Die Digitalisierung gibt jetzt Vollgas

Die Digitalisierung gibt jetzt Vollgas

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Teaserbild-Quelle: PublicDomainPictures/Pixabay

Der digitale Wandel wird die öffentlichen Verwaltungen künftig noch stärker beschäftigen als heute. Zur Bewältigung dieser Herausforderung wurden unterschiedliche Ansätze entwickelt. Es lohnt sich, diese miteinander zu vergleichen und sich ganzheitliche Überlegungen für die Digitalisierung öffentlicher Verwaltungen zu machen.

Temporausch
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PublicDomainPictures/Pixabay

Temporausch: Gemäss dem Mooreschen Gesetz werden Prozessoren rasant leistungsfähiger. Das eröffnet der Digitalisierung ungeahnte Möglichkeiten.

Von Matthias Meyer*

Der digitale Wandel (die neuen Möglichkeiten respektive Veränderungen aufgrund der technologischen Entwicklung der digitalen Hardware) findet seit Jahrzehnten statt. Neu ist dagegen die in äusserst kurzer Zeit erfolgende enorme Steigerung der Leistungsfähigkeit der digitalen Systeme.

Nimmt man das Mooresche Gesetz (siehe unten) als Grundlage, so werden wir in den nächsten Jahren eine digitale Revolution erleben, die unser  Vorstellungsvermögen bei weitem übertrifft: Wir werden digitale Lösungen erleben, die vor kurzer Zeit noch als unrealisierbare Science Fiction bezeichnet wurden.

Verschiedene Ansätze

Damit neue technologische Entwicklungen auch wirklich eine breite Anwendung finden, müssen drei Voraussetzungen gegeben sein:

  • Die neue Lösung muss realisierbar sein (Beamen, wie bei «Raumschiff Enterprise» ist heute noch nicht realisierbar).
  • Die neue Lösung muss kostengünstiger als die bisherige Lösung sein (smarte Haustechnologien wurden erst in den letzten beiden Jahren für den Massenmarkt erschwinglich).
  • Die Menschen müssen die neue Lösung akzeptieren (insbesondere in Bezug auf Datensammlungen scheint sich in unserer Kultur eine Veränderung abzuzeichnen).

Mooresches Gesetz

Gordon Moore, Mitgründer der Firma Intel, hat 1965 gesagt, dass sich die Leistungsfähigkeit von Prozessoren durchschnittlich alle 18 Monate verdoppelt. Diese Aussage lässt sich auch auf Datenübertragungsgeschwindigkeiten, Massenspeicherleistung oder die Sensorentechnologie übertragen.

Die Leistungssteigerung erfolgte in den letzten Jahrzehnten eher langsam, die entsprechenden neuen Lösungsansätze brachten zwar eine starke Veränderung (Telefax ersetzt Telex, Emails statt Briefverkehr, Smartphones statt stationäre Computer), vollzogen sich aber in relativ langen Zeitabschnitten. Nun erfolgt die technologische Entwicklung viel rasanter: Die Leistungsfähigkeit ist heute gegenüber 1968 um den Faktor 8,5 Milliarden höher – die vorhersehbare Leistungssteigerung zwischen heute und 2023 beträgt aber schon 60,2 Milliarden. Das entspricht dann dem Faktor 68,7 Milliarden im Vergleich zu 1968.

Dass der digitale Wandel auch die öffentliche Verwaltung, ja das Staatswesen insgesamt, herausfordern wird, wurde in der Schweiz bereits vor über 15 Jahren erkannt. Mit dem E-Government-Ansatz und den entsprechenden Strategien des Bundes und vereinzelter Kantone wurde versucht, sich auf die digitale Herausforderung vorzubereiten.

Der Smart-City-Ansatz versucht, Städte und deren Akteure (private wie öffentliche) als regionale Einheit digital zu vernetzen und neue Dienstleistungen (wie intelligente Energieversorgung oder Parkleitsysteme) zu entwickeln.

Der Ansatz Smart Government stellt gemäss Kuno Schedler die neuen Möglichkeiten der vernetzten Datensammlung in den Mittelpunkt der Überlegungen während Garcia et al. (2016) unter demselben Begriff ein ganzheitliches Herangehen mit 14 unterschiedlichen Dimensionen verstehen – von Bürgerengagement über Effizienz bis zur Resilienz.

Doch welcher dieser Ansätze wird der technologischen Entwicklung und den Möglichkeiten öffentlicher Verwaltungen am ehesten gerecht? Oder braucht es gar einen weiteren digitalen Ansatz? Um diese Frage zu klären, wurden im Rahmen einer Bachelorarbeit an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) unter der Anleitung des Autors die verschiedenen Ansätze analysiert und miteinander verglichen. Damit politische und operative Entscheidungsträger die richtigen Schlüsse für ihren Bereich ziehen können, werden die unterschiedlichen Ansätze hier kurz erläutert.

