Langfristiges Denken zahlt sich aus

Langfristiges Denken zahlt sich aus

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: bakdc/Shutterstock

Klimaschutz, erneuerbare Energien, weniger Verkehr – Gemeinden spielen bei der Umsetzung globaler, nationaler und regionaler Nachhaltigkeitsziele eine wichtige Rolle. Doch was bedeutet nachhaltige Entwicklung für die Akteure auf kommunaler Ebene? Und wie gehen Gemeinden mit diesem Thema um?

E-Scooter
Quelle: 
bakdc/Shutterstock

Der Verkehr ist ein wichtiges kommunales Handlungsfeld, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Neue Ideen, wie die E-Scooter von Limebike, werden derzeit an vielen Orten ausprobiert.

Interview: Lea Müller*

In aller Kürze: Was ist nachhaltige Gemeindeentwicklung aus Ihrer Sicht?

Fredi Widmer: Für mich geht es darum, heute nach bestem Wissen und Gewissen Entscheidungen zu treffen, die auch von künftigen Generationen noch getragen werden können. Dazu braucht es strategische Grundsätze, die darauf beruhen, dass unser Ökosystem nur begrenzt belastbar ist und unsere Ressourcen auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen sollen. Dafür definieren wir momentan in den verschiedenen Aufgabenbereichen der Gemeinde strategische Grundsätze, die ebendiesen Prinzipien entsprechen.

Wolfgang Gründinger: In Gemeinden wird die Vision der Nachhaltigkeit greifbar. Klimaschutz, die Nutzung erneuerbarer Energien, Verkehrsvermeidung, Ernährung und Landwirtschaft – all das sind Themen, die erst im Alltag der Menschen vor Ort überhaupt konkret werden. Und trotz Urbanisierung leben viele Menschen auch heute noch in Dörfern oder in kleineren und mittelgrossen Städten. Daher sind Gemeinden auch ein Schlüssel für nachhaltige Entwicklung.

Lineo Devecchi: Gemeinden entwickeln sich dann nachhaltig, wenn sie heute politische Entscheidungen fällen und Massnahmen treffen, die sicherstellen, dass die nachfolgenden Generationen an gleicher Stelle in gleich hoher Qualität leben können. Bedingung dafür ist, dass alle Generationen diese Regel in gleichem Masse einhalten. In unserem föderalen System ist es entscheidend, dass Gemeinden legitime politische Entscheidungen in diese Richtung fällen und so Ressourcen und Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung schaffen können.

Widmer, Gründinger, Devecchi
Quelle: 
zvg

Fredi Widmer (links), Wolfgang Gründinger (Mitte) und Lineo Devecchi (rechts).

Zu den Personen

Fredi Widmer (links) ist noch bis Ende Jahr Gemeindepräsident von Wittenbach SG (CVP) und arbeitet gemeinsam mit Exekutive und Bevölkerung an der kommunalen Strategieplanung, die sich an nachhaltigen Entwicklungszielen anlehnt.

Wolfgang Gründinger (Mitte) ist Botschafter der Stiftung Generationengerechtigkeit, Zukunftslobbyist und Publizist.

Lineo Devecchi (rechts) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ostschweizer Zentrum für Gemeinden der Fachhochschule St. Gallen (FHS).

In welchen kommunalen Aufgabebereichen arbeiten Gemeinden heute bereits nachhaltig?

Widmer: Mit dem Label der Energiestadt verpflichten sich Gemeinden – darunter auch Wittenbach – zur Umsetzung von Massnahmen, die auf die Förderung von erneuerbaren Energien, umweltverträgliche Mobilität und effiziente Nutzung der Ressourcen abzielen. Dabei sind nebst dem offensichtlichen Energiebereich auch andere Aufgabenbereiche der Gemeinden involviert. Zum Beispiel das Abfallsystem, die Abwasserversorgung, die Parkplatzbewirtschaftung oder das Angebot des öffentlichen Verkehrs.

Gründinger: Meistens in gar keinem. Es gibt zwar diverse Vorbilder, etwa die Energieautonomie-Bewegung, bei der immer mehr Gemeinden mehr als 100 Prozent erneuerbare Energie selbst produzieren möchten. Aber in der Regel sind nur wenige Aspekte des sehr breiten Spektrums der Nachhaltigkeit erfasst. Davon darf man sich nicht entmutigen lassen: Es sollte vielmehr motivieren, voranzupreschen und andere zu inspirieren.

Devecchi: Wir kennen Beispiele, in denen Gemeinden beginnen, ihre strategischen Planungen sowie die verschiedenen Verwaltungsaufgaben auf die UNO-Nachhaltigkeitsziele abzustimmen. Einige Gemeinden widmen sich dem Fairtrade-Gedanken oder beschaffen nachhaltig, andere wollen langfristig gute Rahmenbedingungen für aufwachsende Kinder schaffen und kinderfreundliche Gemeinden sein. Auch versuchen einige Gemeinden, im Rahmen der kantonalen Vorgaben sparsamer mit der Ressource Boden umzugehen. Ein kontroverses Feld sind die kommunalen Finanzen: Hier wird häufig von Nachhaltigkeit gesprochen und die schwarze Null als nachhaltiges Wirtschaften interpretiert. Wichtiger wäre aber, dass ebendiese finanziellen Aspekte nicht kurz-, sondern langfristig und nicht für sich selbst, sondern mit den Wechselwirkungen zu anderen kommunalen Aufgaben betrachtet werden. Gewisse Investitionen – beispielsweise in regionale, innovative Pflege- und Betreuungssysteme – sind langfristig sinnvoll und nachhaltig, auch wenn sie kurzfristig teuer erscheinen.

Wo sehen Sie das grösste Verbesserungspotenzial für nachhaltige Entwicklung auf kommunaler Ebene?

