Adlerauge und Kamera

Adlerauge und Kamera

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Tags im Berner Länggassquartier: Wer sprayt, liefert auch Aufschlüsse über seine "Handschrift" (Bild: Michael Staub)

«Es gibt Nuancen, aber man sieht, was zusammengehört», sagt Peter Schelker vom Jugenddienst der Polizei Basel-Landschaft. Wenn der Graffiti-Spezialist Tags oder Sprayereien untersucht, sieht er rasch Ähnlichkeiten. Denn wie die Handschrift ist auch die Sprache der Spraydosen bei jedem Menschen einzigartig. Sie verweist auf ihren Urheber. Und sie verrät ihn am Ende.
Die Schriftzüge prangen am Bahnhof, in Unterführungen oder auf Stützmauern. Sie werden fotografiert, registriert und in die Graffiti-Datenbank aufgenommen. Das visuelle Gedächtnis des Jugenddienstes Basel-Landschaft vergisst nichts. Mit zäher Hartnäckigkeit füttern es die Ermittler immer wieder mit neuen Bildern und vergleichen Schriftzüge, Kurven und Farben.  Vor allem achten sie aber auf den «Style», auf die individuelle Signatur der Gestaltung. Ist der Sprayer ein «Oldschooler», der mit viel Erfahrung sprüht und jetzt langsam auf die Dreissig zugeht? Oder ist er ein Anfänger, dessen Schwünge noch ungelenk sind und der seine persönliche Sprache noch nicht gefunden hat? Das Auswerten der Tags, das Verknüpfen von Hinweisen kann Wochen dauern oder auch Monate.
«Ich hoffe jedes Mal, dass ich nicht warten muss, bis 100 000 Franken Sachschaden zusammengekommen sind», sagt Schelker. Doch manchmal dauert es länger. Im Februar dieses Jahres konnten Schelker und seine Kollegen eine «Crew» überführen, die im Raum Muttenz Sprayereien mit einem Sachschaden von mehr als 100 000 Franken hinterlassen hatte.  Nach mehrmonatigen, aufwendigen Ermittlungen konfrontierten die Polizisten die mutmasslichen Urheber. Diese legten nach kurzer Zeit Geständnisse ab. Strafrechtlich dürfte der Fall schon bald erledigt sein – was aber nicht heisst, dass der Schaden schon bezahlt wäre. Weil Jugendliche nur selten über grosse Geldmittel verfügen, enden die meisten Forderungen mit einem Verlustschein.   

International vernetzt
Der Fall Muttenz suggeriert, dass Sprayereien ein lokales Phänomen sind. Doch dieser Eindruck täuscht. «Die Szene ist längst international», sagt Rolf Weilenmann, Leiter des Jugenddienstes der Kantonspolizei Zürich und Operativer Leiter der «Arbeitsgruppe Graffiti». International besetzt ist deshalb auch die Arbeitsgruppe. Sie versammelt die kantonalen Graffiti-Koordinatoren der Schweiz und schafft auch die so wichtigen Verbindungen ins grenznahe Ausland. Neben Schelker und anderen Graffiti-Spezialisten aus den meisten Kantonen der Deutschschweiz sind auch Kollegen aus dem Tessin, der Romandie, aus Deutschland, Österreich und Liechtenstein vertreten. Bei Dienstreisen haben sie oft ein Déjà-vu. «Wenn ich in Chur bin, sehe ich Tags von Sprayern aus Basel», sagt Schelker, «die nehmen eben nicht nur das Snowboard in die Ferien mit, sondern auch zwei, drei Spraydosen». Und dasselbe gilt auch international: Bei Besuchen in Berlin und München fallen Weilenmann Graffiti auf, die er schon in Zürich gesehen hat.  

