Für eine Handvoll Salz

Für eine Handvoll Salz

Gefäss: 

Das Auffällige an der Salzgewinnung ist das Unauffällige: Nur ein Elektroverteiler und zwei Schachtdeckel weisen auf das Bohrloch bei Riburg AG hin. Auch die Pumpstation sieht mit ihrem Giebeldach so unverdächtig aus wie ein Gerätehaus. Doch im Bauch des einstöckigen Gebäudes verlaufen Rohrleitungen, die viele Gemeinden interessieren dürften. Hier wird Sole gepumpt, die wenige Kilometer weiter in der Saline Riburg zu Auftausalz verwertet wird. Und genau dieses Salz ist seit einigen ungewöhnlich kalten Wintern zum Politikum geworden. Nicht nur Baumfreunde und Autofahrer streiten in den Leserbriefspalten über den optimalen Winterdienst. Auch Bund und Kantone sind Anfang Jahr in die Schlagzeilen geraten. Die Meinungen im Publikum waren rasch gemacht: Wenn es öfter schneit, muss halt mehr Salz her – und zwar sofort. Doch im Gegensatz zum Trinkwasser lässt sich beim Salz nicht einfach der Hahn aufdrehen.

Leichtgewichte und Rüttler
Als die Rheinsalinen 1837 gegründet wurden, gab es weder Autobahnen noch Fernsehteams, die erboste Fahrer über das mangelnde Salz wettern liessen. Dafür existierte bereits das Solelaugungsverfahren, das auch heute noch zur Anwendung kommt. Mit Bohrungen werden salzhaltige Gesteinsschichten erschlossen. Durch die Bohrlöcher wird mit einem Druck von 10 bis 20 bar Wasser gepresst, welches das Salz aus dem Gestein löst. Die so entstandene Salzlösung, die Sole, wird abgepumpt und eingedampft.
Dieses Grundprinzip ist immer noch dasselbe. Geändert haben sich die Effizienz und die Arbeitsbedingungen. Parallel zu einer immer grösseren Produktionsmenge wurde die Arbeit in den Salinen auch weniger belastend. Mussten  die Arbeiter früher noch zu zweit die grossen Hundertkilosäcke stemmen, können sie heute auf Gabelstapler  zurückgreifen. Und während das Salz in den 30er- und 40er-Jahren noch von Hand aus grossen Siedepfannen geschaufelt und in Trocknungsräume gebracht werden musste, übernimmt diese Arbeit heute ein Industrietrockner. Das schüttelnde und rüttelnde Monstrum entzieht den Salzkristallen in kürzester Zeit die letzte Feuchtigkeit. Lange Förderbänder transportieren das Salz dann in eine der Lagerhallen oder in die Absackanlage.
Dieser Produktionsprozess ist weitgehend automatisiert. Deshalb trifft man in den Hallen der Saline nur wenige Menschen an, meistens in Aufsichts- und Steuerungsfunktionen. Das leise Rattern des Salzförderbandes und entfernte Rufe sind die einzigen Geräusche, die in der Kuppel des Siloturms zu hören sind. Auf dem weiss bestäubten Boden verläuft eine Spur von Fussabdrücken. Fast wähnt man sich auf dem Mond.

