Flächenverbrauch: So wird Boden gutgemacht

Flächenverbrauch: So wird Boden gutgemacht

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Teaserbild-Quelle: Urs Steiger

Die Einführung von Bodenindexpunkten und eine flächendeckende Bodenkartierung mit digitalen Techniken: Das schlagen Wissenschaftler des Nationalen Forschungsprogamms «Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden» vor. In der Raumplanung soll die Qualität des Bodens künftig eine grössere Rolle spielen.

Boden
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Urs Steiger

Die bauliche Entwicklung innerhalb und ausserhalb der Bauzone führt zum Verlust wertvoller Böden und ihrer Funktionen.

«Der Boden ist mehr als nur eine reine Fläche», sagt Adrienne Grêt-Regamey vom Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung an der ETH Zürich. Der Boden habe viele wichtige Funktionen. Er bietet nicht nur die Grundlage für den Ackerbau, sondern filtert auch Trinkwasser, hält Wasser zurück und speichert Kohlenstoff.

Doch jedes Jahr verschwinden in der Schweiz tausend Hektar Kulturland, vorwiegend im Mittelland und in den Talgebieten. Zwischen 1985 und 2009 sind insgesamt 85 000 Hektar verloren gegangen. Das entspricht fünf Prozent des 1985 noch vorhandenen Kulturlands.

Diese Entwicklung hat sich mit leicht reduziertem Tempo auch in den vergangenen Jahren fortgesetzt. Falle Boden weg, würden auch dessen zahlreiche Leistungen vernichtet, die für das Wohlergehen unserer Gesellschaft zentral seien, erklärt Grêt-Regamey.

25 Forschungsprojekte

Sie gehört zu den Wissenschaftlern des Nationalen Forschungsprogramms (NFP) «Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden». Das NFP erhielt vom Bundesrat den Auftrag, Grundlagen für politische Entscheidungen zu erarbeiten und dabei sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen Leistungen des Bodens zu berücksichtigen. Der  Finanzrahmen für die fünfjährigen Forschungsarbeiten beträgt 13 Millionen Franken.

Die Ergebnisse aus den 25 Forschungsprojekten sind jetzt in fünf verschiedenen Berichten veröffentlicht worden. Am 5. Dezember, zum Tag des Bodens, soll eine sogenannte «Gesamtsynthese» vorgestellt werden.

Laut den Forschern hat sich mit der Revision des Raumplanungsgesetzes die Situation entschärft, was Neueinzonungen anbelangt. Der Flächenverbrauch bei Infrastrukturvorhaben und beim Bauen ausserhalb der Bauzone bleibe aber hoch.

Das Raumplanungsgesetz schreibe zwar eine haushälterische Bodennutzung vor. Dennoch sei das Kulturland durch die bestehende Gesetzgebung unzureichend geschützt. Im Vergleich zu anderen schützenswerten Gebieten wie Mooren und Wald bestehen beim Kulturland weniger spezifische gesetzliche Schutzziele. Eine Ausnahme bilden die Fruchtfolgeflächen, die rund einen Drittel aller landwirtschaftlichen Flächen ausmachen. Die restlichen zwei Drittel des Kulturlands werden in der Interessenabwägung kaum berücksichtigt, wie aus einem Bericht zum NFP hervorgeht.

Für das Ausscheiden von Fruchtfolgeflächen sei aber einzig die landwirtschaftliche Produktivität massgebend. Andere Leistungen des Bodens wie seine Funktionen als Filter oder als Lebensraum bleiben unbeachtet. Doch eine nachhaltige Raumplanung müsse genau diese Funktionen in die Interessenabwägung einbeziehen. Die aktuelle Bautätigkeit
spielt sich zudem zu grossen Teilen auf landwirtschaftlich hochproduktiven Böden ab: Bestehende Siedlungen sind wegen der historischen Entwicklung vielerorts von qualitativ hochwertigen Böden umgeben. Eine Ausweitung der Bautätigkeit in unmittelbarer Siedlungsnähe führt deshalb häufig zu erheblichen Verlusten an Boden mit hoher Qualität.

Um die Bodenqualität zweckmässig in Planungsentscheide einzubeziehen, braucht es geeignete Instrumente. Die Wissenschaftler regen deshalb die Einführung von Bodenindexpunkten an, die es ermöglichen, Bodenqualität fassbar zu machen. Die Indexpunkte liefern beispielsweise Informationen dazu, wo Bauen oder Umzonungen mit den geringsten Auswirkungen auf die Bodenqualität verbunden ist. Statt auf fruchtbarstem Ackerland könnten etwa Einkaufszentren, Gewerbegebäude oder Parkplätze dort gebaut werden, wo der Untergrund vielleicht steinig und weniger fruchtbar ist.

