Wakkerpreis 2018: Abgelegenes Bergdorf mit grossem Potenzial

Wakkerpreis 2018: Abgelegenes Bergdorf mit grossem Potenzial

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Teaserbild-Quelle: Sibylle Aubort Raderschall

Der Schweizer Heimatschutz hat 2018 zum Kulturerbejahr erklärt. Deshalb geht der diesjährige Wakkerpreis nicht an eine Gemeinde, sondern an die Nova Fundaziun Origen in Riom GR. Der Bündner Heimatschutz und das «Origen Festival Cultural» haben eine Gestaltungsstudie zum öffentlichen Raum des Dorfes Riom erarbeiten lassen. Darin stellen Architekten und Landschaftsarchitekten ihre Gedanken zu einer möglichen Aufwertung der Freiräume vor – mit erstaunlich einfach gehaltenen Eingriffen.

Rund 6000 Orte sind aktuell im Bundesinventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS) erfasst und nach nationaler, regionaler und lokaler Bedeutung eingestuft. Riom in der Bündner Region Albula gehört zu den 1274 Ortsbildern von nationaler Bedeutung.

Von den Gründen erzählte die Ausstellung «Riom gestalten – Fumar Riom» im ehemaligen Gemeindehaus: Rioms historische Bedeutung als Zentrum einer Region, seine Überhöhung durch die in dominanter Stellung vorgelagerte Burg, «die charakteristische Wechselwirkung zwischen kompakter Dorflage und unverbauter Hanglandschaft, das spannungsvolle und siedlungstypologisch interessante Nebeneinander zwischen der nach dem Dorfbrand 1864 entstandenen Neuanlage mit der orthogonalen Gliederung und dem organisch gewachsenen alten Teil».

Als weitere Besonderheiten gelten der vergleichsweise «grosszügig dimensionierte Dorfplatz» sowie «eine Bausubstanz mit teils hoher architekturgeschichtlicher Qualität».

«Peripher in alpiner Brache»

Die Ausstellungsmacher benannten auch die typischen Probleme des 200-Seelen-Ortes als «peripher gelegenem Bergdorf in der sogenannten alpinen Brache». Die Jungen wandern ab, die zurückbleibende Bevölkerung überaltert zunehmend. Wer hier wohnt, arbeitet meist auswärts. Nur wenige leben noch von der Landwirtschaft.

Die Folge: Einige Häuser werden kaum genutzt oder stehen ganz leer. Seit der Fusion mit acht weiteren Dörfern der Region zur Gemeinde Surses im Jahr 2016 gibt es keine Post mehr in Riom und auch die Schule sowie die Gemeindeverwaltung sind nicht mehr im Dorf.

«Orte wie Riom sind in den seltensten Fällen in der Lage, aus eigener Kraft das Steuer herumzureissen», beschreibt Ludmila Seifert, Geschäftsleiterin des Bündner Heimatschutzes, die Situation. Umso wichtiger sei es, zugkräftige Motoren zu stärken. Riom hat einen solchen Motor – das Theaterfestival Origen mit seinem Intendanten Giovanni Netzer, der den Ort als Stammsitz wählte. Origen mietet oder übernimmt bestehende Bauwerke, nutzt sie für seine Zwecke um und haucht ihnen neues Leben ein.

Der umfassende Ansatz, mit dem Netzer Theater von internationalem Ansehen im regionalen Kontext verankert, habe den Bündner Heimatschutz aufmerken lassen, berichtet die Geschäftsleiterin. Gemeinsam mit Origen verfolge der Heimatschutz das Ziel, das abseits der Julierpassstrasse gelegene und von Touristen vernachlässigte Dorf zu einem Anziehungspunkt zu machen – «zum Anhalten, Verweilen und Bleiben, für Einheimische wie Besucher und die wachsende Zahl der Origen-Mitarbeiter.»

Ein Bergdorf im Wandel in der Luftaufnahme von 1947: In der südlichen alten Dorfhälfte (oben) bilden Häuser und Höfe ein scheinbar chaotisches Geflecht. Als Folge des Brandes von 1864 wurde im betroffenen nördlichen Teil entlang linearer Strassen gebaut.

