«Wir brauchen einen Föderalismus 2.0»

«Wir brauchen einen Föderalismus 2.0»

Gefäss: 
Föderalismus 2.0

Marcel Dobler (*1980) präsidiert seit März 2017 «ICTswitzerland», die Dachorganisation der Verbände sowie der Anbieter- und Anwenderunternehmen von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT). 2001 gründete er das Unternehmen Digitec, welches er in 13 Jahren als CEO zum grössten Elektronik-Onlinehändler der Schweiz führte. Seit 2015 sitzt er für die FDP im Nationalrat.

Sie sind seit März Präsident von «ICTswitzerland». Wo wollen Sie Schwerpunkte setzen?

Marcel Dobler: Erstens soll der Begriff ICT, also Informations- und Kommunikationstechnologien, in einem breiteren Sinn verstanden werden. Die Digitalisierung betrifft
heute das ganze Leben und nicht mehr bloss die Informatik und die Telekommunikation. Zweitens soll das Bewusstsein geschärft werden, dass dieser Megatrend alle Menschen betrifft, nicht nur die jungen und technologieaffinen. Und drittens will ich den Verband so positionieren, dass er den Lead in Sachen Digitalisierung übernimmt.

Die ICT-Branche hat in der Schweizeine höhere Wertschöpfung als die Pharmabranche. Woran liegt es, dass sie als weitgehend standortunabhängiger Wirtschaftszweig hierzulande so viele Arbeitsplätze anbietet?

Dank unserem Bildungssystem haben wir sehr gut ausgebildete Leute. Unsere Infrastruktur ist ausgezeichnet. Das bedingt aber, dass wir auch in Zukunft viel in sie investieren müssen. Die Stabilität unseres Rechtssystems ist eine weitere grosse Stärke. In der Summe sind das optimale Voraussetzungen für unsere Branche. Darum hat sich die Schweiz in den letzten Jahren zum führenden Datenstandort Europas entwickelt.

Die hohen Löhne schrecken nicht ab?

In der Software-Entwicklung ist das sicher ein Faktor. Aber für die Wahl eines Datenstandorts ist anderes wichtiger. Rechtssicherheit und generell Sicherheit spielen
eine viel grössere Rolle. Wenn meine Daten in einem Hochsicherheitsbunker in den Schweizer Alpen liegen und somit physisch wie rechtlich vor fremdem Zugriff geschützt sind, bin ich bereit, mehr dafür zu zahlen. Die hohen Löhne sind auch mit einer besseren Ausbildung und somit besser qualifizierten Angestellten zu rechtfertigen. Die Lohnkosten bilden insofern einfach die hohe Qualität der Arbeit ab.

Sind die Gemeinden «mühsame» Kunden?

Die öffentliche Hand sollte bekanntlich viele Beschaffungen ausschreiben, was für die Anbieter mit Aufwand verbunden ist, der nicht immer mit Aufträgen belohnt wird.
Als Geschäftsführer von Digitec habe ich anfänglich häufig bei öffentlichen Ausschreibungen mitofferiert. Das Problem war immer, dass man sehr wenig verdient, aber einen sehr grossen Aufwand hat. Wir haben dieses Geschäftsfeld bald wieder aufgegeben. Für eine Firma wie Digitec, die mit sehr tiefen Margen kalkuliert, ist das schlicht uninteressant. Das für die teilweise sehr komplexen Verfahren nötige Know-how aufzubauen und die Ressourcen dafür aufzubringen, um dann den Auftrag möglicherweise doch nicht zu erhalten, lohnt sich für KMU kaum. (...)

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.