«Ein solches System kann eingesetzt werden, um die Bodenqualität langfristig zu erhalten», erklärt Grêt-Regamey. Auf Kantonsebene könnte ein Grenzwert festgelegt werden, der den maximal tolerierbaren Verbrauch an Bodenindexpunkten darstellt. Im Sinne eines Kontingents würden diese ermöglichen, den Verbrauch an Bodenqualität zu lenken. Wie Erfahrungen in Stuttgart gezeigt hätten, lasse sich mit solchen Instrumenten der Verlust an Bodenqualität gezielt vermindern.

Bodenindexpunkte
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zvg

Bodenindexpunkte ermöglichen es, die Nutzung von hochwertigen Böden durch Siedlungsentwicklung zu steuern. Die Summe der Bodenindexpunkte stellt das gesamte unversiegelte Kulturland dar.

Begrenzung unvermeidlich

Besonders die zu erwartende Bevölkerungsentwicklung und der Klimawandel sind gemäss den Forschern grosse Herausforderungen für die nachhaltige Nutzung des Bodens: «Weil der Boden keine erneuerbare Ressource ist, führt langfristig kein Weg an einer Begrenzung vorbei», sagt Felix Walter vom Büro Ecoplan. Deshalb seien nicht nur Massnahmen in der Land- und Forstwirtschaft nötig, sondern auch in der Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung.

Daneben fordert Walter eine verbesserte Bodenkartierung, gezielte Anstrengungen in der Kommunikation, eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure im Bodenschutz und in der Raumplanung sowie ein hohes Engagement der Politik beim Bund, den Kantonen und den Gemeinden.

«Damit die Bodenqualität in der Raumplanung berücksichtigt wird, bedarf es einer neuen gesetzlichen Grundlage», so Grêt-Regamey. Es sei Aufgabe der Behörden, starke Planungsinstrumente einzuführen, die die Siedlungsentwicklung nach innen fördern und die künftige Bautätigkeit möglichst auf weniger wertvolle Böden lenken. Die anstehende zweite Revision des Raumplanungsgesetzes biete eine Chance, die Bodenqualität in der Gesetzgebung besser zu verankern.

Allerdings bleibe nicht viel Zeit, um effektive Massnahmen für eine nachhaltige Bodenpolitik zu ergreifen. «Wie unsere Analysen zeigen, ist der zeitliche Spielraum für den Schutz der heutigen Bodenqualität enorm eng.» Es gelte daher, zügig die notwendigen Grundlagen weiterzuentwickeln. Für den Einsatz der Bodenindexpunkte beispielsweise brauche es Pilotstudien.

Die Wissenschaftler des Nationalen Forschungsprogramms schlagen zudem eine «Bodeninformations-Plattform Schweiz» vor. Für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion,
Trinkwasseraufbereitung und Raumplanung sei ein fundiertes Wissen über den Aufbau des Untergrunds und die Eigenschaften der Böden unerlässlich, erklärt Armin Keller von der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope. Zu Wasser und Luft werden in der Schweiz seit Jahrzehnten umfangreiche Daten erhoben und entsprechende Messnetze betrieben. Doch flächendeckende Informationen zum Zustand der Böden fehlen. Damit stehtdie Schweiz – trotz des hohen Drucks auf den Boden – im europäischen Vergleich schlecht da.

Die nationale Servicestelle für Bodenkartierungen wurde 1996 eingestellt. Die Aufgabe wurden den Kantonen überlassen. Nur wenige Kantone konnten seither die Datenlücken schliessen. Heute seien lediglich für zehn bis 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Bodeninformationen in ausreichender Qualität und Umfang erfasst. Der Mangel an flächendeckenden und harmonisierten Bodeninformationen sei ein wesentlicher Grund, warum der Boden bei vielen politischen Entscheidungen kaum oder gar nicht berücksichtigt wird, schreiben die Forscher.

