Kesb: Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz zieht erste Bilanz

Kesb: Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz zieht erste Bilanz

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Teaserbild-Quelle: Eugene Kim (CC BY 2.0)

Die unabhängige Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha) hat vor einem Jahr ihre Arbeit aufgenommen. Eine erste Bilanz zeigt, mit welchen Massnahmen Kantone, Gemeinden und Beistände Eskalationen noch besser verhindern könnten.

Anlaufstelle für Kindes- und Erwachsenenschutz Kescha Symbolbild
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Eugene Kim (CC BY 2.0)

Die Universität Freiburg empfiehlt Kesb und Beiständen, mehr Ressourcen für die Kommunikation mit den betroffenen Personen einzusetzen.

Die unabhängige Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha) zieht nach einem Jahr Bilanz: Sie hat bereits knapp 1100 Personen beraten, die von einer Massnahme der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) betroffen sind. Nun sollen Verbesserungsmassnahmen initiiert werden.

«Die Kescha entspricht einem grossen Bedürfnis», fasst Kescha-Präsident Guido Fluri zusammen. So würde sie beispielsweise im Mittel täglich acht bis zehn telefonische Beratungen à durchschnittlich 45 Minuten durchführen und weitere Anfragen per E-Mail behandeln.

Mehrheitlich Frauen liessen sich beraten

Die Mehrheit der Fälle, rund 59 Prozent, betraf dabei den Kindesschutz, die restlichen 41 Prozent den Erwachsenenschutz, wie die Kescha bekanntgab. Dabei waren es hauptsächlich Frauen, die sich an die Kescha wandten.

Diese Zahlen stammen von der Universität Freiburg, die insgesamt 1084 Fälle, in denen sich die Personen hauptsächlich rechtlich beraten und psychologisch unterstützen liessen, wissenschaftlich untersucht und ausgewertet hat.

Mehr direkt Betroffene als Angehörige

Speziell ist die Verteilung nach Regionen: 94 Prozent der Fälle stammen aus der Deutsch-, zwei Prozent aus der italienischen und 4 Prozent aus der Westschweiz, so Professor Dominik Schöbi. Verlässliche Informationen, weshalb das so ist, gebe es aber nicht.

Während es bei Kindesschutzfällen fast immer Eltern sind, die sich bei der Kescha melden, sieht es beim Erwachsenenschutz anders aus: Dort wenden sich in 43 Prozent der Fälle die von Massnahmen direkt Betroffenen an die Anlaufstelle und erst in zweiter Linie Angehörige oder ihnen nahestehende Personen.

Verfahren nicht verstanden

Ihnen gemeinsam ist jedoch, dass sie oft wenig bis kein Vertrauen in die involvierten Institutionen haben. Sie fühlen sich laut Schöbi nicht korrekt behandelt und nicht ernst genommen.

Auch verstehen sie die Entscheide nicht respektive können sie nicht akzeptieren. Zudem müsse die Kescha in über 80 Prozent der Fälle Informationsarbeit leisten, da auch das Verfahren nicht verstanden werde.

Mehr Ressourcen für die Kommunikation mit Betroffenen

Wissenschaftler der Universität haben deshalb drei Empfehlungen zuhanden der Kesb sowie Beistände, Kantone und Gemeinden formuliert. Sie sollen mithelfen, Eskalationen im Kindes- und Erwachsenenschutz zu verhindern.

So ist Professorin Alexandra Jungo davon überzeugt, dass es in Einzelfällen mehr Zeit und Personalressourcen braucht. Sie schlägt beispielsweise vor, auf Gemeindeebene mehr Nähe zwischen Behörden und Betroffenen zu schaffen, denn «Nähe schafft auch Vertrauen». Sie denkt dabei an Vertrauenspersonen oder Anlaufstellen.

Eltern in eskalierten Konflikten

Eine weitere Empfehlung: Angebote für Mediation, Beratung und Therapie schaffen. Die Auswertung der Universität zeigt, dass die Kescha im Bereich des Kindesschutzes meist Elternteile berät, die sich in einem eskalierten partnerschaftlichen Konflikt befinden.

Laut Jungo ist es in solchen Fällen ungünstig, wenn die Kesb dann noch zwischen ihnen steht. Diese besonderen Angebote – freiwillig oder angeordnet – sollen den Eltern daher helfen, Konflikte zu lösen und Kompromisse zu finden.

Externe Stellen zur Krisenintervention

Als dritte Empfehlung sieht die Professorin in den Kantonen die Schaffung von externen Kriseninterventionsstellen, mit denen die Kesb zusammenarbeiten soll. Damit können Menschen, die in einer verzweifelten Lage sind, professionell betreut und begleitet werden – beispielsweise durch Notfallpsychologen, die sofort zur Verfügung stehen. Solche Kriseninterventionsstellen gebe es zum Teil schon, sie seien aber nicht der Regelfall.

0,8 Prozent der Kesb-Fälle landen bei Kescha

Die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz Kokes anerkenne die Wichtigkeit der Kescha und schliesse sich den Empfehlungen an, so Kokes-Generalsekretärin Diana Wider. Gleichzeitig betonte sie aber auch, dass von den rund 132 000 Schweizer Kesb-Fällen lediglich 0,8 Prozent bei der Kescha landeten.

Sie würden die Empfehlungen nun mit ihren Gremien und den Kantonen diskutieren. Auch hätten sie bereits erste Massnahmen geplant – unter anderem Weiterbildungskurse, an denen beispielsweise die leichte Sprache geschult wird, oder eine Tagung, die die Sichtweise von Angehörigen und Betroffenen zum Thema hat. (sda/nsi)