Standortfaktor Glasfasernetz

Standortfaktor Glasfasernetz

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Teaserbild-Quelle: Bild: Stihl024/Fotolia

Von Marcel Müller

Wie schnell muss eine Datenleitung eigentlich sein? – Diese Frage stellt sich beim Thema Glasfaserinfrastruktur unweigerlich, wie die zweite «FTTH-Conference» in Freiburg zeigte. FTTH steht dabei für «Fibre-to-the-home», die Glasfaserverbindung vom Datenzentrum bis in die einzelnen Wohnungen. Organisiert wurde die Tagung vom Verband «openaxs», welcher sich für ein offenes Glasfasernetz in der Schweiz engagiert.

Kommunikation ersetzt Mobilität

Wenn es nach Keynote-Sprecher Peter Cochrane, dem ehemaligen CTO der ­British Telecom, geht, kann die Datenübertragung gar nicht schnell genug sein. Er prophezeit eine enorme Zunahme des Datenverkehrs im Internet: «Es wird in ­Zukunft Tausende von Clouds geben.» ­Zudem würden Datenleitungen immer ­öfter bidirektional gebraucht: «Kommunikation kennt nicht nur eine Richtung.» Eine grosse Bandbreite für Downloads genüge daher nicht, auch die Upload-Geschwindigkeit müsse sich erhöhen.

Datenautobahnen würden die Arbeitsorganisation der Zukunft prägen. Sie ermöglichen beispielsweise Videokonferenzen und den schnellen Austausch riesiger Datenmengen. Erst dadurch werde die Arbeit von zu Hause aus wirklich effizient und das «Home-Office» zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit. Damit leiste die Kommunikationsinfrastruktur auch einen Beitrag zur Reduktion der Mobilität. Dass Glasfaser die geeignetste Technologie dafür ist, daran liess Cochrane keinen Zweifel.

Killer-Applikation gibt es nicht

Dennoch ist es nicht ganz einfach, Glasfaser-Skeptiker davon zu überzeugen, dass in jeden Haushalt derart leistungsfähige Datenleitungen gezogen werden müssen. Das liess Wolfgang Fischer vom «FTTH Council Europe» durchblicken: «Wir alle wissen, dass es noch keine Killer Applikation für FTTH gibt.» Mit Killer-Applikation meinte er eine einzelne Anwendung, welche den Bau eines FTTH-Netzes rechtfertigt. Gleichwohl ist auch er sicher, dass dieser Technologie die ­Zukunft gehört, da die Datenvolumen insbesondere im Internet drastisch ansteigen werden: «Im Jahr 2016 wird es etwa 3,4 Milliarden Internetbenutzer und etwa 19 Milliarden internetfähige Geräte geben, von Smartphones über Tablets und klassische PCs bis hin zu Smart TVs.» Zudem werden laut Fischers Prognose dann 85 Prozent des Internetverkehrs ­videoorientiert sein.

Dazu zählt er das klassische Fernsehen, aber auch Videokonferenzen, Videoüberwachung und Videoportale wie Youtube. Diese Art von Information benötige auch am meisten Bandbreite und Speicherplatz. «Das wird zu einer Explosion des Verkehrs führen», sagte Fischer. «Die Betreiber müssen ihre Backbone-Netze, also die Hauptleitungen, schon heute ständig auf den neusten Stand bringen.» Deshalb müssten jetzt endlich auch die Zugangsnetze aufgerüstet werden.

Welch bedeutende Rolle das Internet in unserem Alltagsleben bereits spielt, illustrierte Fischer anhand einer Studie: «84 Prozent der Befragten würden lieber ihren Partner abgeben, als das Internet zu verlieren.» Auch die immer schnelleren Datenleitungen würden rasch zu einem Bedürfnis, wenn sie einmal errichtet seien: «Hohe Bandbreiten werden in kurzer Zeit zur Selbstverständlichkeit. Das sieht man in anderen Ländern.» Fischer betonte aber auch die wirtschaftliche Bedeutung schneller ­Datenleitungen: «Für Unternehmen ist die Mobilität der Angestellten wichtig. Jede Information muss auf jedem Gerät verfügbar sein.»

Gefahr des digitalen Grabens

Die Investitionen in teure neue Infrastruktur rechnen sich aus Sicht der gewinn­orientierten Telekommunikationsanbieter nicht überall. Dies musste die bayrische Gemeinde Oberhausen an der Donau schmerzlich erfahren. Sie war kommunikationstechnisch völlig unterversorgt, aus Sicht der Deutschen Telekom lohnte sich ein Ausbau der bestehenden Leitungen in der 2600 Einwohner zählenden Gemeinde auch nicht. Allein um Datentransfers bis zu 6 Megabit pro Sekunde möglich zu machen, was bereits heute wenig ist, verlangte die ­Telekom von Oberhausen einen Zuschuss von einer halben Million Euro.

