Verkehrsplanung: Viele Rezepte gegen den Infarkt

Verkehrsplanung: Viele Rezepte gegen den Infarkt

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Auf Schiene und Strasse sind milliardenschwere Ausbauten geplant. Um einen Verkehrskollaps abzuwenden, ist aber auch eine bessere Nutzung der Infrastruktur notwendig. Die Digitalisierung verspricht beträchtliche Effizienzsteigerungen. Durch die Fahrpreisgestaltung könnten auch die Passagierströme gelenkt werden.

Autokolonne vor dem Gotthard-Südportal bei Airolo TI
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Auf den Autobahnen werden 23 000 Staustunden pro Jahr gezählt. Im Bild: Autokolonne vor dem Gotthard-Südportal bei Airolo TI.

Staus, überfüllte Züge und Verspätungen auf Strasse, Schiene und in der Luft: Die Verkehrsinfrastrukturen in der Schweiz stossen bereits heute an ihre Kapazitätsgrenzen, vor allem zu den Stosszeiten. Alle Prognosen sagen ein weiteres Verkehrswachstum in den nächsten Jahrzehnten voraus. Einige befürchten dramatische Zusammenbrüche.

«Bis zum Jahr 2030 werden 30 Prozent der Nationalstrassen regelmässig überlastet sein», erklärt Erwin Wieland, Vizedirektor des Bundesamts für Strassen (Astra). Auf 491 Asphaltkilometern wird es zu Kapazitätsengpässen kommen, auf 185 zu sehr gravierenden. «Besonders betroffen sein werden die Genferseeregion, der Raum zwischen Luterbach und Winterthur sowie sämtliche grösseren Agglomerationen», so Wieland.

Für den Personenverkehr auf der Schiene hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) eine Zunahme um 51 Prozent zwischen 2007 und 2030 errechnet und für den Güterverkehr ein Wachstum von 45 Prozent zwischen 2010 und 2040.

Verkehr wächst und wächst

«Die Verkehrsleistung wächst in den nächsten 30 Jahren um 50 Prozent», sagt BAV-Vizedirektor Gery Balmer. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) erwartet eine weitere Zunahme der Passagierzahlen im weltweiten Luftverkehr.

Die drei Schweizer Landesflughäfen haben schon heute mit Kapazitätsengpässen zu kämpfen, wie Bazl-Direktor Christian Hegner erklärt. «Die Schweiz verfügt heute über leistungsfähige Verkehrsnetze, was ein zentraler Standortvorteil ist», sagt Hans Werder. Der ehemalige Generalsekretär des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) wirkt heute als Präsident des Vereins «Avenir Mobilité / Zukunft Mobilität».

Werder betont: «Wenn wir auch im Jahr 2030 die Mobilität sicherstellen wollen, sind Massnahmen auf drei Ebenen notwendig: gezielte Ausbauten, Nutzung der Digitalisierung für Effizienzsteigerungen und Beeinflussung der Nachfrage.»

Investitionen in Milliardenhöhe

Diese baulichen und technischen Möglichkeiten lotete «Avenir Mobilité» (siehe Box «Dialog-Plattform für intelligenten Verkehr») an einem Dialog-Anlass im Auditorium der Post CH AG in Bern aus.

Das Bundesamt für Strassen hat laut Vize Erwin Wieland bereits ein mehrstufiges Bauprogramm für die Engpassbeseitigung aufgegleist. Kostenpunkt der Projekte: 11,6 Milliarden Franken. Hinzu kommen 6,4 Milliarden für einige Netzergänzungen. Mit einem verstärkten Verkehrsmanagement könnte die Effizienz der bestehenden Nationalstrassen verbessert werden.

Zur Diskussion stehen beispielsweise die Umnutzung von Pannenstreifen, Rampendosierungen, Tempoharmonisierungen, dynamische Wegweisungen sowie Information und Lenkung der Autofahrer. «Das eigentliche Problem ist nicht die Kapazität, sondern ihre schlechte Nutzung», so Wieland. Die Digitalisierung eröffne hier neue Perspektiven.