Widmer: Ich sehe im Bereich des Verkehrs Verbesserungspotenzial. Der Durchgangsverkehr und die Pendler bringen den Gemeinden insbesondere zu Stosszeiten Emissionen wie Stau, Lärm und Luftverschmutzung. Attraktive Angebote im öffentlichen Verkehr, Förderung von Elektromobilität aber auch das Überprüfen und Umsetzen von alternativen Mobilitätsformen können Lösungsansätze sein.

Gründinger: Neben regenerativer, lokaler Energieversorgung – auch mit Wärme und Treibstoffen – ist das sicherlich der demografiefeste Umbau der Gemeinden. Wir werden älter, und wir werden weniger. Das stellt viele kleinere Siedlungen vor die Herausforderung der Schrumpfung. Bisher sind wir immer eher gewachsen, mit Schrumpfen haben wir wenig Erfahrung. Was tun wir, wenn die Arztpraxis, der Markt, die Apotheke, die Schule und die Post alle nacheinander dichtmachen, weil der Bedarf fehlt? Das kann eine Abwärtsspirale auslösen, die dem ländlichen Raum nicht guttut.

Devecchi: Nachhaltige Entwicklung bedeutet, dass verschiedene politische Themen- und Aufgabenbereiche gemeinsam und in ihren Wechselwirkungen gedacht werden müssen. Wichtig scheint mir darum, dass deutlich mehr bereichsübergreifend und verwaltungseinheitsverbindend gearbeitet wird – man also in der politischen und administrativen Arbeit vom Gärtlidenken wegkommt. Diese neue Form der kommunalen Zusammenarbeit erfordert möglicherweise neue Organigramme und Zuständigkeiten. Die daraus entstehenden Zielkonflikte müssen sorgfältig gemeinsam mit der Bevölkerung eruiert und diskutiert werden.

Es geht bei der Nachhaltigkeit darum, anzufangen – und zwar mit Projekten, die skalierbar und replizierbar sind. Klein und nicht perfekt, dafür schnell ausprobieren, was funktioniert.

Wolfgang Gründinger, Publizist

Welche Massnahmen sind aus Ihrer Sicht am schnellsten realisierbar?

Widmer: Regelungen im Heizungsbereich wären diesbezüglich ein konkretes Beispiel. So können die Gemeinden den Hauseigentümern den Umstieg von fossilem Brennstoff auf erneuerbare Heizsysteme mit Anreizen schmackhaft machen. Die grössere Herausforderung sind meines Erachtens jedoch Massnahmen, die sich eben nicht schnell realisieren lassen, aber viel Potenzial bergen, beispielsweise Neuisolationen von bestehenden Gebäuden.

Gründinger: Es geht darum, anzufangen – und zwar mit Projekten, die skalierbar und replizierbar sind. Auch hier sind wieder regenerative Energien das beste Beispiel. Aber auch die Digitalisierung kann helfen – wie digital organisierte Sammeltaxis oder Mitfahrgelegenheiten, die per App gesteuert werden. Allgemein gilt: klein und nicht perfekt anfangen, aber dafür schnell ausprobieren, was funktioniert. Das ist die beste Herangehensweise.

Devecchi: Kommunale Entscheidungsträger können eine lokale politische und gesellschaftliche Debatte mit der Bevölkerung rund um das Thema der nachhaltigen Entwicklung starten. Gemeinsam können innovative Projekte lanciert werden. Solche Prozesse oder Anreizsysteme sind auf der Gemeindeebene im Vergleich zu anderen Staatsebenen besonders wirksam, da hier konkrete Auswirkungen relativ schnell für ein breites Publikum sichtbar werden. Entscheiden wir uns heute etwa für einen neuen Car-Sharing-Standort, steht in einigen Wochen das Auto gut sichtbar vor dem Gemeindehaus.

 

* Lea Müller ist Kommunikationsbeauftragte der Fachhochschule St. Gallen (FHSG).

8. Ostschweizer Gemeindetagung: «Alles nachhaltig oder was?»

Der Begriff der Nachhaltigkeit wird längst nicht mehr nur auf Umwelt und Ressourcenschonung reduziert. Auch kommunalpolitische Entscheidungen werden immer mehr daran gemessen, welche Konsequenzen sie für die nachfolgenden Generationen haben.

Politisch hat der Begriff 2015 an Bedeutung gewonnen: Die von der UNO verabschiedeten globalen Nachhaltigkeitsziele im Rahmen der «Agenda 2030» gelten für alle Länder. Für deren Umsetzung sind Gemeinden und Regionen Schlüsselpartnerinnen. Die 8. Ostschweizer Gemeindetagung, veranstaltet durch das Ostschweizer Zentrum für Gemeinden (OZG) der Fachhochschule St. Gallen (FHS), widmet sich unter dem Thema «Alles nachhaltig oder was?» Fragestellungen im Themenkomplex Nachaltigkeit:

  • Welche Ziele der «Agenda 2030» stehen für Gemeinden und Städte in der Schweiz im Fokus?
  • Was bedeutet eine nachhaltige Strategieentwicklung in und für Gemeinden?
  • Welche kommunalen Handlungsfelder sind für eine nachhaltige Entwicklung relevant und welche Wechselwirkungen sind zu erwarten?
  • Was sind Erfolgsfaktoren und Stolpersteine in aktuellen kommunalen Nachhaltigkeitsprojekten?

8. Ostschweizer Gemeindetagung: «Alles Nachhaltig oder was?»

Freitag 23. 11. 2018, 13.30 bis 17.15 Uhr
Aula Schule Grünau, Grünaustrasse 2, 9300 Wittenbach SG

Kosten: 80 Franken (regulär)
Weitere Infos und Anmeldung