Hybride politische Kommunikation: Analog und digital im Zusammenspiel

Hybride politische Kommunikation: Analog und digital im Zusammenspiel

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Das Projekt «Autobahnanschluss Plus» der Region Rorschach ist ein Beispiel dafür, wie sich politische Kommunikation digital unterstützen lässt. Der gewählte hybride Kommunikationsansatz mit analogen und digitalen Informationsmitteln fördert die verständliche und involvierende Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern über Gemeindegrenzen hinweg.

Analoges Factsheet, digitale Vertiefung: Beim Projekt «Autbahnanschluss Plus» wird auf verschiedene Art kommuniziert.
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Analoges Factsheet, digitale Vertiefung: Beim Projekt «Autbahnanschluss Plus» wird auf verschiedene Art kommuniziert.

Von Axel Thoma und Christian Hacker*

Digitale Schalter oder Service-Apps, etwa für Entsorgungsdaten oder E-Voting-Projekte, sind einige von vielen Beispielen, wie digitale Lösungen zur Steigerung der Effizienz, der Geschwindigkeit und des Nutzerkomforts Einzug in die Kommunen halten. Vergleichsweise noch wenig genutzt werden Möglichkeiten zur digitalen Unterstützung der politischen Kommunikation. Dabei würden Ansätze bestehen, um Direktbetroffene, Stimmberechtigte wie auch Meinungsmacher bei Planungsprojekten situations- und interessensgerecht zu informieren und einzubinden.

Wie informiert man ausgewogen und bürgergerecht?

Je komplexer die Materie, desto schwieriger ist deren Kommunikation. Dies sieht man etwa beim Projekt «Autobahnanschluss Plus» (AA Plus) in der Region Rorschach am Bodensee (siehe Box «Gemeindeübergreifendes Zukunftsprojekt»). Wie soll der 100 Seiten starke, von Fachexperten erarbeitete und mit technischen Details gespickte Masterplan bürgergerecht zugänglich gemacht und gleichzeitig ausgewogen informiert werden? Wie lässt sich in dieser Projektphase ein breit abgestütztes Stimmungsbild abholen?

Bessere Zugänglichkeit

Mit Blick auf diese kommunikativen Ziele und Rahmenbedingungen entschloss sich der Steuerungsausschuss des Projekts für einen hybriden Kommunikationsansatz mit drei Schwerpunkten:

  • Eine digitale Informationsplattform (gleichzeitig App und Webseite), welche die Inhalte des Masterplans in kaskadenartigem Aufbau bereitstellt. Diese Plattform wird an den Infopoints der Gemeinden eingesetzt und ist öffentlich zugänglich.
  • Eine gedruckte Zusammenfassung mit fächerartigem Aufbau entsprechend der digitalen Plattform. Diese wurde an alle Haushalte postalisch versendet.
  • Informationsveranstaltungen der Behördenmitglieder mit anschliessender Diskussion. Auch hier kommt die digitale, auch offline funktionierende Plattform auf Tablets zum Einsatz.

Um den komplexen, technischen Inhalt des Masterplans zugänglich zu machen, wurden aus Lesersicht vier Inhaltsbereiche gebildet: Verkehr entflechten, Stadtlücke schliessen, Zentren beleben und Arbeitsplätze sichern. Diese Informationsgliederung zieht sich als roter Faden durch alle Kommunikationsmittel.

Gemeindeübergreifendes Zukunftsprojekt

Mit dem Projekt «Autobahnanschluss Plus» (AA Plus) – dem A1-Zubringer in der Region Rorschach Witen – erarbeiten die Sanktgaller Gemeinden Rorschach, Goldach und Rorschacherberg zusammen mit dem Kanton St. Gallen gemeindeüberschreitende Grundlagen im Rahmen eines Masterplans, damit sich die Region am Bodensee auch für künftige Generationen positiv entwickeln kann. Geplant sind in den drei Gemeinden Abstimmungen über finanzielle Beiträge bis im November 2019. Bis im Sommer 2021 soll ein baureifes Projekt vorliegen.