Deshalb entschloss sich die Gemeinde, für vier Millionen Euro selber ein Glasfasernetz zu errichten. Jetzt gehört die passive Infrastruktur (die Verkabelung) der Kommune. An der Gesellschaft, welche das Netz betreibt, ist sie beteiligt. «Von der Telekom wird heute nichts mehr übertragen», sagte Bürgermeister Fridolin Gössl. Er betonte, dass sich das Projekt nicht ohne das Engagement der Einwohner hätte realisieren lassen: «Es war ein eigentliches Bürgerprojekt.» Denn die Oberhausener hätten erkannt, dass die Infrastruktur auch den Wert ihrer Liegenschaften steigere. Doch das war nicht der Hauptgrund für die ­Eigeninitiative. Vielmehr geht es für Oberhausen letztlich um die Existenz: «Wir sind darauf angewiesen, dass wir unsere Einwohner halten und neue Leute anziehen können», sagte Gössl. Er hofft, dass dies dank der neuen Datenleitungen gelingt. Das Beispiel Oberhausen zeigt, dass es auch für kleinere Gemeinden durchaus möglich ist, ein derartiges Projekt umzusetzen. Gössl: «Alle sagten, das sei unmöglich. Dann kam einer, der das nicht wusste und hat's gemacht.»

Zugänglichkeit für alle

Auch in der Schweiz besteht die Gefahr, dass der Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur nur dort stattfindet, wo es sich für die grossen Netzbetreiber lohnt: Während in den meisten Städten – zumeist in Kooperation mit der Swisscom – Glasfasern verlegt werden, sieht es in ländlichen Gemeinden anders aus. «Viele werden weiterhin Kupferleitungen haben, wenn sie selber nichts unternehmen. Sie dürfen nicht auf die Swisscom warten», sagte «openaxs»-Präsident Franz Stampfli.

Aus Sicht des Bundes wäre es eine dramatische Fehlentwicklung, wenn ländliche Gebiete nicht erschlossen würden. «Von den modernen Kommunikationstechnologien sollen alle pro-fitieren», betonte Philipp Metzger, Vizedirektor des Bundesamts für Kommunikation (Bakom). Der Zugang zu schnellen Datenverbindungen müsse jedermann möglich sein. Der Bund hat allerdings nicht vor, ein eigenes, staatliches Hochgeschwindigkeitsnetz aufzubauen. Vielmehr will er die Rahmenbedingungen für einen dynamischen Infrastrukturwettbewerb schaffen. «Aus Sicht des Bundes spielt es keine Rolle, welche Technologie eingesetzt wird, Glasfaser oder etwas anderes», sagte Metzger. Wichtig sei vielmehr, dass möglichst viele Wettbewerber vorhanden seien, die dafür sorgten, dass die Endkunden zu möglichst günstigen und möglichst guten Angeboten kämen. Der Bakom-Vizedirektor betonte die elementare Bedeutung einer modernen Telekommunikation für den Wirtschaftsstandort Schweiz: «Die Schweiz ist eine Informationsgesellschaft, sie hat keine natürlichen Ressourcen wie Erdöl und ist auf ihre ‹brain power› angewiesen.»

Freiburg setzt auf die Faser

Mit der Hoffnung auf neue wirtschaftliche Impulse hat Freiburg den Ausbau seiner Infrastruktur beschlossen. Als erster Kanton beteiligt er sich am Bau eines flächendeckenden Glasfasernetzes. Ein Projekt ganz im Sinne des Konferenz-Organisators: «Die Gemeinden, Kantone und Staaten, die eine solche Infrastruktur ausgebaut haben, werden sich im Wettbewerb um die besten Standorte einen entscheidenden Vorteil verschaffen», ist Stampfli überzeugt.

Daran glaubt auch der Freiburger Grosse Rat. Er hat Mitte September 40 Millionen Franken für den Aufbau des Netzes bewilligt, an das bis in 15 Jahren alle Unternehmen und 90 Prozent der Privathaushalte angeschlossen sein sollen. Nebst dem Kanton sind auch die im Kanton aktiven Elektrizitätsversorger und die Swisscom beteiligt. Die Wettbewerbskommission (WEKO) bewilligte im Juni das Projekt, nachdem die verschiedenen Partner ihr Kooperationsmodell angepasst hatten. Die Kosten für den Bau des Netzes werden auf rund 210 Millionen Franken geschätzt. Dieser Aufwand soll sich auszahlen. Die Projektpartner rechnen, dass die neue Infrastruktur Investitionen von bis zu 700 Millionen Franken auslösen wird.

Glasfasern fürs «Smart Grid»

Dominique Gachoud, Generaldirektor  des massgeblich beteiligten Energieversorgers Groupe E, ist überzeugt, dass der Glasfasertechnologie auch in seiner Branche die Zukunft gehört: «Mit der Zunahme erneuerbarer Energiequellen ist ein solches Kommunikationsnetz unabdingbar.» Es stelle die Grundlage dar für die Messung und Steuerung dezentraler Stromnetze und sei damit die Voraussetzung für die Realisierung von «Smart Metering» und «Smart Grid».

Was den Kanton anbelangt, zeigte sich Gachoud zuversichtlich, dass das geplante Netz neue Perspektiven eröffnen wird. «Durch die flächendeckende Erschliessung vermeiden wir den digitalen Graben zwischen Stadt und Land.»