Leise rieselt das Salz
Neben den älteren Lagerhallen erhebt sich seit 2005 die Kuppel des Saldome. Mit einem Durchmesser von 93 Metern und einer Höhe von 31 Metern ist er eine der grössten Holzkuppelbauten in Europa. Unter der grauen Dachhaut versteckt sich eine raffinierte Holzkonstruktion und das grösste Salzlager der Schweiz. Wenn Salz das weisse Gold ist, ist der Saldome Fort Knox. Bis zu 80 000 Tonnen Auftausalz können hier gelagert werden. Vom Förderbandauslass im Zenit der Kuppel rieselt ein steter Salzstrom auf den riesigen Haufen. Er erinnert an leichten Schneefall und das Grundproblem des Winterdienstes: Die Salzproduktion ist auf eine bestimmte Menge pro Tag limitiert, sie lässt sich nicht einfach an die Witterung koppeln.
Der Saldome war eine Reaktion auf den harten Winter 1999/2000. Mit einem massiven Ausbau der Lagerkapazität wollten die Rheinsalinen eine Reserve schaffen. Für einige Jahre ist ihnen das auch gelungen. Doch diesen Frühling wurde bereits das Baugesuch für den Saldome 2 eingereicht. Die neue Halle soll noch grösser werden als die erste und die Gesamtlagerkapazität der Salinen von 130 000 auf 230 000 Tonnen steigern. Es sind Salzmengen, die das an Streuer und Silo gewöhnte Denken überfordern.  
Das Bauvorhaben wird nötig, weil die Rheinsalinen die verladenen Mengen massiv gesteigert haben. «Früher wurden pro Tag maximal 3000 Tonnen verladen, heute sind es bis zu 8000», sagt Armin Roos, Leiter Marketing. «Für die Abnehmer ist das ein Vorteil, aber unsere Lager werden wegen dieser Beschleunigung immer rascher leer.» Als im Winter 2009/2010 das Salz zur Neige ging, konnte man in Riburg nur noch die jeweilige Tagesproduktion verkaufen. Mit dem Saldome 2 soll ein zusätzlicher Puffer geschaffen werden. Ob sich der immer noch zunehmende Salzhunger der Schweizer Gemeinden und Städte damit stillen lässt, ist aber ungewiss. Und auch die revidierten Einsatzempfehlungen für den Winterdienst, die vielerorts reduzierte Salzmengen vorsehen macht daskapriziöse Wetter zuweilen hinfällig. Wenn die Equipen drei Mal pro Tag ausrücken müssen, steigt der Verbrauch trotz moderatem Salzeinsatz.

Trax und Schaufel
Menschen sieht man in dieser weiss bestäubten Landschaft nur wenige. Etwa Felix Hirschi, der in der Absackanlage ein Auge auf die Maschinen hält. Zurzeit werden 25-Kilo-Säcke abgefüllt. «Im Moment ist es ruhig, aber das wird sich wieder ändern», sagt Hirschi. Vom Hochbetrieb mit seinen Doppelschichten ist man im Juli noch weit entfernt. Auch die Lager sind noch lange nicht gefüllt. Die Nachwehen des Winters und die vielen Verkäufe haben ihre Spuren hinterlassen. Wenn Fahrer Kurt Lang mit seinem gelben Trax durch die Halle braust, um Salzberge umzuschichten, bleibt ihm jede Menge Platz. Dass er mit der grossen Schaufel Salz statt Schnee umherschiebt, fällt dem Routinier schon lange nicht mehr auf. «Daran ist nichts Spezielles», meint Lang, «ungewöhnlich ist nur, dass wir im Moment so wenig an Lager haben.» Auch die zwei Hilfskräfte, die unter einem Förderband Salzreste auf die Seite schaufeln, sehen nichts Besonderes an ihrer Tätigkeit. Doch wer sich nicht jeden Tag mit Salz beschäftigt, stutzt immer wieder. In der Saline könnte man einen surrealen Film drehen, der Schnee mit Salz ersetzt. Die meterhohen Salzdünen erschienen dann wie der Traum jedes Werkhofchefs – und als Garantie, auch beim ärgsten Wetter noch salzen zu können.

Chauffeur und Roboter
Zuerst muss das Salz aber auf den Werkhof gelangen. Der ewige Konflikt zwischen Strasse und Schiene wird in Riburg demokratisch gelöst. Die dreiplätzige Verladestation kann ebenso für Lastwagen genutzt werden wie für Güterwaggons. Chauffeur Rolf Koch belädt gerade seinen Lastwagen mit 27 Tonnen Salz für die Gemeinde Schöftland. Währenddessen schiebt die automatische Lokomotive «Tele Trac» einen Güterwagen unter den nächsten Abfülltrichter. Wagen für Wagen wird automatisch in Position geschoben. Erst wenn die Ladung komplett ist, fährt die automatische Lokomotive ein paar Dutzend Meter weiter. Dort übernimmt eine Rangierlok mit zwei Mann Personal den Zug.
Mitten im Juli hat die Szene etwas Unwirkliches. Doch spätestens im nächsten Januar wird statt Salz wieder Schnee geschaufelt. Dann wird sich mancher Schneepflugfahrer wünschen, er hätte so viel Salz vor Augen wie Kurt Lang.