Verschiedene Detailgrade

Während die gedruckte Broschüre diese  verdichtet darlegt, bietet die digitale Plattform dank kaskadenartigem Aufbau verschiedene flexible Zugangswege und Detailgrade. Je nach Interesse und Zeit können die Nutzer sich mit den gewünschten Inhalten auseinandersetzen und eine ganzheitliche Meinung bilden. Folgende Funktionen fördern dies:

  • Eine «Kurz und bündig»-Schnellübersicht als Einstieg.
  • Ein 3-D-Modell, das sich drehen und zoomen lässt.
  • «Hotspots», die im 3D-Modell angewählt zu Hintergrundinformationen führen.
  • Projektpläne auf der Detailstufe, wie etwa zu Velowegen.
  • Dynamische Karten mit Vorher-Nachher-Darstellungen, etwa zum Verkehrsfluss.

Neuigkeiten werden auf dem «Canvas» – der zentralen Übersicht der Plattform – angezeigt. Auf Basis des 3-D-Modells konnten Kurzfilme erstellt werden, die realitätsnahe «Überflüge» der Hotspots ermöglichen und einfach und verständlich aufzeigen, was geplant ist. Ergänzend ist der vollständige Masterplan in der aktuellsten Fassung ebenfalls auf der Plattform zugänglich.

Wichtige Stimmungsbilder

Über Grossprojekte wie den «Autobahnanschluss Plus» wird letztlich an der Urne abgestimmt. Nur ist es wenig zielführend, die Bevölkerung nach jahrelanger Arbeit ausschliesslich über ein «Ja» oder «Nein» abstimmen zu lassen.

Stimmungsbilder als demokratischer Zwischenschritt sind insbesondere in der Frühphase ein wertvoller Input. Deshalb wurde nach Abschluss der ersten Masterplan-Phase eine breite Vernehmlassung gestartet, die nicht nur Parteien und Verbänden, sondern der ganzen Bevölkerung offen stand.

Mittels Online-Formular in der App und auf der Webseite wie auch einer in der Broschüre integrierten Geschäftsantwortkarte konnten Feedbacks, Fragen und Verbesserungsvorschläge eingebracht werden. Diese Feedbacks flossen in die Überarbeitung und Verfeinerung des Masterplans ein.

Wirkung und Wertung

Die Webseite wird seit September 2017 mehrere hundert Mal pro Monat aufgerufen, die Tablet-optimierte App auch ohne aktives Bewerben in den Stores in zweistelliger Zahl pro Monat heruntergeladen. Wichtiger als diese Zugriffszahlen ist aber die erreichte Partizipation. Über 300 ausgefüllte Fragebögen wurden bis Ende Oktober 2017 retourniert, was rund zwei Prozent aller Haushalte entspricht und über Vergleichswerten liegt. Drei Viertel der Antwortenden stehen den Projektelementen positiv (Ja oder eher ja) gegenüber – von 69 Prozent in Goldach und 77 Prozent in Rorschach bis zu 90 Prozent im Rorschacherberg.

Der hybride Kommunikationsansatz mit dem Fokus auf Zugänglichkeit und Partizipation hat zu dieser positiven Grundstimmung beigetragen. Insbesondere hat sich die digitale, kaskadenartig aufgebaute Informationsplattform als wirkungsvolles, transparentes Mittel erwiesen. So liessen sich komplexe Sachverhalte bürgergerecht verdichten und gleichzeitig eine ausgewogene Information mittels Detailinhalten sicherstellen.

Digitale, mobile Informationsplattform

Eine digitale, öffentlich zugängliche Informationsplattform ermöglicht den stets aktuellen, situationsgerechten und interessenbezogenen Zugang und die Auseinandersetzung mit den Inhalten des Masterplans. Gleichzeitig ist sichergestellt, dass Behördenmitglieder mit konsistenten Botschaften kommunizieren. Änderungen, die es bei mehrjährigen Projekten gibt, lassen sich zeitnah und simultan verteilen. So werden beispielsweise Begleitmassnahmen fortlaufend ergänzt. Die Plattform ist mobil als App (App-Store: AA Plus) für Tablets auf iOS, Android oder Windows verfügbar und lässt sich gleichzeitig auch als Webseite (www.autobahnanschluss-plus.ch) aufrufen.

*Axel Thoma ist Research Partner am Forschungsinstitut für internationales Management (FIM-HSG), Lehrbeauftragter der Universität St. Gallen und Leiter Strategie bei der «E,T&H Werbeagentur AG LSA» in Rorschach. Christian Hacker ist Leiter Beratung bei der «E,T&H Werbeagentur AG LSA» und Mitglied des Steuerungsausschusses von «Autobahnanschluss Plus».