Tagung der Schriftgelehrten
Zweimal pro Jahr treffen sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe, insgesamt etwa 40 Spezialisten. Mit Fachvorträgen und Diskussionen tauschen sie ihre neusten Erkenntnisse aus. Die «Schriftgelehrten», wie sie sich scherzend nennen, sind auf Zusammenarbeit angewiesen. Denn wenn die «Jungs» aus Basel in Graubünden sprayen oder ein Zürcher Tagger einen Kurzbesuch in Bern macht, müssen die Ermittler ebenso mobil und vernetzt sein wie die Szene, der sie nachstellen.  
Doch wie wird man vom Graffitibeobachter zum Schriftgelehrten? Eine reguläre Polizeiausbildung ist die Voraussetzung. Ergänzt wird sie mit «einem Flair für Farben, Identifikation mit der Arbeit und grosser Motivation», wie Weilenmann sagt. Ganz sicher gehört auch eine grosse Hartnäckigkeit, um nicht zu sagen Besessenheit, in das Stellenprofil. Eine Mitarbeiterin des Zürcher Jugenddienstes fuhr mit dem Velo so lange durch die Stadt, bis sie weitere beweiskräftige Tags eines Writers gefunden hatte. Wenn Weilenmann auf dem Heimweg in der S-Bahn ein neues Tag sieht, fotografiert er es und leitet es an sein Team weiter. Und Schelker berichtet von langwierigen Bildvergleichen.
Das Auswerten von Fotos ist ein optisches Puzzlespiel, das einen langen Atem verlangt. Irgendwann, so hoffen die Ermittler, erschliesst sich ihnen ein Zusammenhang, ein visueller Stammbaum. Darin wird die Handschrift eines einzelnen Sprayers oder einer Gruppe, einer «Crew», sichtbar. Und der unverkennbare, persönliche Stil, der Anerkennung in der Szene versprach, wird zum Bumerang. Die Technik kann Vergleiche erleichtern und zum Beispiel zwei Graffiti oder Tags auf dem Bildschirm übereinander legen. Doch wenn es kritisch wird, vertrauen die Ermittler auf ihre Augen. «Wir beschäftigen uns ja ebenso intensiv mit dem Sprayen wie die Sprayer selbst», sagt Weilenmann. Mit genügend Übung erkenne man sofort, wie jemand angesetzt habe, wie die Bogen und Schwünge aussähen. Im Gegensatz zum Kanton Baselland ist die Zürcher Szene aber nicht eben aussagefreudig. Deshalb führen Weilenmann und seine Mitarbeiter in der Regel Indizienprozesse. Die Sachkenntnis der Graffiti-Ermittler wurde schon mehrfach vor Gericht anerkannt. Ihre Aussagen führten in mehreren Fällen zu einer Verurteilung – quasi eine richterliche Würdigung der «Schriftgelehrten».

Dienst mit Leidenschaft
Die Graffiti-Ermittlung ist kein Nine-to-five-Job. Auch nach Feierabend bewahren die Ermittler ihren Blick für neue Tags und Graffiti, Street Art und neue Formen des künstlerischen Ausdruckes.   Nun lässt sich über die ästhetische Wahrnehmung von Graffiti streiten. Was die einen als Schmiererei bezeichnen, ist für die anderen ein kreatives Werk. Und auch die Bandbreite der einzelnen Formen ist extrem gross. Von simplen und nicht eben «schönen» bis zu bunten, höchst kunstvoll ausgeführten Sprayereien reicht die Palette. Entscheidend ist laut Weilenmann nur ein Kriterium: «Wir unterscheiden zwischen legalen und illegalen Graffiti. Ist ein Werk illegal, handeln wir.» Dieses Handeln ist mit geringen Abweichungen in allen Städten dasselbe. Die Sprayereien werden mit einer Kamera erfasst, der Schaden in einem Protokoll respektive einer Anzeige festgehalten, und die Daten fliessen in eine Datenbank ein. In Zürich unterhalten diese der Graffiti-Dienst der Kantonspolizei und die Stadtpolizei, in Bern der Verein «Casablanca» und in Luzern die Aktion «Luzern sprayfrei».

