Wer rastet, der rostet

Wer rastet, der rostet

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Von Mathias Knigge*

Der demografische Wandel ist schon heute wahrnehmbar. ­Und zu bremsen ist er kurzfristig nicht. Eine ­alternde Bevölkerung hat ­andere Bedürfnisse. Darauf müssen sich die Städte und Gemeinden einstellen. Von der barrierefreien Bordsteinkante über die längere Querungszeit der Ampelanlagen bis hin zu altersfreundlichen Sitzmöglichkeiten und mehr öffentlichen Toiletten gibt es schon heute Handlungsbedarf, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.

Gemeinden sollten aus diesem Grund zeitnah Konzepte entwickeln, um gute Lösungen für die alternde Bevölkerung zu entwickeln. In Bezug auf die Gestaltung öffentlicher Grünanlagen geht es dabei unter anderem um die Frage, wie ältere Menschen zu mehr Bewegung motiviert werden könnten. Eine mögliche Antwort darauf sind Geräte zur körper­lichen Ertüchtigung, welche auf die Bedürfnisse einer alten Bevölkerung zu­geschnitten sind. Ziel muss es sein, im­ öffentlichen Raum niederschwellig Menschen anzusprechen, die sich sonst nur wenig bewegen. Die Gemeinde wird ­dabei nur gewinnen, denn ein gesundes Altern bedeutet gleichzeitig immer auch die Vermeidung von nachgelagerten ­Kosten. Gleichzeitig zeigen die Aktivi­täten von Seniorengruppen und deren ­Interessenverbänden, dass der ständig wachsenden Zielgruppe viel daran liegt, mit entsprechenden Angeboten berücksichtigt zu werden und einen attraktiven Platz im öffentlichen Raum zu bekommen.

Kein «Spielplatz» für Senioren

Um erfolgreich ein Bewegungsangebot für ältere Menschen zu realisieren, gilt es einige wesentliche Punkte zu beachten. Ein erster betrifft die Sprache. Denn der Begriff «Seniorenspielplatz» stösst bei älteren Menschen sehr häufig auf Ablehnung. Die pauschale Reduktion auf kindliche Verhaltensweisen und ­Bedürfnisse, den der Begriff «Spielplatz» impliziert, wird von der heterogenen Gruppe der über 65-jährigen nicht unbedingt geschätzt. Das Wort «Mehrgenerationenplatz» beschreibt den Sachverhalt schon wesentlich dezenter. Zielführend sind in jedem Fall Begriffe wie «Bewegungs-Parcours», die weder Alter noch Gesundheit der zukünftigen Nutzer thematisieren. So wird man der Tatsache gerecht, dass sich ältere Menschen durchschnittlich zehn Jahre jünger fühlen, als sie tatsächlich sind. In der Regel sehen sie den Bedarf an spezifischen Seniorenangebote nur bei den anderen Vertretern ihrer Generation, nicht aber bei sich selber. Frei nach dem Motto: «Alt werden will jeder, alt sein will keiner.»

Tatsächlich ist es nicht ganz einfach, diese Zielgruppe zufriedenzustellen: ­«Generationenübergreifende» Anlagen, deren bunte Applikationen an Kinderspielplätze erinnern, sprechen selten langfristig ältere Nutzer an. Ausladende Baukörper, in denen verschiedene Übungen, wie Wackelbrücke, Netzboden und Balancierbalken für einen Rundlauf ­integriert sind, wecken bei ihnen Vor­behalte: Auch bei diesen Angeboten ­fühlen sie sich nicht als Erwachsene angesprochen. Hinzu kommt, dass Kinder solche Anlagen schnell «vereinnahmen». So verstärken sie den Eindruck, es handele sich hier nicht um ein Angebot für ältere Menschen.

Alte sind keine Athleten

Ebenfalls auf wenig Gegenliebe bei der Zielgruppe stossen allzu leistungsorientierte Angebote (wie «Outdoor Fitness» oder Trimm-Dich). Diese bemühen ein übertrieben aktives Altenbild und entsprechen nicht den durchschnittlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen älterer Personen. Mit diesen Outdoor-Varianten von klassischen Geräten aus dem Fitnessstudio können gezielte Übungen für ausgewählte Muskelgruppen nachvollzogen werden. Diese Geräte sind für eine breite Gruppe von Jugendlichen und ­Erwachsenen sicherlich interessant. Aber gerade jene älteren Menschen, die sich bisher wenig bewegt haben oder dies aus Altersgründen nicht mehr können, werden hier oftmals überfordert oder ­sogar gefährdet. Zum Beispiel haben «Beinpendel» mit schwingenden Stangen, die keinen sicheren Stand bieten, ein erhebliches Gefährdungspotenzial. Oftmals sind sich die älteren Nutzer dessen gar nicht bewusst. Auch zu komplexe Angebote und Übungen, die einer längeren Erläuterung bedürfen, machen den Einstieg schwer.

