Die Gemeinde als Bindeglied

Die Gemeinde als Bindeglied

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Teaserbild-Quelle: Pierre Bona (CC BY-SA 3.0)
Kommunales Bindeglied

Früher trafen sich Bürger, Gewerbetreibende, Vereinsmitglieder und Gemeinderäte auf dem Dorfplatz. Heute schauen wir lieber auf das Smartphone, statt uns auf der «Piazza» zu unterhalten. Dank sozialer Medien kann das Handy aber auch diese Funktion übernehmen. Auf lokaler Ebene bietet sich die Gemeinde als neutraler Betreiber einer solchen «Dorfplatz-Plattform» an.

Bärenplatz Bern
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Pierre Bona (CC BY-SA 3.0)

Auf dem Bärenplatz trifft sich «tout Bärn»: Marktbesucher, Politiker, Touristen, Konsumenten, Demonstranten und Beizengänger.

Es gibt Städte, da läuft das gesellschaftliche Leben noch wie vor 100 Jahren ab: Im französischen Dijon trifft man sich auf der «Place de la Libération» zu einem Schwatz, zum Nachtessen, Shopping oder dem Wochen­markt. In der Kleinstadt Leiria (Portugal) geht man beim Bedürfnis nach sozialer Interaktion einfach auf die «Praça Francisco Rodrigues Lobo», wo man fast zu jeder Tages- und Nacht­zeit bekannte Gesichter trifft.

Bezug zum Lokalen verloren

Doch im digitalen Zeitalter verlagert sich das Leben mehr und mehr ins Internet. Wir kaufen auf Amazon ein, pflegen unsere Freundschaften auf Face­book, äussern uns politisch auf Twitter und bestaunen auf Instagram die Fotos unserer Bekannten. Gemeinsam haben all diese Platt­formen, dass sie keinen Bezug zum Lokalen mehr haben und durch ausländische Grosskonzerne betrieben werden.

Gleichzeitig schwin­den die Leserzahlen von Lokalmedien. Das führt zur paradoxen Situation, dass man zwar über alles Weltbewegende informiert ist, was vor der Haustüre passiert, aber weiter weg ist als je zuvor. Das kann den Gemeinden nicht egal sein.

Interaktion des Theatervereins mit der Dorfmetzgerei

Christian Schwengeler, Geschäftsführer der Anthrazit AG, die sich auf Gemeinde-Apps spe­zialisiert hat, fordert deshalb zum Handeln auf: «Gemeinden müssen immer mehr zu Verlegern werden.» Die Rolle eines unabhängigen Verlages kann eine Gemeinde aber nicht wahrnehmen. Viel wichtiger ist es, dass sie eine Umgebung anbietet, auf der Behörden, Vereine, Bürger und das Gewerbe miteinander in Kontakt treten können.

Zum Glück gibt es Anbieter, welche die Kommunen bei dieser Aufgabe unterstützen. Das Kommunalmagazin hat vier von ihnen ge­beten, ihr Angebot in eigenen Worten zu erklären (sieh Boxen). Gemeinsam haben alle Dienste, dass sie nebst der Kommunikation zwi­schen Behörden und Bürgern auch anderen Akteuren ermöglichen, auf der Plattform zu in­teragieren.

Schickte der Theaterverein früher die Vorschau auf die Premiere jeweils an die Lokalzeitung, kann er heute seinen Text auf der lokalen Plattform publizieren. Der Theater­besucher kann seine Kritik auch gleich dort veröffentlichen. Und die Dorfmetzgerei, welche die Würste für die Verpflegung der Zuschauer liefert, kann einen Link zur Wurstbestellung platzieren.

App oder Portal oder beides?

Im Umfang der Funktionen liegen die verschie­denen Angebote nicht weit auseinander. Die angefragten Anbieter lassen sich hingegen von der technischen Herangehensweise her in zwei Kategorien einteilen: Aionav und Anthrazit setzen mit ihren Angeboten voll auf Apps. Der «digitale Dorfplatz» ist dort eine Funktion oder ein Modul des Gesamtpakets Gemeinde-App, das es auch Dritten ermöglicht über den Kanal der Gemeinde zu kommunizieren. So kauft jede Gemeinde nur diejenigen Elemente aus dem Paket, die sie wirklich braucht.

