ein konkretes Beispiel sind Formulare für Sozialhilfeempfänger: Auch hier ist klar, dass diese Dokumente digitalisiert werden sollten. «Macht man aber einfach aus dem bestehenden Formular ein PDF und stellt dieses online, hat man aus Nutzersicht nicht viel gewonnen», sagt Bonnard. Denn diese Formulare sind alt und weder auf die Bedürfnisse der heutigen Verwaltung noch auf die der potenziellen Kunden zugeschnitten. «Das Vokabular ist kompliziert, dieses ‹Beamtendeutsch› ist für viele Nutzer nicht selbsterklärend. Es macht viel mehr Sinn, wenn man sich das Formular mit der Zielgruppe genauer anschaut und einfacher macht. Das reduziert später den Aufwand auf der Verwaltung», sagt Bonnard. Konkret könnte man sich vorstellen, dass in einem Kontextmenü komplizierte Begriffe in einfacher Sprache erklärt werden.

Bonnard geht in ihren Überlegungen sogar noch einen Schritt weiter: «Es wäre doch schön, wenn man online einfach einen Fragebogen ausfüllen könnte und anhand der Angaben die komplizierten Formulare automatisch ausgefüllt würden. Das wäre in manchen Fällen durchaus machbar.» Intelligente Formulare, welche für die Bürger gemacht sind – so stellt man sich beim Staatslabor den Service Public der Zukunft vor. «Die Digitalisierung bietet eine Riesenchance, denn man sollte nicht einfach Bestehendes online stellen, sondern immer hinterfragen, ob man es nicht besser machen könnte», sagt Bonnard.

Eine weitere Herausforderung für die öffentliche Hand ist es, ein attraktiver Arbeitgeber für Millennials zu sein. Noch immer gilt die Verwaltung als «unsexy», hat ein angestaubtes Image. Doch für den Staat ist es essenziell, dass Talente nicht nur bei hippen Start-ups der Kreativbranche oder bei als innovativ geltenden Konzernen wie Google oder Facebook arbeiten wollen, sondern auch auf einer Verwaltung. «Der Staat hat eigentlich einen grossen Vorteil», so Bonnard. «Für Millennials ist die Sinnfrage ihrer Arbeit sehr wichtig.  Unternehmen aus der Privatwirtschaft müssen diesen Sinn erst kreieren. Beim Staat stellt sich diese Sinnfrage nicht. Jedem ist ersichtlich, dass es um das Gemeinwohl geht.»

Schlüsselrolle der Gemeinden

Doch ist der Staat überhaupt bereit für solche Innovationen? Schliesslich gilt die Verwaltung ja landläufig als «träge». Alenka Bonnard muss lachen und fügt an: «Das World Wide Web wurde Ende der 80er-Jahre am Cern in Genf primär für den staatlichen Gebrauch entwickelt.» Oft würden gute und innovative Ideen aus dem staatlichen Umfeld kommen. Weil dann aber Private diese Ideen umsetzen, würden sie nicht mit dem Staat assoziiert. «Es ist aber schon so, dass der Druck innovativ zu sein in der Privatwirtschaft höher ist. Ein nicht innovatives Unternehmen kann Konkurs gehen, einer Behörde kann das nicht passieren.»

In der Schweiz sei der Staat aber gut mit dabei. Ein Beispiel: «In anderen Ländern, in denen der ÖV nicht so gut ausgebaut ist wie in der Schweiz, konkurrenziert Uber nicht nur die Taxibranche, sondern auch Busse und Züge.» Zudem dürfe der Staat sich auch nicht total aus der digitalen Welt raushalten: «Die aktuelle Diskussion um die Netzneutralität in den USA zeigt deutlich auf, dass der Staat auch in der digitalen Zukunft Verantwortung tragen muss.»

Den Gemeinden attestiert Bonnard eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der Bürgerservices der Zukunft – schliesslich sind sie am nächsten beim Bürger. «Zudem haben sie auch mehr Raum als Kantone oder der Bund, um etwas einfach einmal auszuprobieren.» Es gebe sehr innovative Lösungen von Gemeinden. Nur sei das Bewusstsein, dass man etwas Innovatives gemacht habe, oft nicht so gross. Städte und Gemeinden könnten laut Bonnard eine viel grössere Rolle spielen, wenn man besser kommunizieren würde, nicht nur gegen aussen, sondern auch untereinander. «Es wird viel Gutes getan, aber wenig darüber gesprochen», fast Bonnard zusammen. Zudem seien die Schweizer generell eher bescheiden und würden nicht alles an die grosse Glocke hängen.

Den Arbeitsalltag auf einer Schweizer Verwaltung stellt sich Bonnard künftig viel flexibler vor als heute. Im Fokus werde nicht mehr das erfüllen der Arbeitszeit, sondern die Schaffung von Mehrwert für die Gesellschaft stehen. Vieles wird digital erledigt, aber ein physisches Gemeindehaus werde es weiterhin geben. «Vielleicht bin ich da ein bisschen altmodisch, aber ich mag, dass meine Gemeinde sicht- und fassbar ist. Menschen schätzen den persönlichen Kontakt.»

Und für diesen werden die Staatsangestellten künftig mehr Zeit haben: «Anstatt Informationen in kryptische Standardformulare zu füllen, wird die Beratungsfunktion wichtiger.» Die Digitalisierung macht den Job auf der Gemeinde also anspruchsvoller – aber auch interessanter und persönlicher.

«Staatslaboratorien» in anderen Ländern

Nesta (Grossbritannien)

Nesta ist eine gemeinnützige britische Stiftung, deren Ziel es ist, mit innovativen Methoden in gesellschaftlichen Spannungsfeldern wie Gesundheitswesen, Bildung und Kultur Impulse zu setzen. Mit neuen Ideen will Nesta den grossen Herausforderungen unserer Zeit begegnen: die alternde Gesellschaft, ein sich immer schneller ändernder Arbeitsmarkt oder ineffiziente Behördendienstleistungen.

www.nesta.org.uk

Mindlab (Dänemark)

Die Idee hinter dem Mindlab ist ähnlich wie bei Nesta. Doch es gibt einen gewichtigen Unterschied: Die dänische Initiative ist aus dem Verwaltungsapparat selber herausgewachsen, als Ort, wo verwaltungsübergreifende neue Ideen entwickelt werden können. Dies explizit auch mit Hilfe von Bürgern und Wirtschaft.

Das Mindlab gehört zu den Vorreitern der «cross-governmental innovation», also der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Regierungs- und Verwaltungsinstitutionen. Die dänische Förderung der departementsübergreifenden Zusammenarbeit und der Kampf gegen das Gärtchendenken hat inzwischen viele Nachahmer in anderen Ländern gefunden.

www.mind-lab.dk/en

La 27e Région (Frankreich)

Die französische Initiative «La 27e Région» will Verwaltungen dazu befähigen, selber Innovationsprozesse anzustossen und umzusetzen. Im direkten, persönlichen Austausch werden neue Wege der Begegnung von Staat und Bürgern erkundet und erprobt. Es wird weniger streng wissenschaftlich-rational als partizipativ und gewissermassen ethnografisch gearbeitet.

Partner sind regionale und lokale Behörden sowie Bürger. Ziel ist es, Wissen, Ideen und Rückmeldungen für einen besseren Service Public zu sammeln und Interessierten zur Verfügung zu stellen.

www.la27eregion.fr

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.