Biodiversität auf Grünflächen: Betreten erwünscht

Biodiversität auf Grünflächen: Betreten erwünscht

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Teaserbild-Quelle: Sabine Tschäppeler

Städtische Grünflächen können grossen Wert für die Biodiversität haben. Ihre Bedeutung nimmt durch die Intensivierung der Landwirtschaft künftig noch zu. Doch grün ist nicht gleich grün. Damit qualitativ gute Freiflächen entstehen können, müssen auch die Gemeinden eine gewisse Verantwortung übernehmen.

Fröschmatt
Quelle: 
Sabine Tschäppeler

Die Siedlung Fröschmatt in Bern verfügt über vorbildliche Grünflächen: Naturnahe Gestaltung, Aneignungsmöglichkeiten, frei gehaltene Wege und Sitzgelegenheiten.

«Das, was wir heute schützen, ist ein winziger Teil dessen, was einst da war», betont Daniela Pauli, Geschäftsführerin des Forums Biodiversität Schweiz (SCNAT). Die Schweiz hat die längsten Roten Listen aller OECD-Länder. Insgesamt sind 36 Prozent der Arten und 47 Prozent der Lebensräume bedroht.

Hauptverantwortliche für den Druck auf die Biodiversität sind etwa der flächendeckende Stickstoffeintrag, Verbauung, Entwässerung, Pflanzenschutzmittel, aber auch der Klimawandel und eingeführte invasive Arten. «Der treibende Motor dahinter sind wir alle mit unseren Ansprüchen an Wohnraum, Mobilität, Einkaufsmöglichkeiten oder günstige Nahrungsmittel», so Pauli in ihrem Einführungsreferat zur Tagung «Biodiversität im Siedlungsgebiet – Stadtnatur im Dichtestress», die von der Organisation Kommunale Infrastruktur (OKI) und dem Verein Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) organisiert wurde.

Wichtige Rolle der Städte

Vielerorts versuche man durch Revitalisierungen von Gewässerabschnitten, durch Kulturlandschaften mit Biodiversitätsförderflächen und durch naturnahe Gärten gegenzusteuern. «Die genannten grossen Treiber übersteuern diese Bemühungen bei weitem. Der Rückgang der Biodiversität hält an», fährt Pauli fort. Die Rolle der Städte dürfe nicht unterschätzt werden: «Nötig wäre hier jedoch ein Anteil an qualitativ hochstehenden Grünflächen von 18 Prozent, und diese dürfen nicht zu weit auseinanderliegen.» Es brauche ihre Vernetzung
durch unversiegelte Kleinflächen, Bäume und Hecken. «Von den Städten könnte ein Biodiversitätsschub ausgehen. Sie bieten vielfältige Standortbedingungen, haben gute Fachstellen und überproportional viele Menschen, die für Biodiversität sensibilisiert sind», so Pauli weiter.

Allerdings muss man den Bewohnern auch Handlungsmöglichkeiten geben, wenn sie sich mit ihrer Wohnumgebung identifizieren sollen. Von Stadtgrün Bern zum Beispiel gibt es dafür das Infomobil «Wildwechsel», das jeden Sommer in einem anderen Stadtquartier Station macht und Beratungen und thematische Stadtspaziergänge anbietet. Dabei geht es um Themen wie die Vernetzung von Privatgärten und deren Ausstattung mit heimischen Sträuchern und Kleinstrukturen.

«Am besten funktioniert die Beratung jeweils, wenn es uns gelingt, eine Gruppe von gleichgesinnten Anwohnern zusammenzubringen, die sich dann gegenseitig motivieren», so Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern. Häufig gehe es erst einmal darum, Sprachunterschiede zu überbrücken und eine gemeinsame Basis zu schaffen: «Ein Landschaftsarchitekt, ein Hausmeister und ein Biologe verstehen schon unter dem Begriff ‹Wiese› vollkommen unterschiedliche Qualitäten einer Grünfläche.»

Von den Städten könnte ein Biodiversitätsschub ausgehen. Sie bieten vielfältige Standortbedingungen, haben gute Fachstellen und überproportional viele Menschen, die für Biodiversität sensibilisiert sind.

Daniela Pauli
Daniela Pauli, Geschäftsführerin Forum Biodiversität Schweiz (SCNAT)

Signal: Aufenthalt unerwünscht

Vor diesem Hintergrund hat Stadtgrün Bern einen insgesamt dreitägigen Stadtspaziergang unter dem Titel «walk on the wild side» durchgeführt. Sechzig Personen aus Planung, Verwaltung und Quartierorganisationen nahmen daran teil und untersuchten gegen zwanzig Siedlungen auf diejenigen Faktoren, die ein gutes Wohnumfeld ausmachen.

