Velofahren im tiefsten Winter

Velofahren im tiefsten Winter

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Teaserbild-Quelle: StockSnap/Pixabay
Velofahren im Winter

Die Stadt Bern will das Velofahren attraktiver machen. Letztes Jahr startete sie deshalb einen fünfjährigen Pilotversuch, bei dem im Winter nicht nur die Strassen, sondern auch eine Veloroute quer durch die Stadt vom Schnee befreit wird. Das gewünschte Ergebnis lässt aber noch auf sich warten.

Die Hauptstadt der Schweiz ist sie schon, doch die Stadt Bern hat auch in zweirädrigen Angelegenheiten die Nase vorn: Sie will zur Velohauptstadt der Schweiz werden.

Mit der Velo-Offensive, deren Umsetzung der Gemeinderat 2015 beschlossen hat, soll der Veloanteil auf den Berner Strassen in den nächsten Jahren fast verdoppelt werden. «Die Zahl der ÖV-Benutzer steigt. Der Anteil der Velofahrenden am Gesamtverkehrsaufkommen verharrt aber seit Jahren hartnäckig bei elf Prozent», sagte Patric Schädeli, Abteilungsleiter Betrieb und Unterhalt des Tiefbauamts der Stadt Bern, am letztjährigen Winterdienstkongress.

Kapazitätsgrenzen im öffentlichen Verkehr

Das soll sich nun ändern: Bis 2030 will Bern einen Veloanteil von 20 Prozent erreichen – ein ehrgeiziges Ziel. «Dass dies möglich ist, zeigt die dänische Hauptstadt Kopenhagen: In sechs Jahren konnte dort der Veloanteil von 30 auf 36 Prozent gesteigert werden», sagt Schädeli zuversichtlich. Da der öffentliche Verkehr heute zu Spitzenzeiten bereits an seine Kapazitätsgrenzen stosse, soll ein Grossteil des prognostizierten Mehrverkehrs durch das Velo aufgefangen werden.

Aus diesem Grund hat Bern im Rahmen der Velo-Offensive unterschiedliche Massnahmen zur Förderung des Radverkehrs beschlossen. Eine davon ist der fünfjährige Winterdienst-Pilotbetrieb auf bestimmten Velowegen.

Erste Hauptroute eröffnet

Für den schrittweisen Ausbau des Berner Velonetzes wurden in der Velo-Offensive elf Hauptrouten definiert, die radial via Zentrum in die verschiedenen Aussenquartiere führen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden ein bis zwei Tangentialrouten dazukommen. «Sie decken die Hauptverkehrsverbindungen der Stadt Bern ab», so Schädeli.

Nach der Realisierung baulicher Massnahmen sowie von Markierungen und Signalisationen konnte die erste Route – vom Hauptbahnhof zum Wankdorfquartier – bereits im Juni 2016 eröffnet werden.

Im Winter attraktiv bleiben

«Bern will eine umweltgerechtere Mobilität. Dafür muss die Stadt auch die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen», betont Schädeli. Das heisst, die Velowege müssen durchgehend und ganzjährig in einem sicheren Zustand genutzt werden können, um für Velofahrer attraktiv zu sein. Bislang war das nicht der Fall. Die in den Strassenraum integrierten Velowege werden
beim Winterdienstbetrieb gewöhnlich als Depot für den weggeräumten Schnee verwendet und sind dadurch für Velofahrer wenig einladend.

Dazu kommt, dass Velowege gewissermassen mit dem öffentlichen Verkehr konkurrieren: «Solange wir ein gut funktionierendes ÖV-Netz haben, steigen viele im Winter lieberauf die öffentlichen Verkehrsmittel um. Man muss zugunsten des Veloverkehrs also eigentlich mehr unternehmen, um das Velo als Verkehrsmittel attraktiv zu machen», ist Schädeli überzeugt.

Schluss mit Schneedepot

Für den fünfjährigen Pilotbetrieb hat Bern die Velowege vom Wankdorfplatz über den Hauptbahnhof bis nach Bümpliz in die erste Winterdienst-Dringlichkeitsstufe aufgenommen. Aus Effizienzüberlegungen wird der Pilotbetrieb nicht nur auf der ersten Velohauptroute, sondern zusätzlich auf der geplanten, aber noch nicht umgesetzten Route vom Hauptbahnhof nach Bümpliz durchgeführt (siehe Grafik).