Probleme zeigen sich zudem oft im Detail: Klimmzugstangen, die nur schwer erreichbar sind (ab 180 Zentimeter Höhe) oder einen zu grossen Durchmesser (über 50 Millimeter) haben, verfehlen die Zielgruppe.
Doch es muss nicht zwingend an den Geräten selber scheitern: Auch eine zu grosse räumlichen Nähe zu reinen Kindergeräten oder eine direkte Integration in die Kinderspielfläche ruft bei älteren Menschen Vorbehalte und Ängste hervor. Sie fühlen sich durch tobende Kinder in nächster Nähe verunsichert oder sturzgefährdet.

Auch allzu komplexe Angebote und Übungen, die einer längeren Erläuterung bedürfen, machen den Einstieg schwer. Dementsprechend werden selbsterklärende Geräte mit hohem Aufforderungscharakter gebraucht. Gut sind Lösungen, die mit kleinen, einfachen Übungen den Nutzer abholen und nicht durch eine defizitorientierte Gestaltung stigmatisieren. Es muss berücksichtigt werden, dass sich viele ältere Menschen nicht in der Öffentlichkeit verausgaben wollen, und sie keine Geräte nutzen möchten, die sie als «tobende Rentner» oder «defizitäre Senioren» zur Schau stellen. Hinzu kommt, dass ältere oder ungeübte Nutzer nicht in sportliche Konkurrenz mit jüngeren oder aktiveren Nutzern treten wollen. Und sie wollen nicht aufgrund der Geräteanordnung oder von gegenüberliegenden Bänken bei der Nutzung beobachtet werden.

Erfolgsfaktoren beachten

In der Praxis haben sich einige Kriterien herauskristallisiert, die es zu berücksichtigen gilt, wenn man ein attraktives Bewegungsangebot für ältere Zielgruppen realisieren möchte:

  • Erreichbarkeit
    Damit ein Bewegungsangebot im öffentlichen Raum auch noch im höheren ­Alter genutzt werden kann, müssen die Wege dorthin kurz und barrierefrei sein. Untersuchungen der «LUCAS-Studie» (Albertinen Hamburg) zeigen, wie mit zunehmender Einschränkung der Mobilitätsradius drastisch abnimmt. Somit können entsprechende Bewegungsangebote nur wohnortsnah ihre Wirkung entfalten. Dabei ist das ganze Umfeld zu hinterfragen: Sind Wege mit einem ebenen und rollfesten Belag versehen? Ist die Entfernung zwischen Bänken am Weg ausreichend dicht gewählt? Sind Bordsteine abgesenkt und Ampelphasen auf langsamere Gehgeschwindigkeiten abgestimmt? Können Tore und Sicherungs­bügel auch mit einem Rollator passiert, beziehungsweise selbstständig geöffnet werden? Bei Steigungen über vier Prozent ist überdies ein Geländer empfehlenswert. Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr und an das Fahrradnetz (mit entsprechenden Abstellmöglichkeiten) erhöht die Erreichbarkeit auch für weitere Gruppen.

  • Aufenthaltsqualität
    Die Aufenthaltsqualität trägt direkt zur Verweildauer bei. Es sollten Sitzmöglichkeiten vorhanden sein, welche die Sitzhöhe und die Bewegungsabläufe beim Aufstehen berücksichtigen. Dabei sollte ein Wetterschutz, insbesondere ein Schutz vor starker Sonne, vorgesehen werden. Bedeutend für die Aufenthaltsqualität sind Toiletten. Darauf achten gerade im höheren Alter viele Menschen. Es lohnt sich, interessante, wirtschaftlich tragfähige Alternativen zu klassischen öffentlichen Toiletten ins Auge zu fassen: privat bewirtschaftete Lösungen, etwa in Verbindung mit einem kleinen Kiosk im Park oder Ideen wie das Projekt der «netten Toilette», bei der die öffentliche Hand gastronomische Einrichtungen finanziell unterstützt, damit diese ihre WCs der Öffentlichkeit auch ohne Konsum zur Verfügung stellen.
    Wesentlichen Einfluss auf die Aufenthaltsqualität hat das Sicherheitsempfinden. In Befragungen äussern die Nutzer immer wieder der Wunsch nach Übersichtlichkeit und Sichtkontakt zu anderen Besuchern. Auch Möglichkeiten zur Kommunikation, etwa durch eine entsprechende Ausrichtung von Bänken, ist wünschenswert. Doch der Wunsch nach Teilhabe und Beobachtung anderer Menschen im Park hat seine Grenzen. Keiner möchte bei Übungen frontal beobachtet werden. Es sind also Rückzugsmöglichkeiten vorzusehen, die den Wunsch nach Integration berücksichtigen, einen Überblick bieten, aber auch das Ruhebedürfnis erfüllen.