E-Government: klassisch

E-Government verfolgt den klassischen Ansatz, wie bisher auf den technologischen Fortschritt reagiert wurde: Bestehende Prozesse werden ihm Rahmen der bereits existierenden Wertschöpfungskette auf einem höheren Level digitalisiert. So wird beim E-Umzug der umziehenden Person über das Internet ein rund um die Uhr zugängliches Portal zur Verfügung gestellt, mit welchem sie im besten Fall die Eintragungen im Melderegister selbst vollziehen kann. Die gesetzlichen Grundlagen, das Melderegister und der Prozess der Ummeldung bleiben im Prinzip die gleichen. Analog verhält es sich etwa bei elektronischen Anträgen, Fristverlängerungen, Gever-Lösungen, Steuererfassungen und E-Voting.Die gesetzlichen Grundlagen bleiben gleich, der Kernprozess wird nicht hinterfragt.

Der Bund und diejenigen Kantone, welche eine digitale Strategie haben, verfolgen diesen, auf bestehenden Prozessen basierenden Ansatz. Allerdings haben gemäss der letzten E-Government Studie (2017) viele Kantone wie auch eine breite Mehrheit der Gemeinden hinsichtlich Umsetzung der E-Government-Strategie des Bundes grosse Probleme. Da die bisher realisierten Lösungen des E-Government-Ansatzes auf den bereits bestehenden, analogen Prozessen des gesetzlich basierten Handelns aufbauen, können sie die vielen möglichen Verbesserungen der digitalen Entwicklung kaum nutzen. In der Privatwirtschaft besteht die Herausforderung für die verantwortlichen Leitungspersonen, neue, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Beim Entwickeln und Umsetzen des staatlichen Auftrags (durch Legislativen und Exekutiven) muss analog zur Privatwirtschaft auch eine digitale Staatsführungsstrategie mitgedacht werden.

Smart Cities: miteinander

Die Konzepte rund um den Begriff Smart Cities basieren auf der Überzeugung, dass leistungsfähige Städte nicht nur physische Infrastruktur benötigen, sondern auch eine hohe Qualität von Kommunikationskanälen und sozialem Miteinander. In den letzten Jahren rückte die Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder demografischer Wandel ins Zentrum der Diskussion um den Begriff Smart City. Die Lebensqualität soll in smarten Städten durch intelligente technische Lösungen, welche die Bereiche Energie, Mobilität, Stadtplanung und Governance miteinander vernetzen, und durch eine umfassende Integration sozialer Aspekte sowie einen partizipativen Zugang zu Verwaltung, Behörde und Politik gesteigert werden.

Cohen (2014) hat das Smart City Wheel entwickelt (siehe unten), welches er als Basis für seine regelmässige Bewertung der smartesten Stadt weltweit verwendet. Es umfasst sechs Dimensionen mit jeweils drei Unterkategorien. Das Modell dient in der Schweiz unter anderem dem Förderprogramm Smart City Schweiz oder Smart City Basel als Vorlage.

Smart City Wheel
Quelle: 
www.researchgate.net

Das Smart City Wheel von Boyd Cohen. Das Modell dient in der Schweiz unter anderem dem Förderprogramm Smart City Schweiz oder Smart City Basel als Vorlage.

Smart Government: Daten

Der Begriff «Smart Government» wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich verwendet. Schedler (2018) stellt die Daten in das Zentrum der Betrachtung und hinterfragt somit bisherige Prozesse und Zuständigkeiten. Damit überwindet er bewusst die Grenzen von E-Government und verlangt, auf Basis der heute, aber auch zukünftig verfügbaren Daten die Erbringung öffentlicher Dienstleistungen durch den Staat aber auch durch Private komplett neu zu denken. Im Fokussieren auf die Daten sieht Schedler ein grosses kreatives Potential, welches innovative Geschäftsmodelle auch für die öffentliche Verwaltung ermöglicht.

An der FHNW (Breier et al. (2017) wird der Begriff «Smart Government» aufgrund der Überlegungen von Gil-Garcia et al. (2016) deutlich breiter verwendet. Es ist wichtig, den digitalen Wandel der öffentlichen Verwaltung nicht nur aus betriebswirtschaftlicher Optik (im Sinne von Umsetzung neuer Werkzeuge) zu verstehen sondern das gesellschaftliche Phänomen möglichst ganzheitlich zu betrachten: Da die verschiedenen Verwaltungen die ausführenden Organe unserer unterschiedlichen Staatsgebilde sind, müssen bei Reflexionen zum digitalen Wandel erst die Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Staat berücksichtigt werden – und erst dann die Verwaltung.