«2324.ch» und Crossiety hingegen sind Schweizer Start-ups, deren Gründer aus einem ei­genen Bedürfnis heraus Kommunikationsportale gebaut haben. Von Crossiety ist ebenfalls eine App erhältlich, von 2324 bisher hingegen nicht.

Der Hauptunterschied zwischen Crossiety und 2324 liegt bei der Zugangsschwelle: Während die Inhalte von 2324 für alle ohne Anmeldung zugänglich sind, setzt Crossietybei der bei der notwendigen Anmeldung auf Sicherheit durch eine zweistufige Verifizierung. Ohne Anmeldung sieht man bei Crossiety keine Inhalte. Das hat den Vorteil, dass nur registrierte und bestätigte Mitglieder auf der Plattform aktiv sind, erhöht aber die Hemmschwelle überhaupt mitzumachen.

Gemeinden mit neuer Verantwortung

Aus den Texten von «2324.ch» und Anthrazit geht hervor, dass die beiden Anbieter künftig zu­sammenspannen könnten. Offiziell bestätigt wird dies zwar nicht, Gespräche hätten aber stattgefunden, heisst es auf Anfrage. Die Kooperation würde Sinn machen: 2324 lässt sich auch zur Kommunikation unter den Einwohnern nutzen, während Anthrazit ein etablierter App-Anbieter ist.

Für welches System sich eine Gemeinde ent­scheidet, ist eine Frage der Bedürfnisse. Essenziell ist, dass sich die Gemeinden bewusst sind, dass ihnen mit dem Niedergang der Lokalzeitungen und der Transformation zu einer digitalen Informationsgesellschaft eine gewisse Ver­antwortung in Sachen Kommunikation zukommt, die sie bisher nicht tragen mussten.

«2324.ch»

Keine Demokratie ohne engagierte Bürger: Diese Haltung vertritt der Verein «2324.ch» und will mit seinem Online-Dorfplatz den Dialog zwischen Behörden, Einwohner, Vereinen und Organisatio­nen fördern. Unter dem Motto «online sehen, was offline läuft», regt 2324 dazu an, dass sich die Einwohner auch wieder vermehrt auf dem echten Dorfplatz treffen.

«Heutzutage sind wir bestens über internationale News informiert; was aber direkt vor un­serer Haustüre geschieht, bekommen wir oft nicht mit», so Reto Lindegger, Direktor des Schwei­zerischen Gemeindeverbands. 2324 motiviere, sich offline zu engagieren und zu integrieren – ein Ziel, das von Interesse für jede Gemeinde sei. «Der Schweizerische Gemeindeverband steht da­her voll und ganz hinter 2324.»

Der Online-Dorfplatz kombiniert die Funktio­nen einer Lokalzeitung mit denen eines sozialen Netzwerkes. Einwohner lesen und erstellen Neu­igkeiten und Veranstaltungen selbst – auch im Namen ihrer Vereine oder anderer lokaler Organisationen. Thema kann etwa das Quartierfest sein oder der Zonenplan – lokale Relevanz ist the­matisch das einzige Kriterium, wobei «2324.ch» die Moderation der Inhalte übernimmt. Das Re­sultat ist eine verbesserte wech­selseitige Information, grössere Akzeptanz und Qualität von kom­munalen Entscheidungen, mehr Engagement der Bürger und we­niger Konflikte.

Neben der einfachen Bedie­nung haben die Entwickler Wert auf grösstmögliche Offenheit und Transparenz gelegt. «Dialog auf Augenhöhe funktioniert nur, wenn die Einwohner Zugang zu Infor­mationen haben», so Mauro Bieg, Co-Geschäftsführer. Inhalte auf 2324 sind daher ohne Anmel­dung zugänglich und googlebar. Zudem integriert sich die Plattform optimal in andere Systeme wie die Website der Gemeinde oder die Gemeinde-Apps von Anthrazit.

«2324.ch» ist bereits in Winterthur und Sar­gans online; weitere Gemeinden werden noch in diesem Jahr folgen. Das Start-up unterstützt da-zu teilnehmende Gemeinden mit einem Launch­paket und begleitet sie auf ihrem Weg ins Web 2.0.