Dorfplatz und Strassen beleben

Genau hier setzt die Gestaltungsstudie der von Heimatschutz und Origen beauftragten Büros an. Darin haben der Architekt Men Duri Arquint und die Landschaftsarchitekten Sibylle Aubort und Roland Raderschall Lösungsansätze für neuralgische Punkte skizziert.

Die Studie beschreibt etwa den Riomer Dorfplatz als einstmals historisch wichtige Handelsachse, als Ausgangsort und Kreuzung aller wichtigen Wege im Ort. Die für ein Bergdorf ungewöhnlich prägnante, streng quadratische Form ist Folge der Neugestaltung nach dem Dorfbrand 1864. Mit dem Ausbau der Kantonsstrasse sei der Platz jedoch zerschnitten worden. So, wie er sich heute präsentiert, sei er Rioms abhanden gekommene Mitte.

Nach Ansicht der Gestalter könnte er seine eigentliche Funktion zurückgewinnen. Ein einheitlicher Belag aus Natursteinpflaster könnte seine Form und Bedeutung als Begegnungsort unterstreichen. «Der Asphaltbelag der Strasse wird für die Überfahrt des Platzes unterbrochen, alle Benutzer sind auf der Fläche gleichberechtigt. Der Platz selber wird fein terrassiert, womit insbesondere vor den Gebäuden und für den Brunnen mehr oder weniger ebene und brauchbare Flächen entstehen.»

Auf der Platzmitte solle wieder Wasser in einem quadratischen Brunnen plätschern – «so, wie er historisch verbürgt ist». Fragmente des Brunnens von 1871 seien heute noch als Steinbänke vor der alten Schule und der Burg erhalten. Sitzbänke rings um den Platz könnten zum Verweilen einladen. «Wünschenswert wäre, eine speziell für Riom entworfene Holzbank zu verwenden.»

Im ehemaligen Gemeindehaus plant Origen einen Ort für Tageskasse, Infostelle, Produktionsbüro und Denklabor. Aber auch ein Restaurant könne Leben zurück auf den Dorfplatz bringen, meinen die Verfasser der Gestaltungsstudie, oder ein «Ort für Produkte aus der Region».

Seien bei Strassensanierungen bislang grosse Flächen unter Asphalt verschwunden, wünschen sich die Experten künftig einen sorgfältigeren Umgang mit Vorplätzen,  Strassenrändern und Restflächen. Früher hätten Kräuter und Sträucher die heute verarmten Flächen belebt. Würden diese gekiesst oder gepflastert, könnte das Grün zurückgeholt und somit zur Ortsbildqualität wie ökologischen Vielfalt beigetragen werden.

Höfe, Gärten und Parkplätze Die Studie hebt eine weitere Besonderheit von Riom hervor, die ebenfalls mit dem raschen Neuaufbau nach dem Brand in der nördlichen Dorfhälfte entstanden war: Häuser entlang lineaer Strassen, getrennt von den Ställen, dazwischen der neue Typus der Riomer Wirtschaftshöfe. Ohne Zäune gehen sie nahtlos ineinander über und ermöglichen auf diese Weise ein vielfältiges Netz von Wegen und Pfaden.

«Diese informell-halböffentlichen Räume bieten eine hohe Alltagsqualität», heisst es in der Gestaltungsstudie, «auch dann, wenn inzwischen viele der Gebäude keine Landwirtschaftsbetriebe mehr sind.» Die Experten empfehlen, die offenen Hofräume zu erhalten und diese nicht, wie in anderen Einfamilienhausquartieren, durch Asphalt, Umzäunungen und Parkplätze umzufunktionieren.

Eine Dorfstruktur, die entstand, lange bevor Autos Einzug hielten, sei nur bedingt geeignet, Parkplätze aufzunehmen. Höfe sowie leere Ställe könnten einige Parkierungsflächen bieten. Würden dafür jedoch Gärten aufgehoben, gingen Freiräume höchster Qualität verloren. «Gärten waren historisch der einzige Ort innerhalb der Bündner Dörfer, wo Bäume gepflanzt wurden. […] Sie bilden bunte vielfältige Muster im Dorfkörper.» Ihre Pflanzenvielfalt sei prägend, solle wertgeschätzt und nicht zweckentfremdet werden.