«Aussenräume von Hochhaussiedlungen wurden oft als negativ empfunden. Die Anonymität ist dort so gross, dass sich keine Gemeinschaft bilden kann. Natürlich gibt es auch dort Grünflächen. Aber sie sind fast immer so angelegt, dass den Menschen unzweifelhaft signalisiert wird: Hier ist ein Aufenthalt nicht erwünscht», so Tschäppeler.

Gelungene Grünflächen sähen anders aus: Es bräuchte Aneignungsmöglichkeiten wie Sitzterrassen und entsiegelte Flächen, um eine Identifikation der Bewohner mit den Freiflächen zu erreichen. «Es muss eine Gestaltungsabsicht erkennbar sein und es braucht oft einen gewissen formellen Rahmen.» Jemand – das kann auch eine Gruppe von Anwohnern sein – muss sich um die Pflege kümmern. Dazu gehört es etwa, gewisse Flächen zu mähen oder die Wege frei zu halten. Dann darf es gar auch Teile geben, die verwildern und naturnah bleiben.

Auch Hansjörg Gadient von der Hochschule für Technik in Rapperswil bestätigt, dass nicht immer alles durchreglementiert und -geplant werden muss: «Es wird ein erstaunlich hoher Grad an ‹Messy Ecosystem› akzeptiert. Voraussetzung ist allerdings, dass die Absicht dahinter für die Leute verständlich ist, Anzeichen von Pflege und Unterhalt müssen gut zu erkennen und die wilden Bereiche von präzisen Begrenzungen umschlossen sein.»

Sind naturnahe Bereiche mit ordnenden künstlichen Elementen wie Trittsteinen und Sitzterrassen durchsetzt, werden sie sehr gut akzeptiert. Gadient weiter: «Es muss schon  offensichtlich sein, dass hier nicht einfach nur ein fauler Abwart angestellt ist, sondern Absicht dahinter steckt. Die Leute müssen sehen, dass diese wilden Rückzugsräume für Vögel und Insekten wichtig sind.»

Aneignungsflächen vorsehen

Wichtig für die Akzeptanz durch die Anwohner seien, so Tschäppeler, Sensibilisierung und Beratung, Handlungsspielraum für die Bewohner und klare Vorgaben für die Bepflanzung. «Bei neuen Siedlungen hat es sich bewährt, gleich von Anfang an Aneignungsflächen vorzusehen.» Nach fachlicher Vorbereitung und Unterstützung werden sie der Anwohnergemeinschaft übergeben, die sich um Pflege und Weiterentwicklung kümmert. Die Kommunen dürften aber nicht den Fehler machen, sich nach der Anfangsphase völlig aus dem Projekt herauszuziehen.

Tschäppeler hat die Erfahrung gemacht: «Es braucht Beratung. Und zwar nicht nur am Anfang, sondern immer wieder. Wenn die Leute wissen, wofür und wie sie sich engagieren können und sich dabei nicht allein gelassen fühlen, dann machen sie es irgendwann auch aus Eigeninteresse.»

In der Berner Siedlung Fröschmatt sei das gelungen. «Die Anlagen werden von 90 Prozent der Anwohner genutzt. Die Fluktuation ist zudem deutlich geringer als in vergleichbaren Siedlungen.» Die Naturziele waren bereits nach anderthalb Jahren erreicht. Und die naturnahe Gestaltung war, wie Tschäppeler betont, kostengünstiger als eine konventionelle.

Auch das ist nicht zu vernachlässigen: Häufig lohnt sich eine solche Anlage auch finanziell, da die eventuell höheren Kosten bei der Anlage mittelfristig durch Einsparungen bei der Pflege aufgewogen werden.

Naturnahe Anteile vorgeben

Um Biodiversitätsziele nicht nur bei kommunalen, sondern auch bei privaten Bauherren zu erfüllen, empfiehlt Tschäppeler eigentümerverbindliche Vorgaben zu naturnahen Anteilen pro Gesamtperimeter. Wichtig: Dabei dürfen die Vorgaben zu deren Qualität und Lage nicht vergessen werden.

Denn, so findet Hansjörg Gadient: «Der Mainstream der Landschaftsarchitekten macht es sich zu einfach. Man vergisst die Bedürfnisse der Kinder ebenso gerne wie die der Biodiversität. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass in den Budgets oft zu wenig Geld für eine Planung vorgesehen ist, die der individuellen Situation angepasst sein kann.» Stattdessen würden Lösungen schnell aus der Schublade gezogen.

