Teile und heize

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Als die Energiewende schon beschlossen, aber noch nicht offiziell verkündet war, lobbyierten die deutschen Stromkonzerne kräftig gegen den nahenden Atomausstieg. Die Industrienation Deutschland setze ihre Zukunft aufs Spiel, hiess es, und die ­erneuerbaren Energien reichten bei weitem nicht, um die Lücke zu füllen. Das mag stimmen. Doch einige Monate nach Kanzlerin Angela Merkels spektakulärer Kehrtwende zeichnet sich ab, dass der Atomausstieg auch alte deutsche Tugenden wiederbelebt, darunter das Tüfteln.

Zwei Architekten aus der Region Stuttgart, Erhardt Wächter und Ernst Bärenstecher, haben den «Thermo Splitter» entwickelt. Dieses Gerät trennt warmes und kaltes Hausabwasser: Das kalte Wasser läuft wie bisher in die ­Kanalisation. Das warme Abwasser dagegen wird in einen Wärmetauscher geleitet, der ihm seine Energie entzieht. Der «Thermo Splitter» besitzt eine einfache Mechanik, ist selbstreinigend und etwa so gross wie ein Koffer. Die Anlage kann in bestehenden Gebäuden ebenso eingebaut werden wie in Neubauten. Derzeit suchen die Erfinder noch eine Firma, die das Gerät herstellt. Über den zu erwartenden Marktpreis machen sie keine Angaben, doch durch den einfachen Aufbau sollte der «Thermo Splitter» nicht übertrieben teuer werden.

Abwasser statt Atomkraft

Bei Versuchen mit ihrem Prototypen haben die beiden Erfinder einen Energie-Wirkungsgrad von 50 Prozent erreicht. Hochgerechnet auf ein Einfamilienhaus, eine Siedlung oder gar eine kleine Stadt ergibt das beeindruckende Einsparungen. Nach einer Schätzung von Bärenstecher und Wächter entspricht das warme Abwasser, das in Deutschland ungenutzt in die Kläranlagen fliesst, der Stromproduktion von acht Atomkraftwerken. Auch deshalb sind die zwei Tüftler mit einem Artur-Fischer-Erfinderpreis ausgezeichnet worden. Dahinter steht Artur Fischer, der Erfinder des bekannten Dübels und Inhaber zahlreicher weiterer Patente.

Abwasser als Energiequelle ist inder Schweiz schon seit über 20 Jahren bekannt. Verschiedene Gemeinden ­haben gute Erfahrungen mit der Wärmegewinnung aus Abwasser gemacht (vgl. «kommunalmagazin» 11/2008). Im Gegensatz zu den Haushalten, die dereinst den «Thermo Splitter» verwenden werden, trennen die Schweizer Kommunen ihr Wasser nicht auf. Doch solche Finessen sind bisher nicht nötig, beträgt doch die Temperatur ganzjährig zwischen 10 und 20 Grad.

Eine bekannte Anlage steht in Schaffhausen: Der Uhrenhersteller IWC heizt und kühlt seit einigen Jahren mit Energie aus Abwasser.