Eschentriebsterben: Wenn ein Pilz Parkbäume fällt

Eschentriebsterben: Wenn ein Pilz Parkbäume fällt

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Teaserbild-Quelle: Baumkompetenzzentrum Stadtgrün Bern

Das Eschentriebsterben ist nicht aufzuhalten. Längst ist die ganze Schweiz betroffen. Forst und Stadtgärtner setzten auf das Prinzip Hoffnung – denn einige wenige Bäume widerstehen dem Schlauchpilz «Falsches Weisses Stängelbecherchen», der die Krankheit verursacht.

Eschentriebsterben: Baumfällung in Bern
Quelle: 
Baumkompetenzzentrum Stadtgrün Bern

Dramatische Folgen: Weil sie vom Eschentriebsterben befallen waren, mussten im Winter 2016/17 in Bern rund 160 Eschen gefällt werden.

Wenn in den letzten Jahren in den Medien von der Esche die Rede war, dann nur selten von ihren Qualitäten als eines der wichtigsten Laubnutzhölzer Mitteleuropas. Es ging fast immer um ihr vermutlich unabwendbares Verschwinden aus unseren Pärken und Wäldern. Der Schuldige: ein Schlauchpilz mit dem aparten Namen «Falsches Weisses Stängelbecherchen» (Hymenoscyphus fraxineus). Seine Sporen verbreiten sich millionenfach und unaufhaltsam mit dem Wind. Sie lassen schweizweit die Eschenbestände absterben.

Der Pilz stammt ursprünglich aus Asien. In Europa trat er erstmals Anfang der 90er-Jahre in Polen auf. Im Jahr 2008 wurden im Grossraum Basel die ersten Schweizer Fälle registriert. 2010 gab es bereits Meldungen aus Graubünden. 2015 hatte die Krankheit das Tessin erreicht. Gegenmassnahmen gibt es nach wie vor nicht. Nicht nur in den Wäldern lässt der Pilz reihenweise Bäume absterben – auch in den Parkanlagen.

400 gefällte Eschen in Zürich

Im Oerliker Park in Zürich etwa musste der Grossteil der Eschen ersetzt werden. Bei der Anlage des Parks im Jahr 1999 hatte man 900 sehr junge Bäume  gepflanzt, grossteils Eschen. Vom Eschentriebsterben wusste man damals noch nichts. Es hätte eine dichter, hallenartiger Bewuchs entstehen sollen, der dann schrittweise ausgelichtet worden wäre.

Stattdessen wurden auf der Westseite des Parks nun 400 Bäume gefällt, fast durchgehend Eschen. Ihnen hatte nicht nur das Eschentriebsterben zugesetzt, sondern auch kleine Baumgruben und die relativ geringe Wurzeltiefe, da in 1,20 Metern Tiefe eine Asphaltabdeckung gegen darunter liegende Altlasten im Boden eingelassen ist.

Zürich setzt im Park nun auf eine Mischung aus sieben stadtverträglichen Baumarten wie Zürgel- oder Lederhülsenbäume. Um den neuen Bäumen bessere  Bedingungen mitzugeben, werden nun zumindest die Baumgruben grösser und zusammenhängend angelegt und mit frischem Substrat gefüllt.

Fruchtkörper Eschentriebsterben
Quelle: 
Waldschutz Schweiz WSL

Klare Anzeichen für das Eschentriebsterben: Fruchtkörper des Falschen Weissen Stängelbecherchens.

Auch in Bern fallen Bäume

Nicht nur in Zürich leiden die Eschen unter dem Schlauchpilz. Auch in der 4,2 Hektar grossen Englischen Anlage in Bern wurden im Winter 2016 / 17 etwa 80 befallene Eschen gefällt. «Weitere 80 haben wir entlang von Strassen entfernen müssen. Ein Drittel aller Bäume, die wir 2016 fällen mussten waren Eschen. So etwas habe ich noch nie erlebt», erinnert sich Peter Kuhn, Leiter des Baumkompetenzzentrums bei Stadtgrün Bern. Es hätten Kronenabbrüche oder gar der Umsturz ganzer Bäume gedroht. Daher wurden mit Hilfe eines Helikopters entlang des unwegsamen Aarehangs die notwendigen Fällungen durchgeführt.