Gil-Garcia
Quelle: 
Kommunalmagazin/zvg

Ganzheitliches Modell zur Bewältigung des digitalen Wandels durch öffentliche Verwaltungen: Basierend auf dem gesetzlichen Auftrag müssen in den Dimensionen Haltung und Handeln die entsprechenden Abklärungen und Massnahmen getroffen werden.

Dringliche Thematik

Mit seinen 14 Dimensionen ist das Modell von Gil-Garcia als praktisches Werkzeug denkbar ungeeignet. Es verdeutlicht aber die Vielschichtigkeit des digitalen Wandels und kann so aufzeigen, welche Mehrdimensionalität Lösungen zum digitalen Wandel aufweisen müssen (siehe Abbildung). Im Rahmen der FHNW-Bachelorarbeit wurde diesem Modell noch die Dimension der Mitarbeitenden hinzugefügt, weil diese bei den kommenden Herausforderungen eine besondere Schlüsselstellung einnehmen (etwa durch Qualifikationen wie digitale Kompetenz).

Politisch wie auch operativ Verantwortliche auf allen Ebenen unseres Staatswesens müssen sich mit den Folgen, den Risiken und Chancen des digitalen Wandels  auseinandersetzen und zukunftsgerichtete Entscheidungen treffen, indem sie den gesellschaftlichen aber auch den operativen Rahmen klar gestalten. Dafür müssen die Verantwortlichen bewusst einen passenden Ansatz (wie E-Government, Smart City oder Smart Government) wählen, damit klar ist, welche Grenzen die zukünftige Lösung haben wird. Dies stellt eine grosse Herausforderung dar. Aber aufgrund der enormen technologischen Leistungssteigerung in der Zukunft erhält diese Thematik eine gewisse Dringlichkeit.

* Matthias Meyer ist Dozent, Studiengangs- und Schwerpunktsleiter am Institut für Nonprofit und Public Management der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Basel.

Literatur:
Breier, C., Meyer, M., & Baumann, M. (2017): Smart Government: Was macht eine smarte Verwaltung aus? Jahrbuch der Schweizerischen Verwaltungswissenschaften, S. 168 -184.

Cohen, Boyd (2014): The Smartest Cities In The World 2015: Methodology.

Gil-Garcia, J. R., Zhang, J., & Puron-Cid, G. (2016): Conceptualizing smartness in government: An integrative and multi-dimensional view. Government Information Quarterly, 33(3), S. 524-534.

Demoscope & Interface. (2017): Nationale E-Government-Studie 2017. Adligenswil, Luzern.

Müller, Jonas (2018): Modellentwicklung für Gemeinden im digitalen Wandel, Bachelorarbeit, FHNW, Olten

Schedler, Kuno (2018): Von Electronic Government und Smart Government: Mehr als elektrifizieren! IMPuls. (1), S. 1-10.

Beispiele aus der Praxis

Welche Zukunft hat die Motorfahrzeugkontrolle?

Moderne Autos überprüfen sich permanent selbst: Bremsleistung, Lichterführung, Abgaswerte und vieles mehr wird im Betrieb laufend kontrolliert und digital protokolliert. Die Werkstatt kann im Diagnoseverfahren auf diese gespeicherten Daten zugreifen. Auch der Hersteller erhält diese Daten, sodass er laufend über den Zustand der von ihm produzierten Fahrzeuge (und das Verhalten der Fahrzeuglenkenden) informiert ist. Diese Kontrolle ist deutlich genauer und effizienter als der Prüfstand und die Sichtkontrolle bei einem Strassenverkehrsamt. Es wäre also angezeigt, die Prozesse zur Sicherung der Verkehrstüchtigkeit der am Strassenverkehr teilnehmenden Fahrzeug grundlegend zu verändern.

Braucht es in der Zukunft noch Führerscheine?

In Dubai werden bereits heute autonom fliegende Drohnen als Taxis eingesetzt. Die Kunden steuern ihr «Taxi» mittels Smartphone und App. Aber auch Tesla zeigt eindrücklich auf, wohin der bodengebundene Individualverkehr steuert: Fahrzeuglenkende werden in naher Zukunft nicht mehr benötigt. Wenn die Fahrzeuge die Verantwortung für die sichere Reise übernehmen, benötigen Fahrzeuginsassen dann noch Führerschein, ein bestimmtes Alter, einen gewissen Geistes- respektive Gesundheitszustand?