Stadt Bern schafft klare Verhältnisse

Stadt Bern schafft klare Verhältnisse

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Teaserbild-Quelle: Flavia Trachsel
Stadtberner Standards

Behinderte Menschen sind im öffentlichen Raum mit den unterschiedlichsten Hindernissen konfrontiert. Um diese abzubauen und vor allem keine neuen zu schaffen, hat die Stadt Bern Standards definiert. Damit diese verstanden und wirklich umgesetzt werden, will die Stadt die entscheidenden Köpfe zu einem Umdenken anregen.

«In der Schweiz leben etwa 20 Prozent der Bevölkerung mit Behinderun­gen», erklärt Herbert Bichsel, Projekt­leiter bei Sensability, einer Organisation, die sich für die Sensibilisierung von Menschen ohne Behinderungen ein­setzt (siehe Box). Behinde­rungen werden unterschiedlich definiert, die Zahlen sind je nach Definition ent­sprechend verschieden. Insgesamt ist je­doch ein beachtlicher Anteil der Bevöl­kerung davon betroffen. «Dazu gehören auch in zunehmendem Masse Senioren, die aufgrund ihres Alters ebenfalls unter körperlichen Einschränkungen lei­den. Aufgrund der demografischen Ent­wicklung kann man davon ausgehen, dass dieser Anteil noch stark anwachsen wird», so Bichsel weiter. Dies sei Menschen ohne Behinderung meist gar nicht bewusst.

Weg vom Fürsorgegedanke

Bis in die 1980er-Jahre hinein herrsch­te im Zusammenhang mit behinderten Menschen ein Fürsorgegedanke vor. «Dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte selbstbewusst einfordern, ist eher ein neueres Phänomen.» Und seit Inkraft­treten des Behindertengleichstellungs­gesetzes (Behig) im Jahr 2004 sei diese Entwicklung noch gestärkt worden, be­richtet der 50-jährige Bichsel, der selbst seit seinem 31. Lebensjahr auf einen Roll­stuhl angewiesen ist.

Berner Standards gelten seit 2016

Auf der Grundlage des Behig hat der Gemeinderat der Stadt Bern Ende 2013 entschieden, ein Projekt mit dem Titel «Umsetzung hindernisfreier öffentlicher Raum» (UHR) erarbeiten zu lassen. Dies mit dem Ziel, dass sich Menschen mit Behinderungen in der Stadt Bern auto­nom im öffentlichen Raum bewegen können, ohne auf die Hilfe Dritter ange­wiesen zu sein.

Mit dem Projekt beauftragt wurde die Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadt­grün. Unter der Federführung des Tief­bauamts wurden Standards zur Realisierung eines hindernisfreien öffentli­chen Raums erarbeitet sowie ein entspre­chendes Umsetzungskonzept dazu ge­schaffen. Diese Richtlinien – etwa in den Bereichen Öffentlicher Verkehr, Lichtsignalanlagen sowie Park- und Grünanlagen – gelten nun seit 2016 für den öffentlichen Raum.

Gemeinsame Projektarbeit

Das Ganze geschah aber nicht hinter verschlossenen Türen. «Es war von An­fang an klar, dass wir alle betroffenen Fachstellen sowie verschiedene Behin­derten- und Seniorenorganisationen und Verbände einbeziehen müssen, um die Standards gemeinsam zu schaffen», sagt Hans-Peter Wyss, der als Stadtingenieur das Projekt leitete und Anfang 2018 nach 16 Jahren von seinem Amt zurück­treten wird. Ebenso wurden Vertreter des Fuss- und des Veloverkehrs einbezogen. «So waren die Ansprüche der verschie­denen Nutzergruppen an den öffentli­chen Raum abgedeckt», so Wyss.

Ansprüche gehen weit auseinander

Dass die Ansprüche an den öffentlichen Raum vielfältig und nicht selten gegen­sätzlich sind, ist längst bekannt. Wäh­rend für Sehbehinderte bauliche Abgren­zungen zwischen dem Trottoir und den Strassenräumen bedeutend sind, sollten die Schwellen für Menschen im Rollstuhl sowie für ältere Personen so tief wie möglich respektive am besten inexistent sein (siehe auch «Freie Bahn für alle gibt es nicht»). Kommen dann noch die Idealvorstellungen der Velofahrer, Fussgänger und schliesslich auch der Bauverantwortlichen und Ver­kehrsplaner hinzu, wird die Sache noch komplizierter.

Verhärtete Fronten

Umso wichtiger war beim Projekt UHR ein offener Dialog – keine Selbst­verständlichkeit, wenn man in die Vergangenheit schaut: Lange herrschte die Mentalität vor, dass Behindertenorgani­sationen und andere Anspruchsgruppen ihre Rechte bei Bauvorhaben im Einspracheverfahren einfordern können. Das führte regelmässig zu langwierigen Streitigkeiten und Unzufriedenheit bei den Betroffenen.

Da die Fronten deshalb eher verhärtet waren, musste die Zusammenarbeit der Fachstellen und Organi­sationen im Projekt UHR erst einmal ge­fördert werden, erklärt Wyss. «In solchen Projekten braucht man Menschen, die bereit sind, in den Dialog einzusteigen und die Meinung anderer auch zu akzep­tieren.» Ein Teilprojekt befasst sich daher auch mit der Kommunikation sowie der Schulung von Fachstellen und stadt­externen Stellen.

