Innenentwicklung: Die Kleinen haben grosse Reserven

Innenentwicklung: Die Kleinen haben grosse Reserven

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Teaserbild-Quelle: Pierre Kellenberger
Klein, aber oho

Über zwei Drittel der Siedlungsflächenreserven sind in kleineren und mittleren Gemeinden zu finden. Diese Gemeinden spielen deshalb bei der angestrebten Entwicklung nach innen eine Schlüsselrolle. Die Umsetzung erfordert aber eine klare Gesamtstrategie und einen langen Atem – und dies bei knappen Ressourcen.

Romanshorn TG
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Pierre Kellenberger

Der Hafen von Romanshorn TG wurde mit einer öffentlichen Aufenthaltsplattform aufgewertet.

Romanshorn hat schon bessere Zeiten gesehen. Areale an einmaliger Lage im Hafen und im Stadtzentrum liegen brach, und viele Gewerbegebäude und Wohnhäuser stehen leer und verlottern. Die Thurgauer Stadt mit dem grössten Hafen am Bodensee hat ihre einstige Bedeutung als Handelsort und Verkehrsknotenpunkt längst verloren. Als auch noch die Bundesbetriebe und wichtige Firmen wegzogen, geriet die auf Wachstum angelegte Entwicklung ins Stocken.

Versprechen an die Bevölkerung

Gut 10 000 Einwohner und 5000 Beschäftigte leben und arbeiten heute in der Hafenstadt. Viele Leute sind aus dem Stadtzentrum weggezogen, und gleichzeitig wurden in den Aussenquartieren zahlreiche Einfamilienhäuser gebaut. «Wir kämpfen mit einem klassischen städtischen Problem – mit der Verslumung von innen, die wir rückgängig machen müssen», sagt Stadtpräsident David Bon.

Bei den Stadtratswahlen 2011 gewann der FDP-Politiker mit dem Versprechen, Romanshorn weiterzuentwickeln. In der Bevölkerung herrschte damals eine grosse Unzufriedenheit, weil zahlreiche Projekte scheiterten und Investitionen ausblieben.

Mediterranes Flair in Romanshorn

Seither hat Romanshorn die Stadtentwicklerin Nina Stieger angestellt und eine breit abgestützte Strategie für die Gemeindeentwicklung erarbeitet. Einige Pläne sind bereits verwirklicht worden: Die Alleestrasse wurde vom Autoverkehr befreit, und im Hafen entstand eine Aufenthaltsplattform mit zwei Schwimmanlegestegen für die Schiffe. «Die Stadt hat sich an diesem Bauprojekt der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt mit einem namhaften Beitrag beteiligt, um öffentlichen Raum im Hafen zu gewinnen», erklärt Bon.

An der abends beleuchteten Plattform wurde ein Restaurant eröffnet. So erhielt Romanshorn einen mediterranen Treffpunkt. Die ganze Hafenanlage solle weiter aufgewertet werden, so der Stadtpräsident – «immer mit dem gesamtheitlichen Plan vor Augen».

Im Stadtzentrum werden heruntergekommene alte Häuser aufgemöbelt. Mehrere Gebäude sollen grossen städtischen Bauten weichen. Denn die Landreserven am Rand sind aufgezehrt. Die verbliebenen Wiesen sollen grün bleiben. «Der Handlungsdruck ist gross, das Interesse der Investoren ist auch vorhanden, und jetzt gibt uns das neue Raumplanungsgesetz gute Mittel in die Hand», sagt Bon.

Wachstum im Innern

«Innen- vor Aussenentwicklung»: So lautet die Vorgabe des Raumplanungsgesetzes (RPG). Neu müssen die Siedlungen in ihrem Innern – das heisst in den bestehenden Bauzonen – wachsen. Die Ausscheidung neuer Bauzonen wird zur Ausnahme werden. Auf diese Weise will man die Zersiedelung stoppen und dadurch Kulturland und Landschaft schonen.

Der Innenentwicklung in den kleinen und mittleren Gemeinden widmete die ETH Zürich eine Tagung, an der über 150 Vertreter von Gemeinden, Kantonen, Bund und von Planungsbüros teilnahmen. Denn diese Gemeinden spielen bei der angestrebten Siedlungsentwicklung nach innen eine Schlüsselrolle.

