Iran: Sehnsucht nach der grünen Oase

Iran: Sehnsucht nach der grünen Oase

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Werner Catrina

Über den Iran liest man praktisch nur in Zusammenhang mit Atomwaffen, dem Syrienkonflikt oder dem Wetteifern mit Saudi-Arabien um die Vorherrschaft in der islamischen Welt. Dabei hat auch der Iran ganz «normale» Probleme: Die Städte wachsen rasant, mit negativen Folgen für die Luftqualität und die Begrünung. Doch jetzt beginnt ein Umdenken.

Park Iran
Quelle: 
Werner Catrina

Der Iran hat mehr zu bieten als Atomwaffen, Alkoholverbot und Ayatollahs: Schon in der persischen Literatur zeigt sich die Vorliebe der Iraner für Oasen, Gärten und Parks.

Von Werner Catrina*

«Selbst wenn ich von Blumen erzähle, lenken die Leute das Gespräch auf die Politik», sagt der iranische Künstler Hamed Rashtian. Das ist schade. Denn gerade punkto öffentlich zugängliche Grünflächen gibt es einiges über den hierzulande weitgehend unbekannten Iran zu berichten.

Im Fin-Garten der Stadt Kashan vergnügen sich im schwarzen Chador verhüllte Frauen mit Kindern an Teichen und Bächen. Sie stecken mit ihrer guten Laune auch die Touristen an. Die legendären, nach alten architektonischen und botanischen Regeln gestalteten persischen Paradiesgärten bezaubern durch schattenspendende Bäume und Büsche, aufgelockert durch Rasenflächen und mit klarem Wasser. In dieser von Menschen geschaffenen Oase in Kashan sprudelt es aus einer Bergquelle. Die Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern am Saume der grossen Salzwüste kann man jedoch nicht als «grün» bezeichnen – doch immerhin spenden Baumreihen auch in der Innenstadt etwas Schatten.

Das pulsierende Zentrum der 400 Kilometer südöstlich von Kashan gelegenen Wüstenstadt Yazd prunkt mit imposanten Wasserspielen auf dem Hauptplatz. Wie in allen islamischen Städten liegen auch hier die drei wichtigsten Pole der Gesellschaft beisammen: die prächtige Moschee, der Herrscherpalast und der Bazar. Auch in Yazd pflanzte man Bäume und Büsche in der Innenstadt und entlang von Ausfallstrassen, dies als überraschender Kontrast zu vielen, fast baumlosen, staubigen Städten in andern Ländern des Mittleren Orients.

Karte Iran
Quelle: 
Rainer Lesniewski/Shutterstock

40 Mal grösser als die Schweiz, Berge mit einer Höhe von über 5000 Metern, viel Wüste und acht Millionenstädte: Der Iran bietet viel Abwechslung.

Dünn besiedelt, grosse Städte

Vor dem Busfenster zieht stundenlang eine ausgedörrte Wüstenlandschaft gesäumt von kahlen Bergen vorbei. Eine Reise durch den Iran zeigt es eindrücklich: Persien, wie das Land einst hiess, ist zu mehr als der Hälfte mit Wüste bedeckt. Die Strasse durchzieht einige bewässerte, breite landwirtschaftlich genutzte Täler und erst nach vielen Kilometern Wüste rückt wieder eine Stadt ins Bild.

Der mit rund 82 Millionen Menschen bevölkerte Iran liegt in einer trockenen bis halbtrockenen Klimazone und ist mit 1,65 Millionen Quadratkilometern etwa 40 mal grösser als die Schweiz. Wegen des gebirgigen und wüstenhaften Charakters verfügt das Land über verhältnismässig wenig agrarisch nutzbaren Boden: Nicht einmal 10 Prozent sind Ackerfläche, etwa ein Viertel kann als Weideland genutzt werden, nur 9 Prozent sind Wälder, wie bei Wikipedia nachzulesen ist.

Der Iran ist im Durchschnitt mit nicht einmal 50 Menschen pro Quadratkilometer besiedelt – in der Schweiz sind es viermal mehr. Doch der Durchschnitt sagt wenig über die lokale Situation aus: Während sich die ländlichen Wüstengebiete mit jetzt schon niedriger Bevölkerungsdichte eher entvölkern, wachsen Städte wie Teheran, Kashan, Shiraz oder Isfahan. Bevorzugte Regionen sind auch die klimatisch begünstigten Provinzen im Norden am Kaspischen Meer.