Die Bevölkerung wurde von Stadtgrün Bern vorab via Presse und Flugblätter informiert. Sogar eine Fragestunde mit Experten wurde vor Ort abgehalten, um für die Gründe der Fällungen zu sensibilisieren. Kuhn berichtet: «Für uns ist wichtig, dass wir erst Bäume herausnehmen, wenn es gefährlich wird. Noch besteht die Hoffnung, dass sich Resistenzen bilden.» Man hofft, dass die Natur sich selbst gegen den Pilz verteidigt.

Das Eschentriebsterben

Der auslösende Pilz Hymenoscyphus fraxineus gedeiht im Bodenstreu der Esche. Dort überwintert er und bildet zwischen Juni und September ein bis fünf Millimeter kleine, leuchtend weisse becherförmige Fruchtkörper, die auf einem feinen Stiel aufsitzen. Das Holz der befallenen Bäume ist nicht infektiös. Die Pilzsporen entstehen auf Blattstielen der im Vorjahr infizierten und im Herbst abgefallenen Blätter. Das Holz der Bäume kann bedenkenlos gelagert und verwendet werden.

Verlauf: Anfangs zeigen sich lediglich bräunliche Nekrosen auf den Blättern. Ab Mitte Juli werden dann Triebschäden in jüngeren Teilen der Krone sichtbar. Mit der Zeit können ganze Kronenteile ausfallen. Befallene Triebe beginnen zu welken und sterben ab. Auffallendes Merkmal sind auch die Stiele der abgestorbenen Blätter. Sie verbleiben lange am Trieb, statt abgestossen zu werden. Ausgehend von den infizierten Blättern wächst der Pilz in der Blattspindel und im Holz der Zweige in Richtung Haupttrieb. Dort entwickeln sich dann im Herbst oder im folgenden Jahr auf der Rinde auffällige violett-braun bis orange-braun verfärbte, häufig eingesunkene oder rissige Nekrosen. Umfasst die Rindennekrose den ganzen Trieb, wird die Wasserversorgung der höherliegenden Pflanzenteile unterbrochen und Welke setzt ein. Der Baum reagiert mit dem Austrieb schlafender Knospen. Es kommt zu Verbuschung der Kronen, aus denen kahle Äste herausragen. Schreitet die Krankheit fort, werden auch die neuen Triebe befallen und sterben ab.

Zwei Angriffsebenen: Der Pilz befällt aber nicht nur den Kronenbereich. Er greift auch direkt am Stammfuss an. Auch dort schottet der Baum die entstehenden Nekrosen  gewöhnlich erfolgreich ab. Nach zwei bis drei Monaten befällt zudem mit dem Hallimasch oft ein weiterer Schadpilz die geschwächten Bäume. Und dieser tötet die Baumwurzeln ab. (ava)

Verbreitung Eschentriebsterben
Quelle: 
Waldschutz Schweiz WSL

Auf dem Vormarsch: Verbreitungskarte des Eschentriebsterbens.

«Überlegtes Nichtstun»

Das entspricht auch den Empfehlungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Valentin Queloz, Forstingenieur und Leiter der Gruppe Waldschutz Schweiz an der WSL, sagt: «Für den Umgang mit dem Eschentriebsterben ist die beste Option momentan ‹überlegtes Nichtstun›. Wir sollten die Auswahl resistenter Eschen der Natur überlassen.» Es werden Abermilliarden von Pilzsporen vom Wind vertragen. Der Mensch hat keine Chance, die Verbreitung einzudämmen.

Befallene Eschen werden vor allem an Risikostandorten geerntet, also in der Nähe von Infrastrukturen. «Grundsätzlich sollen möglichst viele Eschen in der Natur belassen werden», so der Forstingenieur weiter. «Diejenigen, die gesund bleiben, bilden den Genpool für widerstandsfähigere Eschengenerationen.»

Bei alten Bäumen braucht es Jahr für Jahr neue Infektionen, um sie zum Absterben zu bringen. Da grosse Eschen über mehr Reserven verfügen, sind sie in der Lage, die Mehrheit der Infektionen abzuschotten. Junge Bäume aber haben dem Erreger wenig entgegenzusetzen. Valentin Queloz: «An gewissen Orten ist bereits mehr als 90 Prozent der Eschenverjüngung verschwunden.» Es gibt noch immer einzelne Bäume, die dem Befall widerstehen. Auf solchen Bäumen ruht die Hoffnung, aus ihnen durch Stecklinge resistente Bäume heranziehen zu können. Die im Tessin verbreitete Blumenesche etwa scheint nicht betroffen zu sein.