Über 90 Prozent aller Gemeinden der Schweiz zählen weniger als 10 000 Einwohner. 54 Prozent der Bevölkerung und 39 Prozent der Beschäftigten sind in diesen Gemeinden zu finden. Fast drei Viertel der unbebauten Bauzonenreserven liegen in den kleinen und mittleren Gemeinden. Das ergab eine Untersuchung der Professur für Raumentwicklung an der ETH Zürich. Und in diesen Gemeinden befinden sich rund zwei Drittel der Nutzungsreserven im Bestand.

Denkmusterwechsel in der Ortsplanung

«Die kleinen und mittleren Gemeinden sind die Hauptakteure der Raumentwicklung», erklärt ETH-Professor Bernd Scholl. Bei über zwei Millionen weiteren Einwohnern liegt gemäss der ETH-Studie die theoretische Kapazität der bestehenden Reserven, in denen Wohnnutzungen zugelassen sind. Bei den inneren Reserven, das heisst in den weitgehend überbauten Gebieten, wird die zusätzliche Einwohnerkapazität auf 0,7 bis 1,4 Millionen beziffert, wobei eine Mobilisierungsrate von 20 Prozent dieser Flächen im Bestand angenommen wird.

Die Immobilienberatungsfirma Wüest Partner AG kam auf andere Zahlen: Für die rechtmässig eingezonten Flächen ermittelte sie ein Potenzial von weiteren 2,85 Millionen Bewohnern und 2,1 Millionen Beschäftigten. Allein die inneren Nutzungsreserven bieten gemäss der Untersuchung Raum für zusätzliche 1,55 Millionen Einwohner und 1,2 Millionen Arbeitsplätze. Ein bedeutender Teil dieser Reserven befindet sich laut der Studie in den Agglomerationen.

Die Auseinandersetzung mit diesen Siedlungsflächenreserven sei zentral für eine erfolgreiche Umsetzung der Innenentwicklung, sagt Scholl. «Wir stehen vor einem Denkmusterwechsel in der Ortsplanung: Mögliches Wachstum wird mit den inneren Reserven des Bestands und nicht über Flächenausdehnung bewältigt werden müssen.»

«Blick für das grosse Ganze»

Rein quantitativ seien ausreichend Reserven für die Siedlungsentwicklung nach innen vorhanden, doch die Innenentwicklung sei anspruchsvoller als das Bauen auf der grünen Wiese, hält Scholl fest. Neue Herangehensweisen und Verfahren seien als Ergänzung zu den bestehenden Instrumenten erforderlich. In rund 50 Gesprächen mit Vertretern von Gemeinden, Kantonen, Verbänden und Planungsbüros hat die ETH die Erfolgsfaktoren und Stolpersteine der Innenentwicklung ermittelt. Die konkrete Umsetzung erfordere «Massschneiderei und einen langen Atem», so Scholl. Für eine Innenentwicklung mit Augenmass und Qualität sei eine sorgsame Planung notwendig.

Eine klare langfristige Gesamtstrategie sei eine notwendige Voraussetzung, um die räumliche Entwicklung der Gemeinde in die gewünschte Richtung lenken zu können. Eine Gemeinde muss den «Blick für das grosse Ganze» haben. Wichtig sei es auch, die Initiative zu ergreifen und in den wesentlichen Schwerpunkten der Strategie standhaft zu bleiben.

Die politische Behörde muss zudem den Bauherrschaften einen Schritt voraus sein, zum Beispiel durch eine aktive Bodenpolitik, und sie sollte gezielte Vorinvestitionen wagen, etwa in Konkurrenzverfahren. Aber: Es gibt keine Patentrezepte. Zu unterschiedlich sind die Ausgangslagen der Gemeinden. Wesentlich ist aber der Erfahrungsaustausch zwischen den Gemeinden, wie es in der ETH-Studie weiter heisst. Gemeinden, die neue Wege beschreiten, könnten Impulse setzen und Ideen liefern. (...)

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Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.