Autonome Fahrzeuge, Vernetzung, Daten und Dienste könnten eine deutlich bessere Nutzung der Kapazitäten ermöglichen und zu neuen Angeboten führen: freies Carsharing, neue ÖV-Formen ohne Fahr- und Linienplan sowie persönliche digitale Mobilitätsassistenten.

Rollende Planung

Für die Bahn plant das Bundesamt für Verkehr den Ausbauschritt 2030/35. Wichtig sei dabei eine rollende Planung, damit überdimensionierte Ausbauten vermieden werden können, sagt Vize Gery Balmer: «Bisher geplante Projekte müssen fortlaufend hinterfragt und Ausbauschritte angepasst werden.» Durch ein Vorgehen in Schritten bleibe auch die Bahn mit ihren sehr langfristig angelegten Projekten so flexibel wie möglich.

Die Nachfrage wird zwar nach allen Prognosen weiter steigen, doch die Auswirkungen der Digitalisierung sind heute noch schwierig abzuschätzen. Auch der Trend zum Homeoffice und zu flexibleren Schul- und Arbeitszeiten sowie neue Mobilitätsformen und ein mögliches Mobility Pricing könnten einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Passagierströme haben.

«Das BAV ist offen gegenüber neuen Technologien und Angebotsformen», so Balmer. Es untersuche die Potenziale der verkehrsträgerübergreifenden Mobilität, unterstütze Pilotversuche zu neuen Ticketing- oder Vertriebssystemen und zum Mobility Pricing und überprüfe das Bestellwesen im Regionalverkehr.

90 Prozent der Engpässe auffangen?

«Der Mobilitätsmarkt wächst und wird unsicherer», erklärt Kathrin Amacker von der SBB-Konzernleitung. «Wir müssen deshalb vermehrt in Szenarien planen.» Für den nächsten Schritt beim Ausbau des Schweizer Bahnnetzes sind Investitionen von 8 Milliarden bis 2030 und 12 Milliarden bis 2035 vorgesehen.

«Mit den geplanten Ausbauten können wir 90 Prozent der prognostizierten Engpässe auffangen», erklärt Amacker. Gleichzeitig wollen die SBB das Potenzial der Digitalisierung nutzen. Die Kapazität könne damit um bis zu 30 Prozent gesteigert werden, nicht flächendeckend, aber auf den besonders kritischen Abschnitten. (...)

Dialog-Plattform für intelligenten Verkehr

Der Verein «Avenir Mobilité / Zukunft Mobilität» versteht sich als eine «Dialog-Plattform für den intelligenten Verkehr». «Die heutige Debatte in der Verkehrspolitik ist oft geprägt von Partikularinteressen», schreibt er auf seiner Website. Deshalb bestehe ein Bedarf nach einer übergeordneten, verkehrsträgerneutralen und branchenübergreifenden Plattform.

Mit Veranstaltungen, Workshops und Exkursionen will der Verein den Austausch und Wissenstransfer zwischen Akteuren von Verkehrsträgern, Politik, Behörden, Branchen- und Fachverbänden, Wirtschaft, Wissenschaft sowie der Öffentlichkeit intensivieren und die verkehrsträgerübergreifende Zusammenarbeit fördern. Eine ganzheitliche Perspektive soll mithelfen, mittel- und langfristige Mobilitätslösungen zu diskutieren und rascher voranzubringen. Ins Leben gerufen wurde der Verein im August 2015 von Hans Werder, ehemaliger Generalsekretär des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) und heutiger Swisscom- und BLS-Verwaltungsrat, Urs Hany, Präsident von Infra Suisse und Vizepräsident des Schweizerischen Baumeisterverbands, Matthias Finger, Vorsteher «Swiss Post Chair Management of Network Industries» an der EPFL, und Fredy Müller, CEO von Mueller Consulting & Partner.

Mitglied von «Avenir Mobilité» können alle verkehrspolitisch Interessierten werden: Akteure von Unternehmen, Verbänden, Fachorganisationen, Behörden, Politik und Wissenschaft, aber auch Einzelpersonen. (stg)

Autoren

Stefan Gyr
Redaktor Baublatt