Mehr automatisierte Verfahren

In ihrem Bericht zeigen sie auf, wie die Erhebung von Bodeninformationen beschleunigt und schweizweit koordiniert werden kann. Zentraler Punkt sei es, die klassische Erhebung von Bodendaten im Feld mit digitalen Techniken zu ergänzen. Damit sei es möglich, auch grössere Gebiete als bisher zu kartieren. Sowohl bei der Datenerhebung als auch bei der Analyse der Bodenproben soll zudem vermehrt auf automatisierte Verfahren gesetzt werden. Erhoben werden neben Kennwerten zum Humusanteil auch Informationen zum Wasserhaushalt, zum Bodenleben und zu Nährstoff- und Schadstoffgehalten.

Zuerst sollen diejenigen Böden kartiert werden, die für die nachhaltige Nutzung und den Schutz der Böden am wichtigsten sind, beispielsweise siedlungsnahe Fruchtfolgeflächen. Für die Ernährungssicherung in der Schweiz seien alle noch verfügbaren fruchtbaren Böden unverzichtbar, heisst es im Bericht. Die Etappierung soll auch dazu beitragen, die personellen Ressourcen optimal zu nutzen und den generationenübergreifenden Wissenstransfer sicherzustellen. Ein derartiges langfristiges Programm kann der Branche zudem die Sicherheit vermitteln, die notwendigen Investitionen in neue Technologien zu tätigen.

Nach der Meinung der Autoren müssen auch die Aufbereitung, die Koordination und der Zugang zu den Bodeninformationen verbessert werden. Heute besteht zwar mit der Nationalen Bodenbeobachtung (Nabodat) eine vergleichbare Plattform. Sie sei jedoch nur auf die Bedürfnisse der Vollzugsbehörden von Bund und Kantonen zugeschnitten und nur ihnen zugänglich. Die Autoren empfehlen, den Zugang zu den Bodeninformationen einem breiteren Kreis zu ermöglichen, etwa den Gemeinden, Planungsbüros und Landwirten.

«Die Datenerhebung und der Aufbau dieser Bodeninformations-Plattform sind eine Investition in die Vorsorge, die sich über die kommenden beiden Jahrzehnte erstrecken wird», erklärt Keller. Die Kosten würden schätzungsweise 15 bis 25 Millionen Franken pro Jahr betragen. Zu Buche schlagen würden dabei hauptsächlich die Kartierung durch private Ingenieurbüros und die Infrastrukturkosten.

An zehn Beispielen zeigen die Autoren: Eine landesweite Bodenkartierung schafft einen erheblichen Mehrwert. Dank verbesserter Bodeninformationen liessen sich allein bei der Trinkwasseraufbereitung die Kosten um 10 bis 15 Prozent oder jährlich 7 bis 10 Millionen Franken senken. Sie helfen auch, Schäden durch Bodenverdichtung und Bodenerosion zu vermindern oder den Einsatz von Düngemittel in der Landwirtschaft zu optimieren.

«Bei sehr konservativen Annahmen» für die zehn Beispiele belaufe sich der Nutzen verbesserter Bodeninformation schweizweit auf jährlich 55 bis 132 Millionen Franken, sagt Keller. Jeder in die Bodenkartierung investierte Franken macht sich somit für die Gesellschaft und künftige Generationen mehrfach bezahlt.»

Bodenzentrum gefordert

Der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt forderte bereits 2014 in einer Motion ein eidgenössisches Bodenkompetenzzentrum. Dort sollten gesamtschweizerische Daten zur Qualität der verschiedenen Böden wissenschaftlich standardisiert erhoben werden. Bis heute hat sich aber nichts getan, obwohl das Parlament dem Vorstoss zugestimmt hat. Der Bundesrat winkte damals ab, obwohl er die Bedeutung des Bodenschutzes anerkannte. Da der Bund bereits Instrumente wie Nabodat bereitstelle, brauche es kein Bodenzentrum, das wesentliche zusätzliche Ressourcen erfordern würde.

Inzwischen hat die Grünen-Nationalrätin Adèle Thorens Goumaz nachgebohrt, wann der Bundesrat Massnahmen zugunsten der Bodenqualität ergreift. Die Antwort des Bundesrats: Man sei daran, einen Bodenstrategieplan zu entwickeln, wie er im Rahmen des Aktionsplans Biodiversität vorgesehen sei. Im Rahmen dieses Strategieplans werde geprüft, wie die Motion für ein Bodenzentrum umgesetzt werden soll. Der Bundesrat berücksichtige dabei auch die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden». Wie ein nationales Kompetenzzentrum finanziert werden kann, ist laut dem Bundesrat zurzeit noch offen.

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Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.