Armutsbekämpfung beginnt bei den Kindern

Armutsbekämpfung beginnt bei den Kindern

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Über eine halbe Million Menschen in der Schweiz sind von Armut betroffen. Das soll sich mit dem nationalen Programm gegen Armut ändern. Welche Rolle dabei die vorschulischen Betreuungsangebote spielen, haben Fachleute an der nationalen Armutskonferenz diskutiert.

Kinderarmut
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Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren besonders von der vorschulischen Betreuung. Diese Familien zu erreichen, ist aber oft schwierig.

Die Schweizer sind mit Abstand die reichsten Menschen der Welt. Nirgendwo sonst ist das durchschnittliche Vermögen pro Einwohner so hoch wie hierzulande. Über 500 000 Dollar beträgt das Vermögen pro Kopf, wobei nur die erwachsenen Köpfe gezählt werden. Konkret bedeutet das, dass die Schweizer elfmal wohlhabender sind als der Durchschnitt der Weltbevölkerung. Das hat der «Global Wealth Report 2016» des Credit Suisse Research Institutes erneut bestätigt. Beim Blick aufs Bankkonto sieht es in vielen Schweizer Haushalten jedoch nicht ganz so rosig aus. Durchschnittswerte bilden eben keine Extreme ab. In der Schweiz leben über eine halbe Million Menschen in Armut: rund 7 Prozent der Bevölkerung sind arm, sogar 13,5 Prozent armutsgefährdet. Zwar liegt die Schweizer Armutsgefährdungsquote damit unter derjenigen der EU (17,2 Prozent), sie ist aber höher als beispielsweise in Norwegen (10,9 Prozent) und anderen nordischen Ländern.

Im Schatten der Gesellschaft

Dass die Armut in der Schweiz in der Öffentlichkeit weniger erkennbar ist als in anderen Ländern, bedeutet nicht, dass sie nicht existiert. «Die Armut ist hierzulande oft nicht sichtbar – zumindest nicht von aussen. Sie findet gewissermassen im Schatten statt», stellte der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr an der nationalen Konferenz gegen Armut fest. Passend dazu zitiert er Bertolt Brechts Dreigroschenoper: «Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen im Licht, und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.» Viele Schweizer – auch Politiker – seien sich nicht bewusst, dass die Armut ein Problem darstelle, weil man sie eben nicht sehe. «Doch die Armut hat viele Gesichter. Sie betrifft zunehmend auch die Mittelschicht, sowohl  junge Familien als auch ältere Menschen, alleinerziehende Eltern oder Geschiedene», so Fehr. Dieser Problematik nehmen sich Bund, Kantone und Gemeinden im nationalen Programm gegen die Armut seit 2014 gemeinsam an.

Vier Gesichter der Armut

Unter den Armutsbetroffenen in der Schweiz sind mehrere Bevölkerungsgruppen stark übervertreten. «Das sind zum einen kinderreiche Familien und die sogenannt monoparentalen Familien, die aber in der Realität viel mehr alleinerziehende Mütter als alleinerziehende Väter sind», sagt Jean-Pierre Tabin, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit (EESP) in Lausanne. Zum andern finde man unter den Armutsbetroffenen viele Personen mit tiefem Bildungsstand. «Und schliesslich gehört auch die Gruppe der ausländischen Staatsangehörigen dazu. Sie sind unter den Armutsbetroffenen sehr stark überrepräsentiert.»

Tabin fasst vier «Armutsprofile» zusammen, die anhand von Statistiken im Kanton Waadt erstellt wurden:

  • Alleinerziehende Mütter, deren Armut meist auf die Unvereinbarkeit einer Vollzeitbeschäftigung mit Familien- und Hausarbeit zurückzuführen ist.
  • Kinderreiche Familien mit tiefem Bildungsstand, die meist unter einem tiefen Lohnniveau leiden. «Ihr Einkommen genügt nicht, um die Familie zu unterhalten», so Tabin.
  • Alleinstehende ältere Menschen, die aufgrund tiefer Renten in die Armut rutschen.
  • Erwerbslose Jugendliche, deren Armut häufig auf gesundheitliche Probleme und die damit verbundene Arbeitslosigkeit zurückzuführen ist.

Potenzial der frühkindlichen Betreuung

So vielschichtig wie diese Profile sind, so unterschiedlich und breit sind die Massnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Armut. Ob dabei bezahlbarer Wohnraum, Integration, Erwachsenenbildung oder Kinderbetreuung gefördert wird, jede Massnahme setzt in einem Teilbereich der Ursachen oder Konsequenzen des Problems an.

