Mehr Mitwirkung in Genossenschaften gefordert

Mehr Mitwirkung in Genossenschaften gefordert

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Teaserbild-Quelle: Bild: Gabriel Diezi

Das Thema Nachbarschaft gewinnt mit dem raumplanerischen Entwicklungsziel der Verdichtung nach innen und einer zunehmend vielfältigen Bevölkerung immer mehr an Relevanz. Dies hat das Institut für Soziokulturelle Entwicklung des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern vor drei Jahren veranlasst, zusammen mit 15 Partnerorganisationen ein Forschungsprojekt zu lancieren. Untersucht wurde, wie Nachbarschaften in genossenschaftlichen Siedlungen aus Zürich, Winterthur, Bern und Luzern gelebt werden und welchen Stellenwert ihnen von den Bewohnern sowie der Genossenschaft als Organisation beigemessen werden.

In der Schweiz gehört jede zwanzigste Wohnung einer der rund 1500 gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften. «Sie sind mit ihrem Selbstverständnis, ihrem Erfahrungswissen und ihren Mitwirkungsstrukturen prädestiniert, sich mit Nachbarschaftsmodellen auseinanderzusetzen», sagt Soziologin und Projektleiterin Barbara Emmenegger.

Das Forschungsteam legt mit seiner Studie unter anderem dar: Es gibt nicht die Nachbarschaft. Vielmehr reicht das Spektrum der nachbarschaftlichen Kontakte von völliger Anonymität über lose Beziehungen (z.B. sich Grüssen, gelegentlicher Small Talk) bis hin zu intensiven Gemeinschaften. Gerade die losen Beziehungen, die den Grossteil der Nachbarschaftskontakte ausmachen, spielen eine wichtige Rolle: Sie sind ausschlaggebend dafür, ob man sich im nachbarschaftlichen Umfeld sicher und wohl fühlt. «Schon das Wissen um die Möglichkeit, im Notfall auf die Hilfe der Nachbarn oder Nachbarinnen zurückgreifen zu können, scheint wichtig zu sein für das Wohlbefinden», sagt Emmenegger.

Möglichkeiten um sich zu engagieren

Nachbarschaften in genossenschaftlichen Siedlungen sind geprägt durch das Zusammenspiel von Engagement, sozialen Kontakten der Bewohnerinnen und Bewohner sowie dem Vorhandensein von Möglichkeitsräumen, die der Bewohnerschaft ein gewisses Mass an Gestaltungsfreiheit lassen. Möglichkeitsräume sind einerseits physische Räume wie ein Gemeinschaftsraum oder ein Siedlungshof, die bespielt werden können. Andererseits sind damit auch Gremien und lose  Zusammenschlüsse gemeint, durch die das Leben in der Siedlung und die Entwicklung der Genossenschaft gestaltet werden können.

Die Untersuchung weist darauf hin, dass die Bewohner Gestaltungsfreiheiten, wie sie Möglichkeitsräume bieten, sehr schätzen und zu mehr Engagement in der Siedlung bereit wären, es dazu aber oftmals einen Anstoss seitens Genossenschaft bräuchte. Diese könnten also gezielt mit sozialräumlichen Investitionen (Räume, Mitwirkungsgefässe, Finanzen, Personal) den Kontakt unter der Bewohnerschaft fördern und unterstützen.

Auf das Soziale fokussieren

Der gemeinnützige Wohnungsbau erlebt zurzeit einen mächtigen Aufwind. «Nachdem viele Genossenschaften in den vergangenen Jahren gewachsen sind und ihre Bau- und Betriebsprozesse stark professionalisiert haben, gilt es nun, den Fokus der Professionalisierung stärker auf das Soziale zu legen, um auch das qualitative Wachstum zu stützen», sagt Emmenegger. Dies verlangt oftmals einen Kulturwandel innerhalb der gewachsenen Organisationsstruktur der Genossenschaft. Denn die Struktur der Genossenschaft bestimmt, wie, wo und wie intensiv sich die Bewohner einbringen können. Oftmals sieht diese kaum konkrete Mitwirkungsmöglichkeiten vor.

«Verschiedentlich wird die genossenschaftliche Organisationsstruktur zudem als zu gross und zu abstrakt wahrgenommen, um sich damit zu identifizieren und sich dafür engagieren zu wollen. Vielmehr identifizieren sich die und Bewohner mit ihrer Siedlung, ihrem Haus und möchten sich vermehrt auf dieser Ebene einbringen», sagt Emmenegger.

Ein Kulturwandel hin zu mehr Mitwirkungsstrukturen innerhalb der Organisationsstruktur ist in vielen Genossenschaften angezeigt, braucht jedoch Zeit und unter Umständen professionelle Begleitung. Wertschätzung einer gemeinschaftsfördernden Architektur und Gestaltung Auch das gebaute Umfeld hat Einfluss darauf, ob sich Gemeinsinn entwickeln kann. Dabei spielen nicht nur die Grösse und die Ausgestaltung der Wohnungen, sondern auch das
Verhältnis von privaten und gemeinschaftlich nutzbaren Räumen in der Siedlung eine wichtige Rolle.

Eine gemeinschaftsfördernde Architektur schafft unterschiedliche Begegnungsmöglichkeiten, sei dies ein angenehmes Treppenhaus, eine Sitzbank vor der Eingangstür, ein Gemeinschaftsraum oder eine gemeinsame Waschküche. Schliesslich hat auch die soziale und räumliche Anbindung der Siedlung an das Quartier Einfluss auf die Entwicklung von Gemeinsinn.

Toolbox und Unterstützung

Die Wohnbaugenossenschaften und das Forschungsteam erarbeiten in einem nächsten Schritt eine Toolbox, die garantieren soll, dass die Erkenntnisse aus der Forschung umgesetzt werden. Diese Tools sollen zum einen den überregionalen Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen den Genossenschaften fortsetzen.

Zum anderen sollen sie die Genossenschaften sowie die Bewohner darin unterstützten, vielfältige Formen des Zusammenlebens, der Teilhabe und der Solidarität zu entwickeln und damit tragfähige Nachbarschaften zu ermöglichen. (mgt/aes)

Kurzfassung des Schlussberichts inklusive konkreter Handlungsempfehlungen (PDF, 24 Seiten)