Teheran: Grün gegen den Dreck

Teheran, die Hauptstadt und grösste Stadt Irans, zählt gemäss der letzten Volkszählung knapp neun Millionen Einwohner. In der Grossregion wohnen gar rund 20 Millionen Menschen. Die Metropole liegt am Fuss des Elbrusgebirges auf rund 1200 Meter über Meer, im Winter kann es schneien und die Temperaturen fallen manchmal unter Null Grad. Oft liegt die Stadt unter einer Smogglocke.

Gute Luft umweht die Besucher hingegen beim Sommerpalast des Schahs, am Berghang über Teheran gelegen. Der 1979 vertriebene Herrscher lebte hier privilegiert in einem luxuriösen Areal mit mehr als einem Dutzend Palästen, umgeben von einem riesigen Park, der noch in den ursprünglichen Dimensionen besteht.

Bereits ab den 1960er-Jahren wuchs Teheran rasant, damals mussten viele Bäume und auch Parks in der Innenstadt der chaotischen Bautätigkeit weichen. Die traditionelle Siedlungsstruktur mit begrünten Innenhöfen wich einer viel dichteren Bebauung. Die Verwaltung der Stadt versuchte schon damals einige Fetzen des Stadtgrüns zu retten und  sogar neue Grünräume zu schaffen – mit durchzogenem Erfolg.

Diese von der Obrigkeit angestrebte Begrünung hat handfeste Gründe, wie die detaillierte Fallstudie der Teheraner Umweltingenieurin Amena Agharabei zeigt. Sie verfasste einen wissenschaftlichen Bericht über die Begrünungskonzepte in trockenen Klimazonen. Die Studie aus dem Jahr 2014 beschreibt die Thematik eingehend am Beispiel der Metropole Teheran, wo die Menschen unter starker Luftverschmutzung leiden, bedingt durch schlecht regulierte Heizungen im Winter und die Abgase unzähliger alter, technisch rückständiger Autos.

Problem Abwasser

Ein weiteres Umweltproblem in Teheran ist das Fehlen eines funktionierenden Abwassersystems. Viele Häuser behelfen sich darum mit Sickergruben, die jedoch das Grundwasser und somit auch das Trinkwasser belasten. Die zehn Kläranlagen filtern die Abwässer lediglich und leiten sie in einfache Kanäle. Für Bewässerung ist dieses Grauwasser weniger geeignet.

Nicht oder wenig geklärtes Abwasser, schädigt die Pflanzen, weil sich zum Beispiel Metall in den Blättern akkumulieren kann. Dennoch wird es teilweise für die Bewässerung der Stadtbegrünung verwendet. Zwar ist der Bau eines besseren Kanalsystems mit neuen Kläranlagen im Gang, doch es soll erst in einigen Jahren in Betrieb gehen.

Würde man das städtische Abwasser ausreichend klären, stünde genug Wasser für die Bewässerung viel grösserer Areale in der Stadt und die nahe Landwirtschaft zur Verfügung. Die Studienautorin schreibt pointiert, die Stadt «schwimme im Abwasser» und spricht gar von einer möglichen Verfünffachung der begrünbaren Flächen, falls dieses Wasser ausreichend geklärt würde. Trinkwasserqualität wie in der Schweiz wäre da nicht nötig. Die Bewässerung der Stadtbegrünung erfolgt zum Teil auch mit gesammeltem Regenwasser, um das kostbare Trinkwasser zu schonen.

Dem Klima angepasst

Begrünung ist nicht glech Begrünung. Die Bepflanzung muss gezielt den iranischen Gegebenheiten angepasst werden. Bäume mit auslandenden Kronen benötigen viel Wasser. Robuste und dem Klima angepasste, einheimische Bäume und Büsche eignen sich besser. Grosse Rasenflächen bringen wenig zur Verbesserung der Luft, sind aber auf intensive Bewässerung angewiesen. Um so erstaunlicher ist es, dass viele Böschungen und Mittelstreifen der Strassen und sogar der Autobahnen mit Rasen bepflanzt sind.