  • Erprobte Bewegungsformen
    Wenn man ernsthaft versucht, ältere und bewegungsferne Menschen mit einem Bewegungsangebot anzusprechen, muss die Eingangs-Anforderung sehr gering sein und darf nicht abschrecken. Gleichzeitig sollte eine moderate Leistungssteigerung möglich sein, ohne dass es zur Gefährdung kommt. Eine Untersuchung der FH Wiesbaden (Senioren und Freiflächennutzung, FH Wiesbaden 2008) analysierte ein be­sonders von älteren Nutzern häufig genutztes Bewegungsangebot in Berlin. Als Gründe für die hohe Akzeptanz der ­Anlage werden die moderaten Anforderungen der Geräte und die nur partielle Beanspruchung des Körpers bei den Übungen genannt.

  • Motivation
    Damit Bewegungsangebote genutzt werden, ist ein hoher Aufforderungscharakter wichtig. Schon die Anlage als solche kann zur Bewegung im Gelände einladen. So kann eine entsprechende Wegeführung mit verschieden langen Rundwegen, wenn möglich mit leichten Höhenunterschieden, ein wichtiger Teil des Angebots sein. Motivierend ist dabei nicht nur die Möglichkeit, etwas zu entdecken (Landmarks, Ausblicke oder ähnliches). Auch entlang des Weges ist es möglich, mit Sinneserfahrungen zu leiten: Durch Pflanzen mit interessanten Gerüchen, Beeren respektive Früchten, durch Schmetterlingspfade oder andere Themenwege. Durch eine entsprechende Beschilderung können diese als Attraktionen hervorgehoben werden.
    Die Geräte selber sprechen die Nutzer in zwei Dimensionen an. Neben dem hohen Aufforderungscharakter ist die ­attraktive Gestaltung äusserst wichtig. Individuelle und wertige Lösungen entsprechen den «erwachsenen» Erwartungen und helfen, die Angebote von Kinderspielplätzen abzugrenzen.
    Auch beim Einsatz von einfachen, vermeintlich selbsterklärenden Geräten oder Elementen sollten zurückhaltende, aber gut gestaltete Schilder eine verständliche Anleitung für den Einstieg bieten.

  • Integration
    Das Aufstellen von Geräten allein reicht nicht, damit sich Menschen bewegen. Um Bewegungsangebote passgenau auf das nahe Umfeld und die potenziellen Nutzergruppen abzustimmen und die Nutzung von Anfang an zu forcieren, sind integrative Bausteine nötig: Partizipation zukünftiger Nutzer, Kooperation mit Akteuren und der Einsatz von Multiplikatoren. Partizipative Prozesse ermöglichen es, die Wünsche einer älteren Bevölkerungsschicht früh zu erfassen. Zudem verbreiten sich durch ihren Einbezug Informationen schnell und informell. ­Damit entsteht eine Zielgruppe, die sich von Anfang an auf die Nutzung freuen und für die Verbreitung sorgen.
    Kooperationen mit Wohnungsunternehmen sowie mit Wohn- und Pflege­heimen bieten interessante Ansätze, da ein Interesse an der Aufwertung von ­Eigenflächen und Umfeld sowie der Aktivierung der Bewohner vorliegt. Neben der Kommunikation und Organisation von betreuten Veranstaltungen können Finanzierung und Unterhalt gemeinsam getragen werden.
    Multiplikatoren, die zu den Anlagen einladen, in Übungen einführen und auch spezifische Nutzungsmuster vorstellen, sind Seniorengruppen, Sportvereine und Ansprechpartner vor Ort, wie Seniorenlotsen. Deren entsprechende Programme und Veranstaltungen können eine Grundnutzung sichern, die für eine breite Nachahmung sorgt.

Die vorgestellten Dimensionen machen klar, dass das Thema Bewegung eine umfassende Herangehensweise benötigt. Nur so kann das grosse Potenzial genutzt und können Fehler vermieden werden. Neben den Erfahrungen aus Geriatrie und Ergotherapie, der Landschaftsplanung und Anbietern individueller Lösungen, sind es Beteiligungsverfahren zur Einbindung von Anliegern, die zum Erfolg beitragen. Um bei der Planung und Einrichtung entsprechender Anlagen Fehler zu vermeiden und eine hohe Nutzungsakzeptanz zu erreichen, empfiehlt sich in jedem Fall ein strukturierter Prozess.

*Mathias Knigge ist Geschäftsführer der Firma «grauwert – Büro für demografiefeste Produkte und Dienstleistungen» mit Sitz in Hamburg. Er hat einen Leitfaden entwickelt, der bei Standortwahl, Konzeption und Auswahl generationen­übergreifender Geräte unterstützt und zu allen ­vorgestellten Dimensionen sowie zu zielgruppen­spezifischen Details berät. Unter anderem hat er für ­die L. Michow & Sohn GmbH Geräte konzipiert.

Beispiele von bereits realisierten Anlagen in Deutschland und Spanien sind in «kommunalmagazin»-Ausgabe 14/03 zu finden.