Nicht alle profitieren von der NEAT

Nicht alle profitieren von der NEAT

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Eigentlich wäre es still im Winter in Gambarogno (mehr zu Gambarogno im «kommunalmagazin» 3/2012). Bis zum Frühjahr liegen die Ortsteile Vira, San Nazzaro und Gerra im Schatten, nur wenige Touristen finden dann den Weg ans Südufer des Lago Maggiore. Vielleicht gerade deswegen konnte sich die Region ihren authentischen Charme bewahren.
 
Doch die Ruhe wird vor allem nachts von den langen Güterzügen unterbrochen, die sich am schmalen Ufer ihren Weg Richtung Italien oder nach Norden bahnen. Noch auf der anderen Seeseite in Locarno TI sind sie gut zu hören, auch wenn neue Schallschutzwände den Lärm dämpfen.
 
95 statt 60 Güterzüge?
 
Die Hoffnung der Gemeinde, die neue Neat-Strecke durch den im Bau befindlichen Ceneri-Tunnel könnte die eingleisige Bahnlinie aus dem Jahr 1882 entlasten, ist in den vergangenen Wochen erloschen. Ein Treffen mit Vertretern der SBB hinterliess keine Zweifel: Der Güterverkehr am Lago Maggiore wird wachsen.
 
Gemeindepräsident Tiziano Ponti (FDP) reagiert mit Entsetzen: «Wir haben erst einmal beschlossen, gegen alle Pläne von SBB und Bund zu opponieren». Seiner Meinung nach wird zu wenig Rücksicht genommen auf die Belange der Region. Statt der heute 60 Güterzüge am Tag soll die Gambarogno-Linie - entsprechend den Zielen der Verlagerungspolitik - später bis zu 95 Züge technisch bewältigen können, wie aus einem Communiqué der SBB von Ende November hervorgeht. Im Mittel sollen 2020 69 Güterzüge pro Tag die Strecke passieren. Dazu kommen täglich 14 Personenzüge.
 
«Das ist absurd»
 
Investitionen von 50 Millionen Franken sind vorgesehen. Im ersten Schritt soll die Spannung in den Oberleitungen erhöht werden. Der Bauantrag für neue Transformatoren liegt Ponti vor. Die SBB plant weiter, in der Magadinoebene auf 2,6 Kilometern Länge die Gleise zu verdoppeln. Am Bahnhof Magadino-Vira soll das Rangiergeleise verlängert werden, um auch Güterzügen mit Längen von 700 Metern die Durchfahrt zu ermöglichen. «Es ist doch absurd, die alte, einspurige Strecke mit nur wenigen Modifikationen zu einer Hauptachse des Korridors "Rotterdam - Genua" machen zu wollen», findet Ponti.
 
Die ganze Uferseite bis hinter das italienische Luino sei wegen ihrer dichten Besiedelung nicht für die Durchfahrt von Gefahrgut geeignet, meint er. Die Sorge um Risiken, Lärm, Vibrationen und negative Folgen für den Tourismus schlage sich auch in zahlreichen Mails von Anwohnern nieder.
 
Tunnel bis Luino
 
Den Gemeindepräsidenten ärgert es vor allem, dass das Projekt eines Eisenbahntunnels von Cadenazzo TI nach Luino in den 90er Jahren verworfen wurde, als die Entscheidung für den Ceneri-Tunnel fiel. Er versucht nun, das 30-Kilometer-Projekt neu zu lancieren. Ponti wurde damit im November beim Bundesamt für Verkehr (BAV) vorstellig. Trotz allem Verständnis konnte ihm dort kein Mut gemacht werden. «Ein solcher Tunnel gehört in der Planung bis 2050 nicht zu den dringlichen Projekten», erläutert BAV-Sprecherin Olivia Ebinger.
 
Es gebe andere strategische Engpässe im Schienenverkehr, die prioritär gelöst werden müssten. Die finanziellen Ressourcen seien begrenzt. Die Zusatzwünsche der Kantone würden diese weit überschreiten. Die hohe strategische Bedeutung der Gambarogno-Linie stehe aber ausser Frage.
 
Anfahrt zu Terminals
 
Die Route müsse gemäss BAV zum einen aus Kapazitätsgründen beibehalten werden, weil auch später nicht der gesamte Güterzugverkehr über Chiasso abgewickelt werden könne. Ausserdem führe die Linie über Luino direkt zu den grossen Güter- Terminals in Gallarate und Busto Arsizio (Italien).
 
Ponti sieht einen Kampf Davids gegen Goliath auf sich zukommen. Aufnehmen will er ihn trotzdem. Die Verlagerungspolitik hält er grundsätzlich für richtig und sinnvoll, wie er sagt. Doch Gambarogno dürfe nicht zum Opfer werden. (sda/aes)