In den wohlhabenden Regionen Teherans und anderen iranischen Grossstädten gibt es mehr Grün als in ärmeren Quartieren. Die Behörden stehen aber unter Druck, die  Lebensqualität und die Luft für die gesamte Stadtbevölkerung zu verbessern. Die Autorin der Studie fordert eine ganzheitliche Sicht und langfristige, koordinierte, individuelle Pläne, um die Umweltbedingungen in den iranischen Grossstädten markant zu verbessern. Dies auch unter aktivem Einbezug der Bevölkerung. Dabei kann auch «die grosse Sehnsucht nach Natur» helfen, welche die Bewohner des Wüstenlandes seit historischen Zeiten verspüren.

Ein herausragendes Beispiel dafür ist der Meydan-e Imam in Isfahan, einer der grössten und schönsten Plätze der Welt. Einen halben Kilometer in der Länge und 150 Meter in der Breite misst die wunderbare, mit Rasen begrünte Fläche im Palastareal von Isfahan, gesäumt von zwei Moscheen und eleganten Arkaden mit Läden und Restaurants. Die Vorliebe der Iraner für Oasen, Gärten und Parks zeigt sich auch eindrücklich in der persischen Literatur. In alten Darstellungen ist Teheran eine Gartenstadt. Doch innerhalb der letzten 70 Jahre verzwanzigfachte sich die Bevölkerung und das Grün schmolz zusammen.

Die Regierung wird aktiv

Wie unser gut informierter Reiseleiter Kaveh erklärt, forciert die iranische Regierung heute die Begrünung der Städte. Entlang der Strassen werden Bäume gepflanzt, neue Parks entstehen, auch in den Aussenquartieren. Der Preis für den erhöhten Wasserverbrauch ist jedoch das Absinken des Grundwasserspiegels. Wasser ist neben Öl und Gas die kostbarste, jedoch ebenfalls endliche Ressource des Landes.

Teherans Durst nach immer mehr Wasser lässt den Grundwasserspiegel fallen, landwirtschaftliche Flächen und auch Parks sacken ab, Gebäude bekommen Risse. Industrien verbrauchen viel Frischwasser, da genügt auch das zugeleitete Wasser aus dem Karadsch-Stausee nicht mehr. Für Teheran kommt erschwerend dazu, dass der Süden der Stadt in einer ariden Zone liegt, wo für zehn bis zwölf Monate im Jahr die Verdunstung grösser ist als der Niederschlag, und der Nordteil der Metropole in einer semi-ariden Zone, wo die Niederschläge weniger als die Hälfte des Jahres grösser als die Verdunstung sind.

Tausende von Brunnen und manche kleine Speicherbecken sowie rund zwei Dutzend – allerdings teils stark verschmutze – Fliessgewässer versorgen den Stadtmoloch zusätzlich mit Wasser. Die grosse Hoffnung liegt auf der Klärung der Abwässer.

Wachsende Sensibilisierung

Die Sensibilisierung der Gesellschaft für Umweltfragen hat seit der Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls 1997 auch im Iran zugenommen. Das wichtige Thema wird in den Schulen und in den Medien behandelt, zudem engagieren sich vermehrt NGO in der Umweltproblematik.

Im Botanischen Garten von Shiraz mischen sich viele Einheimische mit Touristen. Hunderte von Menschen durchstreifen die Anlage mit ihren vielen unterschiedlichen Bäumen, den Bächen und Teichen. Die Iraner lieben ihre Parks und nutzen sie intensiv. Diese Tradition und die Sehnsucht nach dem Grün der Oase ist einer der Gründe, weshalb die staatlichen Anstrengungen in Zukunft wohl auf noch breitere Unterstützung zählen können.

Die Iranerin Amena Agharabi ist in ihrer Studie verhalten optimistisch. Ihr Fazit: Grüne Städte in trockenen Gebieten sind möglich, doch nötig ist für jede Stadt ein ganzheitlicher, individueller Aktionsplan, der namentlich auch das Wassermanagement umfasst. Und die aktive Bürgerbeteiligung, besonders in der Pflege und beim Schutz der Grünflächen, spielt eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Lebensqualität in den iranischen Städten.

* Werner Catrina ist freier Journalist aus Zürich. Er ist Träger des Zürcher Journalistenpreises sowie des Pressepreises der Schweizer Mustermesse.