Besonders geeignet sind Massnahmen, die positive Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen zeitigen. Dazu gehört die frühe Förderung und Betreuung von Kindern, wie sich sowohl in nationalen als auch internationalen Studien gezeigt hat. «Die frühkindliche Betreuung und Erziehung hat ein grosses Potenzial, das im Kampf gegen die Armut und für die soziale Integration häufig noch nicht genug ausgeschöpft wird», ist Michel Vandenbroeck, Professor im Departement für Soziale Arbeit und Sozialpädagogik der Universität Gent in Belgien, überzeugt. Er betont dabei insbesondere die breite Wirksamkeit von frühkindlichen Betreuungsangeboten: Vorschulangebote wirken sich nicht nur auf die Entwicklung von Kindern aus schlechter gestellten Familien aus. Auch Kinder aus besser gestellten Familien können davon profitieren. Die positive Wirkung auf die schulischen Leistungen sei bereits im Alter von sieben Jahren feststellbar.

Chancen für die Eltern

Doch nicht nur für die Kinder haben vorschulische Angebote Vorteile. Die Eltern profitieren ebenfalls davon. «Die direkteste Wirkung für die Eltern ist die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit und der gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das Vorhandensein eines Vorschulangebots ist eine Voraussetzung dafür», so Vandenbroeck. Eine Studie habe gezeigt, dass sich Instrumente wie Elternurlaube oder steuerliche Massnahmen viel weniger auf die Kluft zwischen Männern und Frauen und zwischen den sozioökonomischen Ebenen auf dem Arbeitsmarkt auswirkten als die frühkindliche Betreuung. «Vorschulische Kinderbetreuungsangebote zeigen direkte Auswirkungen auf die Beschäftigungswirksamkeit», fasst Vandenbroeck die Studienergebnisse zusammen.

Breite empirische Evidenz

Zu ähnlichen Ergebnissen wie Vandenbroeck kam auch das Forschungs- und Beratungsbüro Infras, das im Auftrag der Jacobs Foundation in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für empirische Wirtschaftsforschung (SEW) der Universität St. Gallen eine Studie zum Thema «Gesamtgesellschaftliche Kosten und Nutzen einer Politik der frühen Kindheit» durchführte. Dabei wurden bestehende Studien und Statistiken zu diesem Thema ausgewertet und zusammengetragen. «In der politischen Diskussion taucht immer wieder die Frage auf, ob denn ein erhöhtes Betreuungsangebot wirklich zu erhöhter Erwerbspartizipation von Müttern führe. Ja, dafür gibt es eine breite empirische Evidenz», berichtet Susanne Stern, Leiterin des Bereichs Bildung und Familie bei Infras und Mitverantwortliche der Studie. Auch für die Schweiz sei nachgewiesen worden, dass eine Erhöhung des Betreuungsangebots zu erhöhter Erwerbspartizipation führe.

Vorsicht: Qualität sicherstellen

Dass Arbeitstätigkeit und ein sicheres Einkommen sich im Kampf gegen die Armut positiv auswirken, versteht sich eigentlich von selbst. Doch die Vorteile gehen über das Offensichtliche hinaus: «Die erhöhte Erwerbstätigkeit hat noch mehr positive Auswirkungen, wie zum Beispiel bessere Karrierechancen, höhere Löhne und später auch eine bessere Absicherung im Alter», so Stern. Auch bei Ereignissen wie der plötzlichen Arbeitslosigkeit eines Elternteils oder einer Scheidung bedeute die Erwerbstätigkeit mehr Sicherheit für die Familien. «Das führt mittel- und langfristig zu Einsparungen im Sozialsystem auf der einen Seite und zu zusätzlichen Steuereinnahmen auf der anderen. Aus Sicht der öffentlichen Hand also eine sehr erwünschte Wirkung.»

Trotzdem findet Stern auch mahnende Worte. Obwohl die Wirkung der vorschulischen Kinderbetreuung in vielen Studien als sehr positiv für die kognitiven, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten der Kinder bezeichnet wird, existieren auch gegenteilige Forschungsresultate. «Es gibt einige Studien, die keine Auswirkungen auf die Kinder feststellten. Und es gibt sogar einzelne, die negative Effekte sehen, vor allem wenn die Angebotsqualität sehr schlecht ist. Deshalb müssen wir ein Augenmerk auf die Qualität der Kinderbetreuung legen», betont Stern. (...)

Autoren

Nadine Siegle
Stv. Chefredaktorin Kommunalmagazin

Nadine Siegle hat an der Universität Zürich Rechtswissenschaft studiert und 2013 abgeschlossen. Seit September 2016 ist sie stellvertretende Chefredaktorin beim Kommunalmagazin. Sie interessiert sich besonders für Themen der Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie für den sozialen Wandel.