Der wachsende Bedarf an Parkplätzen stelle eine zentrale Aufgabe dar. Durch die oft mit Privatfahrzeugen anreisenden Origen-Besucher werde das Problem verschärft. Die Lösung sehen die Verfasser der Studie nicht innerhalb der gewachsenen Dorfstruktur, sondern eher am Ortsrand. Vorgeschlagen wird, den bereits bestehenden Parkplatz am unteren Dorfeingang ins Gelände einzubetten, die Standflächen zu Kiesflächen zurückzubauen und damit die Versiegelung zu minimieren. Zudem könnten aufgereihte Autos hinter raumgliedernden Wildheckenstreifen verborgen werden.

Weitere Parkplätze, bei Bedarf gedeckt, wären am oberen Ortsrand möglich. Dabei könnte die Topografie des Hangs sinnvoll genutzt werden, «um – anstelle von Böschungen – mit Stützmauern Flächen für Parkplätze bereitzustellen.» Damit können die Parkplätze zugleich «zu einer Klärung der Morphologie und des Raumes zwischen ehemaligem Schulhaus und Siedlung beitragen».

Quelle: 
Luzia Stoeckli

Riomer Besonderheit: In der offenen Fuge zwischen Wohnhäusern und getrennten Ställen entstanden mit dem Neuaufbau die neuen, für Riom typischen Wirtschaftshöfe.

Dorf, Theater und Burg

Durch den Origen-Theaterbetrieb erhält auch der alte Weg zwischen Dorfkern und Burg, die sowohl Spielstätte als auch Logo von Origen ist, eine neue Bedeutung.
Der Pfad ist jedoch steil, teils eng, schlecht begehbar und für Ortsunkundige nicht auf Anhieb zu erkennen. «Um der historischen wie aktuellen Bedeutung dieser wichtigen Verbindung Rechnung zu tragen, wird vorgeschlagen, den Weg einheitlich und komfortabler auszubauen.»

Ein mit ortsüblichen Flusskieseln gepflastertes Band könne sich vom Dorfplatz zur Burg erstecken, je nach Situation in der Breite variieren, vom Trottoir zum Plätzchen ausweiten. Steile Bereiche sollten als Treppen oder Treppenweg ausgebildet werden, Brunnen sowie Bänke den Weg begleiten, Stationen bilden. «Als Besonderheit bietet ein Handlauf Halt und führt den Fussgänger über alle Sequenzen vom Dorf zur Burg.»

Zum Theaterbetrieb gehören auch Mitarbeitende für Bühnenbild und Lichtdesign, Küchen und Werkstätten sowie Lieferanten. Ihr Werkplatz bei der «Sala Polvalenta» solle ebenfalls gekiest und von einer dem Transport dienenden Asphaltschleife umlaufen werden. Empfohlen wird, auf dem Platz nichtfruchtende Kirschbäume zu pflanzen, die Atmosphäre schaffen, im Frühling weiss-blühende Wolken bilden, im Sommer Schatten spenden und im Herbst einen bunten Blätterteppich.

Der Raum dazwischen verbleibe zum Werken und Spielen, für Begegnungen zwischen Einheimischen, Kunstschaffenden und Publikum.

Gute Basis für weitere Schritte

Am Tag des offenen Denkmals 2017 wurde die Gestaltungsstudie öffentlich präsentiert. Tags zuvor hatten die beauftragten Büros die Bevölkerung von Riom über ihre Lösungsvorschläge informiert. Mit erfreulicher Resonanz. Gerade über die Dorfplatzgestaltung habe man lange nachgedacht, habe ein Einwohner erklärt: «Doch das Gelbe vom Ei haben wir nie gefunden. Wir hatten allerdings auch keine Spezialisten hinzugezogen.» Eine Aussage, die hoffen lässt.

Es sei erst eine Studie, kein Gestaltungsplan, betont Ludmila Seifert. «Aber wir hoffen, dass es der Start einer Diskussion ist.» Eine gute Basis, die Vorschläge für die Freiraumaufwertung in Kooperation mit der Dorfbevölkerung und den politischen Entscheidungsträgern Stück für Stück umzusetzen.

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