Avenir-Suisse-Studie: Zweitwohnungsbesitzer können Berggebieten viel bringen

Avenir-Suisse-Studie: Zweitwohnungsbesitzer können Berggebieten viel bringen

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Teaserbild-Quelle: Bild: Wladyslaw (CC BY-SA 3.0)

Das Ja zur Zweitwohnungsinitiative vor knapp fünf Jahren löste zunächst einen Bauboom und danach einen Einbruch bei den Baubewilligungen für Mehrfamilienhäuser in Berggebieten aus. Der Think-Tank Avenir Suisse spricht in seiner neusten Studie von einem Rückgang von bis zu 90 Prozent in gewissen Regionen.

Auf diesen «kalten Entzug» müssten die betroffenen Gemeinden reagieren. Die Studie schlägt vor, die 300 000 bis 400 000 Besitzer von Zweitwohnungen im Berggebiet zu «Katalysatoren für den Strukturwandel» zu machen. Sie seien häufig einkommensstarke, gut ausgebildete und mobile Menschen. Sie könnten am zweiten Wohnsitz Wissen und Kapital der Gemeinde oder einem Unternehmen zur Verfügung stellen, wie dies mancherorts schon getan wird. Die Studie erinnert an den lungenkranken Niederländer Willem-Jan Holsboer, der im 19. Jahrhundert in Davos GR lebte und als Initiant der Rhätischen Bahn gilt.

Zweitwohnungsbesitzer sollten nicht als finanzielle Einnahmequelle betrachtet werden, sondern als Partner, empfehlen die Autoren der Studie. Ein Weg dazu wäre das Mitspracherecht in der lokalen Politik, etwa über einen «Rat der Zweitwohnungsbesitzer». Auch Milizämter könnten für sie zugänglich gemacht werden.

Die Studie stellt weiter steuerliche Anreize zur Diskussion, die Zweitwohnungsbesitzer bewegen könnten, ihren Wohnsitz und ihre Aktivitäten in die Berge zu verlegen. Sie denken nicht zuletzt an Babyboomer, die nach der Pensionierung neue Betätigungsfelder suchen und meist frei in der Wahl ihres Wohnortes sind.

Potenzial sehen die Studienautoren zudem in der Erneuerung von zwischen den 60er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebauten Ferienwohnungen. Und auch bewährte Mittel wie neue Bewirtschaftungsformen für Miet-Zweitwohnungen werden aufgeführt.

Kräfte werden gebündelt

Mit der Anregung «Kräfte bündeln» nimmt die Studie auf, was in den letzten Jahren vielerorts schon an die Hand genommen worden ist: Um Koordinationsprobleme zu lösen – etwa beim Planen und Bauen oder bei der touristischen Vermarktung – haben sich an vielen Orten der Schweiz mehrere Berggemeinden zu einer Talschaft zusammengetan. Die Studie zählte zwischen 2000 und 2015 43 Talschaftsfusionen mit 224 beteiligten Gemeinden. Die neu gebildeten Gemeinden haben mit durchschnittlich 3500 Einwohnern eine immer noch vergleichsweise kleine Bevölkerung, die allerdings auf einer grossen Fläche lebt.

Die sechs Gemeinden im Münstertal im Kanton Graubünden etwa waren mit zusammengezählt 15 Millionen Franken verschuldet – dem Fünffachen ihrer Steuereinnahmen. Als sie 2009 zur Talschaft fusionierten, erhielten sie vom Kanton eine Prämie von 8,6 Millionen Franken. Das Geld erlaubte laut Studie den finanziellen Neustart.

Allerdings ist für die Studienautoren auch der «geordnete Rückzug» eine Option. Extensive Nutzungen hätten in den Bergen eine lange Tradition, heisst es in der Studie dazu. Erwähnt werden Maiensässe oder nur im Sommer bewirtschaftete Täler.

Bei der Subventionspolitik des Bundes sieht die Studie «vertane Chancen». Sie enthält eine Liste von infrastrukturellen Prestigeprojekten, bei denen das Verhältnis von Kosten und Nutzen fragwürdig sei. Unter den Beispielen sind Strassenbauprojekte wie die Nationalstrasse im Prättigau oder die Transjurane im Jura. Für die Hälfte des für die Ortsumfahrungen im Prättigau ausgegebenen Geldes hätte in Chur ein Neubau für die Hochschule für Technik und Wirtschaft erstellt werden können, moniert die Studie. Wäre die wenig befahrene Transjurane «weniger perfektionistisch» gebaut worden, wäre laut Studie Geld geblieben für die Entschuldung der Kantone Jura und Neuenburg.

Gute Diskussionsgrundlage

Empfehlungen macht die Studie auch für die Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK). Ihr inhaltlicher Fokus liege traditionell auf der Lobbyarbeit bezüglich föderaler Transferzahlungen. Die Studie empfiehlt der Konferenz einen Fokus auf dem Strukturwandel.

Die RKGK sieht in der Studie laut einer Mitteilung «grosse Übereinstimmungen» mit den eigenen Analysen und Strategien – aber auch Lücken, die ergänzt werden sollen. Ein wichtiger Aspekt käme zum Beispiel zu kurz: die Einschränkung des Handlungsspielraums des Berggebiets durch regulatorische Massnahmen, die sich faktisch nur beziehungsweise hauptsächlich im Berggebiet auswirken – etwa die Zweitwohnungsgesetzgebung oder auch die Schutzinventare der Umweltschutzgesetzgebung. «Kurz: Es besteht in einem ersten Schritt dringender Handlungsbedarf, um die Handlungs- und Wettbewerbsfähigkeit zumindest zu stabilisieren. Auch dann bleibt die Meisterung des Strukturwandels noch anspruchsvoll genug», schreibt die Konferenz.

Alles in allem findet die RKGK in der Studie und in ihrer eigenen Strategie aber „interessantes Diskussions- und Synergiepotenzial“. Es sei jedoch einfacher, Strategien zu entwickeln, als diese dann durch konkrete Massnahmen auch umzusetzen. Der Teufel stecke bekanntlich im Detail. Somit bestehe hinreichend interessanter Diskussionsstoff. Deshalb werden die Gebirgskantone nun mit Avenir Suisse den „konstruktiv-kritischen Dialog“ suchen, um das wichtige Thema des Strukturwandels im Berggebiet zu vertiefen. (sda/mt)

Mehr zum Thema: Artikel «Randregionen ohne Perspektive», Kommunalmagazin 1/2017