Karte der Berner Velohauptroute
Quelle: 
zvg

Der Pilotbetrieb betrifft die Strecke von Bümpliz über den Hauptbahnhof bis zum Wankdorfplatz.

Das heisst: Auf der gesamten Strecke muss der Schnee innerhalb von drei Stunden geräumt werden – der Veloweg wird also gleich behandelt wie die Strasse für die Motorfahrzeuge. An den Stellen, die zuvor als Schneedepot dienten, darf der Schnee also nicht mehr liegen bleiben, sondern muss abtransportiert werden. Er darf aber nicht einfach auf der nächstbesten Wiese abgeladen werden, schliesslich wurde er, wie jener auf der Strasse auch, bereits mit Auftausalz behandelt. «Es muss sich um einen Depotplatz handeln, von dem aus das Wasser in die Abwasserreinigungsanlage fliesst», erklärt Schädeli.

Insgesamt umfasst die Pilotstrecke zwischen dem Wankdorfplatz und Bümpliz rund sieben Kilometer im Strassengebiet und zusätzlich 500 Meter von der Fahrbahn getrennte Velowege. Total – das heisst auf beiden Strassenseiten – ergibt das eine Strecke von 15 Kilometern, die vom Schnee befreit werden muss. «Wir haben im Vorfeld klar festgelegt, wo wir den Schnee abführen und wo er liegen bleibt.»

Wo bleiben die Übungssituationen?

Wie hat sich der Pilotbetrieb im ersten Winter denn nun bewährt? Konnten Lehren daraus gezogen werden, bevor sich nun vielleicht schon bald wieder erste Schneeflocken blicken lassen? Hätte die kalte Jahreszeit Ende 2016 und Anfang 2017 grosse Schneemassen bis in tiefe Lagen gebracht, könnte Bern sicherlich über interessante erste Erfahrungen berichten. Das Wetter kann aber bekanntlich niemand steuern. Und so kam es, dass die erste Pilotbetrieb-Saison in Bern ohne grosse Winterdienst-Einsätze und vor allem ohne wirkliche Erfahrungswerte verstrich.

«Der Winter war definitiv unterdurchschnittlich. Wir hatten kaum Pflugeinsätze, für den Winterdienst auf den Velowegen genügte das Ausbringen von Salz und Sole», berichtet Schädeli. Man hoffe natürlich, dass es in den fünf Jahren des Testbetriebs doch noch den einen oder anderen schneereichen Winter gebe. «Auch um zu sehen, ob auf der operativen Ebene alles wie geplant funktioniert.»

Blick aus dem Fenster

Ganz ohne neue Erkenntnisse startet Bern allerdings nicht in die nächste Saison. Die Stadt hat beispielsweise bei Veloverbänden und Quartiervereinen Umfragen durchgeführt, um sich ein Bild davon zu machen, was die Berner vom Pilotbetrieb halten. «Die Rückmeldungen waren positiv. Es hat sich aber auch gezeigt, dass wir das Angebot in der Öffentlichkeit noch bekannter machen müssen», sagt Schädeli. Mit Medienmitteilungen beim Wintereinbruch und entsprechenden Plakaten auf der Veloroute soll das Angebot diese Saison deshalb besser angepriesen werden.

Weiter stellten die Verantwortlichen fest, dass für die Velofahrer primär relevant ist, wie sich der Weg bis zur geräumten Velohauptroute präsentiert. «Ob man am Morgen das Velo nimmt, hängt davon ab, was man sieht, wenn man aus dem Fenster schaut. Die Situation vor der Haustür entscheidet in der Regel darüber, welches Verkehrsmittel jemand wählt.» Eine Aufnahme von Quartierwegen in die erste Dringlichkeitsstufe würde den Rahmen der Velo-Offensive allerdings sprengen, so Schädeli. Der Aufwand wäre schlicht zu gross. Schon der Testbetrieb zwischen Wankdorf und Bümpliz führe zu einem Mehraufwand.

