Weihnachtliches Debakel verhindern

Weihnachtliches Debakel verhindern

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Teaserbild-Quelle: zvg

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Den Zürchern ist «The World's ­Largest Timepiece» noch immer in unangenehmer Erinnerung. Von 2005 bis 2009 hüllte das so benannte Beleuchtungssystem die Bahnhofstrasse in futuristisches Licht – die Weihnachtsstimmung blieb für viele aber auf der Strecke. «Die verantwortlichen ­Architekten hatten zuvor noch nie eine Weihnachtsbeleuchtung gemacht», weiss Kenan ­Altindag, Geschäftsführer der Firma MK Illumination, die seit zehn Jahren in der Schweiz Weihnachtsbeleuchtungen verkauft. «Der verwendete Farbton ‹kaltweiss› ist seither in der Schweiz – im ­Gegensatz zu anderen Ländern – bei Weihnachtsbeleuchtungen ein Tabu», so Altindag. Denn Schuld an der schlechten Akzeptanz war für viele das kalte Licht der verwendeten LED-Technologie (Light Emitting Diode).

LED ist nicht gleich LED

Doch LED ist nicht gleich LED: Quer durchs Land, von Düdingen bis Kreuzlingen und von Romanshorn bis Langenthal, wurden in den letzten Jahren LED-Weihnachtsbeleuchtungen ­installiert. Die negativen Rückmeldungen hielten sich aber in Grenzen. «Entscheidend ist die Farbtemperatur», weiss ­Altindag, «grelles Weisslicht eignet sich nicht für eine Weihnachtsbeleuchtung. Heute sind aber LED-Leuchten erhältlich, welche nicht nur wie Kerzen aussehen, sondern auch ein ähnlich warmes Licht erzeugen».

Auch die Zürcher können sich seit 2010 wieder an ihrer Beleuchtung erfreuen: Das neue Modell «Lucy» gefällt trotz LED – auch wenn die junge Dame noch an Kinderkrankheiten leidet.

Schlicht und klassisch gefällt

Die Anschaffung einer neuen Weihnachtsbeleuchtung schlägt schnell mit mehreren zehntausend Franken zu Buche. Eine grosse Investition, auch wenn im Vergleich zu früher mit LED in den Folge- jahren viel an Stromkosten eingespart werden kann. Wenn nicht eine Vereinigung lokaler Gewerbetreibender die Kosten übernimmt, ist die Finanzierung oft Sache der Gemeinden. Da der Investitionsbeitrag häufig zu klein ist, um vor ­Gemeindeversammlung oder -parlament zu gelangen, liegt der Entscheid, welche Beleuchtung angeschafft werden soll, oft bei den Exekutiven der Gemeinden.

Die negativen Erfahrungen der Stadt Zürich hat viele Gemeinden für die Problematik sensibilisiert. Eine Weihnachts- beleuchtung soll nicht nur stromsparend und möglichst originell im Design sein – sie muss primär den Leuten gefallen.

In der Zürcher Gemeinde Männedorf musste auf dieses Jahr hin die rund 40- jährige Lichtinstallation ersetzt werden. Gemeindepräsident André Thouvenin (FDP) wollte ursprünglich gar keine Weihnachtsbeleuchtung mehr anschaffen. Es genüge ihm, dass es an vielen Privathäusern glitzere, liess er sich in den lokalen Medien zitieren. Daraufhin liessen die ­Gemeindebehörden an alle Haushalte Fragebogen verteilen, um den Willen der Einwohner zu eruieren. Das Resultat: Eine grosse Mehrheit der Männedörfler widersprach ihrem Gemeindepräsidenten und wollte auch weiterhin eine Weihnachtsbeleuchtung. Auch über Standort und Art der Illumination herrschte mehrheitlich Konsens: Nur im Dorfzentrum und eher diskret sollte die neue Beleuchtung sein. «Neu werden aber auch markante Bäume speziell beleuchtet», erklärt Gemeindeschreiber Hannes Friess, der die Befragung als Erfolg wertet.