Queloz berichtet: «In Asien selbst hat der Erreger nie zu Problemen geführt. Vermutlich, weil er dort eine sogenannte Co-Evolution mit den Eschen durchgemacht hat. Die Wirtsbäume konnten lernen, mit dem Erreger zurechtzukommen und ihn zu tolerieren. In Mitteleuropa müssen sich widerstandsfähige Populationen erst aufbauen.»

Auch wenn die Fachleute auf die Kraft der Natur vertrauen – häufig ja zu Recht – so steht schon das nächste Ungemach an: Der Eschenprachtkäfer (siehe unten) hat es aus Russland kommend bereits an die Grenze zu Weissrussland und der Ukraine geschafft. Queloz: «Experten schätzen, dass er in zehn bis dreissig Jahren bei uns ankommt. Wir beobachten die Lage.»

Der Hauptartikel erschien zuerst in der Zeitschrift «der gartenbau» 21 / 2017.

Der Eschenprachtkäfer: Ein schillernder Schädling

Der Asiatische Eschenprachtkäfer (Agrilus planipennis) ist ein invasives Neozoon, grün-metallisch gefärbt und in der Regel etwa 13 Millimeter gross. Für all diejenigen, die mit dem Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) zu tun hatten, verursachen Herkunft, Gefährlichkeit und Bekämpfungsmethoden ein Déjà-vu.

In Europa wurde er erstmals in Moskau festgestellt. Dort sind Rot-Eschen (Fraxinus pennsylvanica) als Stadt- und Alleebäume beliebt. 2004 begannen auffallend viele abzusterben und man brauchte einige Zeit, um den Zusammenhang mit dem dort bis dahin unbekannten Eschenprachtkäfer herzustellen. Seitdem breitet sich dieser gemächlich aus. Bis 2013 war er schon 230 Kilometer nach Westen vorgedrungen. Noch dürfte es Jahre dauern, bis er auch in der Schweiz ist – es sei denn der Mensch beschleunigt seine Ausbreitung versehentlich, etwa durch den Transport von befallenem Brennholz. Einen Spitznamen hat der Käfer auch schon: Statt ALB nennt man ihn EAB – für «emerald ash borer».

Mehrjähriger Befall bringt vitale Bäume zum Absterben. Besonders anfällig für den schillernden Käfer sind Weiss-Esche (Fraxinus americana), Rot-Esche (F. pennsylvanica) und Gemeine Esche (F. excelsior). Sie alle werden auch ohne deutliche Vorschädigung befallen. An anderen Eschenarten wie F. mandshurica oder F. chinensis wurde der Befall erst nach beträchtlicher Vorschädigung, etwa durch Trockenheit, beobachtet.

Die Ausbreitungsmechanismen ähneln denen des Laubholzbockkäfers, der in der Schweiz bekanntlich mit grossem Aufwand bekämpft wird: Aktiv breitet auch er sich nur über wenige hundert Meter aus. Der Mensch aber transportiert ihn so bereitwillig wie ahnungslos mit Verpackungsholz oder Astschnitt über weite Strecken. Wie beim ALB hilft nur das Fällen und Vernichten befallener Bäume und es braucht intensives Monitoring.

USA haben bereits Erfahrung

Immerhin können wir, sollte der EAB eines Tages auch bei uns eintreffen, von Erfahrungen aus den USA profitieren. Dort wurde er 1999 mit Verpackungsholz eingeschleppt. Der Befall blieb drei Jahre lang unentdeckt. Dann war es für eine Ausrottung zu spät. Wichtige Einzelbäume werden dort nun mit Insektiziden geschützt, die bei uns allerdings allesamt nicht zugelassen sind. Dafür ist man mit der biologischen Bekämpfung schon ein Stück weiter. Parasitische Wespen aus seiner asiatischen Heimat wurden auf ihre Auswirkung auf die heimische US-amerikanische Käferfauna getestet und drei Arten als harmlos für diese identifiziert. Die Larvenparasiten Spathius agrili und Tetrastichus planipennisi sowie der Eiparasit Oobius agrili werden seitdem zur Bekämpfung eingesetzt. (ava)

Eschenprachtkäfer
Quelle: 
Forestry Images (CC BY 3.0 us)

Asiatischer Eschenprachtkäfer (Agrilus planipennis)

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