Mehr Übersicht
Wer mit den Graffiti-Verantwortlichen der Städte spricht, hört selten Zahlen oder Prozentsätze, welche die Überführung von Sprayern betreffen. Dies liegt primär am Datenschutz: Sobald ein Schaden zur Anzeige gelangt, liegt er in der Zuständigkeit der Polizei. Und diese darf über laufende Verfahren oder angeklagte Täter keine Aussagen machen. Die Informationen laufen im Moment also noch linear von den Graffiti-Fachstellen zu den jeweiligen Polizeien. Auch regionale oder gar nationale Entwicklungen können im Moment nur rudimentär beobachtet werden, weil die städtischen und kantonalen Datenbanken praktisch nie kompatibel zueinander sind – ein klassisches Beispiel des Föderalismus, dieses Mal in der IT.
Doch die Datenlage dürfte sich schon bald verbessern. Laut Weilenmann sollen die verstreuten Bestände der Städte und Kantone im Lauf dieses Jahres in einer neuen Datenbank zusammengeführt werden. Diese würde zum ersten Mal überhaupt einen umfassenderen Blick auf die Schweizer Graffiti-Szene erlauben, und zwar nicht nur aus polizeilicher Sicht, sondern auch unter dem Zeichen der Gestaltung. Wer sich mit den Ausdrucksformen und dem Farbenreichtum von Graffiti beschäftigen will, findet auf dem Internet punktuelle Ressourcen. Doch die grössten Bildersammlungen liegen bei der Polizei. Diese wäre auch der erste Ansprechspartner, falls sich dereinst die Kunsthistoriker der modernen Stadt und ihrer illegalen Optimierung durch Farbe zuwenden sollten. Im Gegensatz zu anderen Datenbanken, etwa für die Überwachung von Hooligans, dürfte das nationale Graffiti-Register rechtlich unbedenklich sein. Der Datenschutz bliebe gewahrt, weil nur Objekt-, nicht aber Personendaten abgespeichert würden.

Teamwork beim Sprayen
Tags oder simple Graffiti lassen sich problemlos alleine sprayen. Doch wenn das Werk grösser und bunter, der Sprayort frequentierter und damit gefährlicher wird, haben Einzelkämpfer nur noch wenige Chancen. Die wirklich grossen Graffiti werden laut Weilenmann von «Crews» gesprayt, Gruppen von etwa zwei bis fünf  Personen. Wie es in der Wirtschaft üblich ist, setzt man auch beim Sprayen auf Arbeitsteilung, um die Effizienz zu erhöhen: Während die einen Gruppenmitglieder sprayen, kümmern sich die anderen um den Farbnachschub oder um die Beobachtung und Alarmierung. Es ist denn auch dieses Teamwork, das es ausserordentlich schwierig macht, eine «Crew» oder einen einzelnen Sprayer in flagranti zu erwischen. Manche Spuren hinterlassen die «Crews» aber freiwillig: Meist dokumentieren sie ihre Taten mit Foto- und Videokameras. Auf Portalen wie Flickr oder Youtube ist die «Action» oft schon am nächsten Tag für das breite Publikum zugänglich – und auch für die Ermittler.

 

Die «Arbeitsgruppe Graffiti» wurde 2004 als ständige Arbeitsgruppe der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten der Schweiz (KKPS) gegründet. Sie vernetzt die kantonalen Graffiti-Koordinatoren aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin. Auch Vertreter der deutschen und österreichischen Polizei sowie der Transportpolizei der SBB sind beteiligt. Das grosse Anliegen der Arbeitsgruppe ist eine schweizweit einheitliche Strategie für den Umgang mit Graffiti. Dies betrifft insbesondere die konsequente Reinigung von versprayten Objekten und die Anzeige des Schadens bei der Polizei. Das Kontrollorgan der Arbeitsgruppe ist die Schweizerische Kriminalkommission (SKK), operativ geleitet wird die AG von Rolf Weilenmann, dem Chef des Jugenddienstes der Kantonspolizei Zürich.