Vorsicht beim Patentschutz

Noch einen Schritt weiter als in Männedorf ging man im nidwaldnerischen Buochs: Bereits Anfang September wurden allen Ernstes vier verschiedene Weihnachtsbeleuchtungen aufgehängt. Ziel dieses temporären Probeleuchtens war es, die Buochser selbst entscheiden zu lassen, welche adventliche Illumination sie künftig in ihrem Dorf wünschen. «Dies ist eine urschweizerische, demokratische Lösung», freut sich Gemeindeschreiber Werner Biner. Auch hier zeigte sich eindeutig: Die Schweizer wollen an Weihnachten eine klassische, schlichte Beleuchtung. Das Modell «Ice Light mit Motiv Swiss Star», eine Art Sternenhimmel mit zu Sternen stilisierten Schweizerkreuzen, holte zehnmal mehr Stimmen als das zweitplatzierte Modell. «Alleine die erste Etappe, die heuer installiert wurde, kostet 55 000 Franken. Da wollen wir sicher sein, dass die Bevölkerung auch Freude an der Beleuchtung hat». sagt Biner. Der Rücklauf war gross: 869 Rückmeldungen erreichten die Gemeindeverwaltung. Zum Vergleich: An den Gemeindeversammlungen erscheinen jeweils etwa 300 Personen.

Nicht nur die Schönheit zählt

Die Ästhetik ist nicht das Einzige, auf was Gemeinden bei der Anschaffung einer neuen Weihnachtsbeleuchtung achten sollten. Seit Glühbirnen verpönt und sogar verboten sind, werden praktisch nur noch LED-Produkte angeboten. Da diese in der Anschaffung teuer sind, ist die Verlockung gross, den günstigsten Anbieter zu berücksichtigen. «Dies kann doppelt ins Auge gehen», weiss Anbieter Altindag: Es besteht die Gefahr, dass die Nachverfügbarkeit nicht mehr gewährleistet ist. «Man hat dann zwar eine schöne Beleuchtung, Ersatzteile oder Erweiterungen können bei Billiganbietern aber plötzlich nicht mehr erhältlich sind», warnt Altindag.

Ein Aspekt, der gerne in Vergessenheit gerät, ist der Patentschutz. Die grossen Hersteller und Anbieter von LED-Technologie haben Formen und Lampen patentieren lassen. «Wenn eine Gemeinde in Eigenregie einen Engel oder Weihnachtsstern bauen lässt, ist die Chance relativ gross, dass die Motive urheberrechtlich geschützt sind», mahnt Altindag. Bei ­billigen Leuchtdioden aus Asien ist speziell Vorsicht geboten: «Nicht nur handelt es sich bei solchen Lampen oft um Raubkopien, sie leuchten meist auch nicht gleich sauber wie ein Originalprodukt», weiss Altindag. Die Folge: Statt im bestellten «warmweiss» kann eine ­solche LED-Leuchte plötzlich grün oder blau schimmern – der sichere Tod jeglicher Weihnachtsstimmung.

Keiner will die Zürcher Weihnachtsbeleuchtung

Die unbeliebte, ehemalige Zürcher Weihnachtsbeleuchtung «The World’s Largest Timepiece», hat zwei Jahre nach dem letzten Einsatz an der Bahnhofstrasse immer noch keinen Käufer gefunden. Auch eine Online-Auktion floppte.

Während mehrerer Wochen waren die 275 Leuchtstäbe bei einem Industrie-Auktionshaus zum Kauf ausgeschrieben. Der angegebene Mindestpreis für einen einzelnen Stab betrug 1000 Franken. Die ganze Lichtinstallation war für 300 000 Franken zu haben – nur noch ein Drittel des ursprünglich vorgesehenen Preises. Doch selbst diese drastische Preisreduktion brachte keinen Käufer. Den Preis noch tiefer ansetzen will man aber nicht. Dies ist für Markus Hünig, Präsident der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, der falsche Weg: «Es liegt nicht am Preis, sondern an der Grösse der Installation». Noch gibt er allerdings nicht auf. Man sei immer noch in Gesprächen mit zwei Interessenten aus dem Ausland.

Seit ihrem letzten Einsatz liegen die Leuchtstäbe in einer Lagerhalle des Elektrizitätswerkes der Stadt Zürich (EWZ). Dieses will die Halle im Lauf des nächsten Jahres aber wieder für eigene Zwecke nutzen. Was dann mit den Stäben passiert, ist unklar. (aes/sda)