In seiner Tätigkeit als Preisrichter für die Gestaltung von Grünanlagen sehe er das immer wieder. Dabei werde am falschen Ort gespart. «Unser Umgang mit Natur ist pflegend und ordnend. All die immer gleichen Rasenflächen in 50er-Jahre-Siedlungen, die mit hohem Aufwand vom Abwart gepflegt werden, die nutzt doch niemand. Es braucht sie nicht.»

Potenzial in der Stadt hoch

Die Stadt wird, was ihr Biodiversitätspotenzial betrifft, gern unterschätzt. Stefan Eggenberg, Direktor von Infoflora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora, bestätigte, dass erstaunliche Werte im Siedlungsraum gefunden werden. Bei genauerer Betrachtung werden die Gründe dafür klar: Die Landwirtschaft will vor allem fette, mittelfeuchte Böden und bringt dort Monokulturen aus. «In der Stadt gibt es eine deutlich höhere Standortvielfalt von nass bis trocken, von mager bis fett.» Die Flora ist dort deutlich vielfältiger geworden, als sie es in den Zeiten ordentlicher Stiefmütterchenrabatten in den Parks gewesen ist.

«Die höchste Vielfalt finden wir im Siedlungsgürtel, sie ist dort deutlich grösser als in der landwirtschaftlich geprägten ländlichen Umgebung und höher als im Stadtkern.» Vor allem an Wegsäumen, unter Gehölzen, auf Ruderalflächen und Mauern werden die Botaniker fündig. Gerade was Mauern und Gewässer angehe, werde das Potenzial bei weitem nicht genutzt.

Standortvielfalt sei eine Grundlage,aber keine Garantie für das Vorkommen seltener Arten. Denn wo seltene Arten vorkommen, müssen sie auch gesichert werden. «Höchst ärgerlich ist es, wenn Populationen aus Informationsmangel verloren gehen. Es ist grundlegend, dass alle Standorte kartiert und die Informationen auch zuverlässig an all diejenigen weitergeleitet werden, die pflegen und jäten.»

Dass das Budget der Stadtgärtnereien beschränkt ist, weiss auch Eggenberg: «Bei der Bekämpfung von Neophyten muss zuerst dort angesetzt werden, wo gefährdete Arten konkret bedroht sind. Es gibt etwa in Bern diverse Standorte, an denen der wuchernde Götterbaum noch bestehende Bienen-Ragwurz-Populationen in Bedrängnis bringt.»

Zudem sei extrem viel gewonnen, wenn die Stadtgärtnereien vor Ort gewonnenes Saatgut einsetzten, statt auf Holland-Importe zu vertrauen. Nichts sei besser an Standort und das örtliche Klima angepasst. «Heugrassaat, Substratübertragung mit darin enthaltenen Samen, Schnittgut – noch gibt es zu wenig Versuche, es braucht Best Practices.» Abschliessend meint er: «Oft genügt eine Baggerschaufel voll Material, um Samen zu verbreiten.»

Biodiversitätsprogramme der Schweizer Städte: Wo die Stolpersteine liegen

Am Nachmittag der Tagung «Biodiversität im Siedlungsgebiet – Stadtnatur im Dichtestress» stellten zahlreiche Schweizer Städte ihre Biodiversitätsprogramme vor und gaben auch darüber Auskunft, was sie daran als gelungen betrachten und wo die Stolpersteine liegen.

Aus all diesen Einzelbeiträgen liess sich als Grundsatz feststellen: Je besser die Behörden untereinander und mit der Bevölkerung zusammenarbeiten, desto besser lassen sich Biodiversitätsstrategien umsetzen. Es braucht sensibilisierte Entscheidungsträger und verbindliche Konzepte und Vorgaben. Zudem müssen die Inventare, welche die  Entscheidungsgrundlagen liefern, aktuell gehalten werden. Weiter braucht es auch praxisorientierte Beratungs- und Unterstützungsangebote.

Stolpersteine dagegen sind fehlendes Know-how und Problembewusstsein, etwa von Seiten der Bauherrschaft, fehlende Kommunikation zwischen Verwaltungsstellen, unverbindliche Konzepte, Programme und Vorgaben und, wie so oft, fehlende Ressourcen. Zudem ergeben sich immer wieder Zielkonflikte, wenn etwa zwischen Biodiversitätsförderung und Verdichtung oder beispielsweise auch Flächen für Solarenergie abgewogen werden muss.

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