Wege frei machen

«Man muss sich immer wieder vor Au­gen führen, dass auch der Teil der Bevöl­kerung mit einer Behinderung ein Recht hat, sich im öffentlichen Raum frei zu bewegen. Und dass man ihnen die Wege nicht verstellen darf», betont Wyss. Da­her sei die Kommunikation zum Thema Hindernisfreiheit sowohl gegenüber der Bevölkerung als auch stadtintern von Anfang an ein wichtiger Aspekt des Pro­jekts gewesen. «Die Sensibilisierung der Menschen ohne Behinderungen, die in irgendeiner Form in relevante Projekte involviert sind, stand dabei im Zentrum.»

Auswirkungen selbst spüren

Die Schulungen als Teilaspekt des Pro­jekts UHR begannen im Herbst 2016. Zur Zielgruppe gehörten all jene, die an der Entwicklung von Projekten im öffent­lichen Raum beteiligt sind. «Die Fachstellen selbst, aber auch die Planer, Architekten, Gestalter, Ingenieure und Un­ternehmen, die städtische Aufträge ausführen, mussten im Zusammenhang mit den neuen Standards geschult werden», sagt Wyss. Sie sollten lernen, wie die Stadt Bern sich die Umsetzung ihrer Standards künftig vorstellt. «Es ging auch um eine Vereinheitlichung. Alle sol­len das gleiche darunter verstehen.»

Die Schulungen waren allerdings nicht bloss eine theoretische Erläuterung der Stan­dards. Vielmehr ging es darum, den Be­teiligten am eigenen Leib aufzuzeigen, weshalb die Standards so definiert wur­den und wieso deren genaue Umsetzung für einen Teil der Bevölkerung von Bedeutung ist.

Kleine Schwellen als Herausforderung

«Für jemanden, der zu Fuss unterwegs ist, fällt eine drei bis vier Zentimeter hohe Schwelle nicht ins Gewicht», erklärt Herbert Bichsel von Sensability. Sobald man sich in einen Rollstuhl setze und mit diesem Hindernis konfrontiert sei, merke man aber schnell, dass bereits wenige Zentimeter enorm viel ausma­chen. Sensibilisierungen dieser Art woll­te die Stadt Bern erreichen.

Durchgeführt wurden die Kurse mit Perspektivenwechsel von Mitarbeiten­den von Sensability, die alle mit einer körperlichen Einschränkung leben und so den Kursteilnehmern einen Einblick in ihre spezifische Situation bieten konn­ten. Sensability ist aus der Behinderten­konferenz Stadt und Region Bern (BRB) hervorgegangen und ist seit 2015 als ei­genständiger Verein tätig. Vertreten durch Herbert Bichsel hat die BRB be­reits bei der Erarbeitung der Standards und des Umsetzungskonzepts der Stadt Bern intensiv mitgewirkt.

Verständnis für die Vorgaben

Projekt-, Verkehrs- oder Stadtplaner arbeiteten häufig auf einer hohen Flughöhe und seien nicht nah genug an der eigentlichen baulichen Umsetzung und den konkreten Auswirkungen im Alltag, erklärt Bichsel. Doch genau auf dieser Ebene werden die planerischen Grundsätze festgelegt und wichtige Entscheidungen gefällt. «Gerade dort müssen Überlegungen zur Hindernisfreiheit erstmals angestellt werden. Sonst kommt es zu Gemurkse bei späteren Korrekturen», weiss Bichsel aus Erfahrung.

Die Teilnahme an einem solchen Perspektivenwechsel zeigt deutlich: Die Auseinandersetzung mit Hindernissen, denen man bislang nie bewusst begegnet ist – etwa mit dem Rollstuhl über eine kleine Schwelle zu gelangen oder sich mit einer Dunkelbrille und weissem Stock dem Trottoir entlang zu bewegen –, löst bei den Teilnehmern Erstaunen und nicht selten auch Nachdenklichkeit aus. «Man kann zuschauen, wie sich der Blick der Personen verändert», sagt Bichsel erfreut.

Dadurch verändert sich das Verständnis für die Standards, welche die Planer und Unternehmen in der Stadt Bern nun zu beachten haben. In den Kursen habe sich so immer wieder gezeigt, wie sich die Frage «muss man das wirklich machen?» durch die eigene Erfahrung hin zu «wie löst man dieses Problem für sämtliche Anspruchsgruppen am besten?» verschoben hat. (...)

Sensability

Der Verein Sensability verfolgt das Ziel, Hindernisse für Menschen mit Behinderungen abzubauen, indem Men­schen ohne Behinderung für das Thema sensibilisiert werden. Mit Beratungen, Fachkursen und Perspektiven­wechseln, die von behinderten Menschen durchgeführt werden, sollen Hindernisse erkannt und besser wahrge­nommen werden. «Es geht bei unseren Schulungen immer auch darum, falsche Hemmungen abzubauen, die Perso­nen ohne Behinderungen im Umgang mit behinderten Menschen regelmässig haben», erklärt Herbert Bichsel.

Autoren

Nadine Siegle
Stv. Chefredaktorin Kommunalmagazin

Nadine Siegle hat an der Universität Zürich Rechtswissenschaft studiert und 2013 abgeschlossen. Seit September 2016 ist sie stellvertretende Chefredaktorin beim Kommunalmagazin. Sie interessiert sich besonders für Themen der Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie für den sozialen Wandel.