Von vielen Faktoren abhängig

Ob die Werbekampagne für die geräumte Velohauptroute Wirkung zeigt, lässt sich erst im nächsten Frühling abschliessend beurteilen. Ganz so einfach ist die Evaluierung der Auswirkungen allerdings nicht. Die Stadt Bern betreibt während des Pilotbetriebs zwar ein breit gefächertes Monitoring: Sowohl die Wirkung auf den Verkehr als auch jener auf die Umwelt sowie das Nutzungsverhalten werden überprüft.

Doch nach wenigen Saisons sind klare Aussagen zum Effekt des Winterdienstes schwierig, sind es doch verschiedenste Faktoren, welche die Verkehrsmittelwahl der Berner beeinflussen. «In stärkeren Schneeperioden würden wir vermutlich eine Veränderung auf den Velowegen feststellen», so Schädeli. Ob die Zahl der Velofahrer auf der geräumten Route im Vergleich zu früheren Wintern ansteigt, ist leicht zu messen.

Ob die zusätzlichen Velofahrer eigentlich Autofahrer sind, die auf die zweirädrige Alternative umgestiegen sind, oder Leute, welche sonst die öffentlichen Verkehrsmittel benützen, erfährt man dabei aber nicht. Dafür müssten zusätzlich die entsprechenden ÖV-Fahrgastzahlen erhoben werden. Ein messbarer Anstieg des Veloverkehrs auf der Hauptroute wäre aber immerhin bereits ein gutes Zeichen.

Anschaffung neuer Gerätschaften

Im Unterschied zu den Auswirkungen auf den Verkehr ist das Ergebnis des Pilotbetriebs auf der Kostenseite eine klare Angelegenheit. Um die nötigen Geräte und Fahrzeuge für den Velowinterdienst anzuschaffen, hat der Gemeinderat einen einmaligen Kredit von 290 000 Franken gesprochen. Damit konnten ein Kleintraktor, ein Geräteträgerfahrzeug sowie eine Schneefräse angeschafft werden.

Diese verstauben ohne den erhofften Schneefall glücklicherweise aber nicht einfach im Werkhof: «Die Fahrzeuge können wir mehrheitlich auch an anderen Orten gebrauchen», so Schädeli. Lediglich die neue Schneefräse muss noch auf ihren Einsatz warten.

Abstriche auf anderen Stufen

Der Pilotbetrieb muss insgesamt aber kostenneutral durchgeführt werden können. «Das war von Anfang an die Auflage. Deshalb mussten wir auf den Routen der zweiten Dringlichkeitsstufe Einsparungen machen.» Konkret heisst dies, dass einzelne Verträge mit externen Dienstleistern aufgelöst werden mussten. Zudem wurden andere Winterdienstrouten angepasst. «Wir sind nun länger unterwegs, bis alles geräumt ist. Die entsprechenden Vorgaben werden durch die Anpassung zwar noch eingehalten, doch gewisse Strassen können nun gezwungenermassen erst später vom Schnee und Glatteis befreit werden», erklärt Schädeli.

In der ersten Saison bekam die Berner Bevölkerung aber kaum etwas von diesen Veränderungen mit. Wie es künftig aussieht, wird sich noch zeigen. Die Bilanz des ersten Winters fällt definitiv ernüchternd aus. Der Stadt Bern bleiben aber noch vier Wintersaisons zum Üben – genug Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und Entscheidungsgrundlagen für den künftigen Ausbau des Velonetzes zu schaffen.

Demnächst geht die Erfahrungssammlung in die zweite Runde. Und wer weiss, vielleicht hält Petrus diesen Winter die eine oder andere Überraschung bereit.

Autoren

Nadine Siegle
Stv. Chefredaktorin Kommunalmagazin

Nadine Siegle hat an der Universität Zürich Rechtswissenschaft studiert und 2013 abgeschlossen. Seit September 2016 ist sie stellvertretende Chefredaktorin beim Kommunalmagazin. Sie interessiert sich besonders für Themen der Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie für den sozialen Wandel.