Digital heisst immer auch analog

Digital heisst immer auch analog

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Lokalpolitiker fragen sich in den Zeiten der Digitalisierung, wie ein zeitgemässer Dialog mit der Bevölkerung aussehen könnte. Das E-Partizipationsvorhaben mit Jugendlichen in Grabs SG zeigt, dass digitale Werkzeuge einen wertvollen Beitrag leisten, jedoch die analoge Kommunikation nicht ersetzen können.

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Komplementär zum Ziel: Die Kombination aus analog und digital ist erfolgversprechend – ausser bei E-Readern.

Von Lineo Devecchi und Hans-Dieter Zimmermann*

Marktplätze stellen wir uns als quirlige und laute Orte der Begegnung, des Verhandelns und des Austausches vor – vom Warenaustausch bis zum Austausch von lokalpolitischen, familiären oder persönlichen Informationen. Der Marktplatz als analoger, zentraler Ort der Begegnung in Gemeinden hat in unseren Gefilden jedoch seinen Zenit – als Konsequenz einerseits der zunehmenden Mobilität und andererseits der immer stärkeren Digitalisierung – schon seit längerem überschritten.

Trotz – oder gerade wegen – dieser grundlegenden Entwicklungen bleibt der Wunsch nach einer funktionierenden Kommunikation innerhalb der Gemeinden bestehen. Sicht- und hörbar wird dieses Bedürfnis beispielsweise in der Problematisierung der «Schlafgemeinden» durch lokale Exekutivpolitiker. Ebenfalls beobachtbar ist das Anliegen, lokale Alltagskommunikation zu verbessern, in den typischen räumlichen Entwicklungszielen kleiner und mittelgrosser Gemeinden, die eine (Wieder-)Belebung der öffentlichen Räume fordern und mittels raumplanerischer und gesellschaftlicher Projekte fördern.

Neue Medien, digitale Kommunikation und die hohe Verfügbarkeit digitaler Informationsquellen in unserem heutigen Alltag lassen viele lokalpolitische Herzen auf der Suche nach zeitgemässen Dialogformen höher schlagen. Sie schaffen auf den ersten Blick diverse, einfach verfügbare und zu handhabende neue Kommunikationsmöglichkeiten mit den Einwohnern.

Schaut man genauer hin, wird auf den zweiten Blick jedoch deutlich, dass eine langfristig erfolgreiche Kommunikation der Gemeinden mit der Bevölkerung auch im Zeitalter der rasenden Digitalisierung erstaunlich viele analoge Dialogkomponenten benötigt.

Analoge Vorarbeiten

Am Beispiel des Projektes «JugendMachtPolitik» kann diese Thematik exemplarisch aufgezeigt werden. Durchgeführt wurde es von einem interdisziplinären Team der Fachhochschule St. Gallen (FHS) gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, Lehrpersonen, der Jugendarbeiterin und den politischen und administrativen Verantwortlichen der Gemeinde Grabs im Sanktgaller Rheintal.

Das Projekt verfolgte zwei Ziele: Erstens wurde ein konkretes E-Partizipationsvorhaben mit und für die Jugendlichen der Gemeinde Grabs konzipiert und als Ideenbörse erfolgreich durchgeführt. Zweitens erarbeiteten die Projektbeteiligten anhand der gesammelten Erfahrungen sowie weiterer Erkenntnisse aus der relevanten Forschung einen öffentlich zugänglichen Leitfaden, der konkrete Handlungsoptionen, Erfolgsfaktoren, Stolpersteine und Checklisten enthält.

Schon in der Inhaltsübersicht des Leitfadens wird klar, dass die konkrete Durchführung des E-Partizipationsvorhabens lediglich ein kleines, digital funktionierendes Puzzleteil in einem deutlich breiteren, partizipativ organisierten Kommunikationsprozess auf Gemeindeebene darstellt. Digital und analog sind kein Gegensatz, kein «entweder oder», sondern ergänzen sich komplementär.

Lange bevor es um die Auswahl eines geeigneten digitalen Werkzeugs ging, mussten in der Vorbereitungsphase die politischen Verantwortlichen mit ihren Absichten und ihrem konkreten Auftrag ins Boot geholt und wichtige weitere Akteure in der Gemeinde einbezogen werden. Weiter musste die Position der Schule gegenüber dem  Projekt und mögliche Schnittstellen zu bereits vorhandenen Angeboten geklärt sowie generell ein ortsabhängiges, gemeinsames Verständnis von Partizipation erarbeitet werden.

Zudem war es entscheidend, dass die vorhandene Präsenz und die Aktivitäten der Kinder und Jugendlichen in der Jugendarbeit, in der lokalen Politik und in Vereinen abgeklärt wurden. Zentral ist hier das klare Bekenntnis zu partizipativen Prozessen, das Wollen aller Beteiligter, und somit das Schaffen einer lokalen partizipativen Kultur. Werkzeuge, ob analog oder digital, sollen diese Kultur bestmöglich unterstützen.

Nur mittels dieses umfassenden Kommunikationsprozesses gelang es dem Projektteam, in der Definitionsphase die Bedürfnisse aller Beteiligter abzuholen und die Ziele des E-Partizipationsvorhabens konkret und realistisch zu definieren und wiederum mit der Exekutive abzustimmen. Darauf wurde eine Projektgruppe, bestehend aus den oben genannten Stakeholdern, gebildet undeine gemeinsame Haltung bezüglich der Beteiligung und Mitwirkung der Kinder und Jugendlichen und der Rolle der Erwachsenen erarbeitet. (...)

 

* Lineo Devecchi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ostschweizer Zentrum für Gemeinden (OZG-FHS), Hans-Dieter Zimmermann ist Dozent für Wirtschaftsinformatik. Beide sind an der Fachhochschule St. Gallen tätig.