Nicolas Hebting, Mitglied der dreiköpfigen Geschäftsleitung des Vereins 2324.ch

Aionav Systems AG

«Die Aionav App-Technologie ermöglicht es Ge­meinden, ihre eigene massgeschneiderte App selbst zu gestalten und das ohne jeglichen Pro­grammieraufwand. Auf dieser Gemeindeplattform lassen sich im Sinne des digitalen Dorfplatzes ver­schiedene thematische Inhalte als eigenständige Apps unter einer übergeordneten Gemeinde-App, einer sogenannten Cover-App, vereinen: Vom Ab­fallkalender über Veranstaltungsankündigungen und interne Mitteilungen bis hin zu Vereins- oder Unternehmens-Apps reichen die Anwendungen, die Bürger, Verwaltung und Wirtschaft vernetzen und das aktive Miteinander in den Mittelpunkt stellen», beschreibt Ulrich Walder, CEO der Aio­nav Systems AG, die Vorteile.

Auch das Thema Sicherheit kommt durch ver­schiedene Notfallfunktionen nicht zu kurz. Über multimediale Notizen können Bürger mit der Verwaltung kommunizieren, etwa in Form eines Kummerkastens für Bürgeranliegen oder zur Do­kumentation von Schadensmeldungen an öffent­lichen Einrichtungen. Die on- und offline nutz-baren Apps sind mit Quellen aus dem Web ver­knüpfbar, bieten Such- und Filterfunktionen sowie kartenbasierte Navigation, etwa für Stadtführun­gen oder Wanderwege. Freies Design, intuitive Erstellung, einfache Handhabung, rasche Publi­kation sowie selbstständige Wartbarkeit gehören zu den Stärken von Aionav. Stehen alle Inhalte zur Verfügung, ist eine Aionav-App innerhalb we­niger Tage einsatzbereit und zeichnet sich durch hohe Funktionalität, Flexibilität und Aktualisier­barkeit aus. Gegenüber einer konventionell pro­grammierten App überzeugt das Preis-Leistungs­verhältnis: Inklusive der Publikation in den App- Stores von Apple und Google ist die Standard- App ab 4980 Franken erhältlich. Über 30 Aionav- Apps für verschiedenste Anwendungen stehen derzeit zum Download bereit, unter anderem in den Bereichen Tourismus und Museen sowie Unternehmens-Apps und Naturführer. Zu den Kunden zählen etwa das VBS, die BLS, die Axpo, das Museum Gran Sasso und Lietreu Immobilien.

Cornelia Desimini, Marketing und Kommunikation Aionav Systems AG

Anthrazit AG

«Mobile first» ist die Devise bei der Anthrazit AG. Das Winterthurer Unternehmen verweist darauf, dass heute deutlich über 70 Prozent aller Inter­netzugriffe in der Schweiz mittels mobiler Geräte stattfinden und dass insbesondere moderne Kom­munallösungen die technischen Möglichkeiten mobiler Geräte nur mit Apps voll ausschöpfen können, etwa Standort-Ortung und Geofencing oder Push-Nachrichten. Das bedeutet, dass alle Lösungen konsequent für mobile Geräte entwi­ckelt und dann für klassische PC-Anwendungen umgerechnet werden. Als App-Pionier ist Anthra­zit bereits seit bald 20 Jahren im Bereich des mobilen Internets tätig. Die erste native App wurde 2010 für die Stadt Winterthur realisiert, wobei sich immer mehr auch kleine Gemeinden eine solche App beschaffen.

Das Modul «GemeindeLeben» verbindet als Social-Media-Plattform die Verwaltung, Schulen, Einwohner, lokale Vereine und sogar das orts-ansässige Gewerbe und fördert damit die Partizipation in Gemeinden und Städten. Eine aktivier­bare Erinnerungsfunktion sendet interessierten Nutzern die gewünschten Mitteilungen, Veranstal­tungen oder Neuigkeiten via Push-Nachrichten oder E-Mail auf das Smartphone. Interessant ist für Vereine, dass sie ihre News oder Veranstaltungen in die offizielle App integrieren können und da­durch mit der Gemeinde auf Au­genhöhe sind. Da die Nutzer selbst entscheiden, für welche Vereine sie den Push-Dienst aktivieren wollen, ist die Personalisierung massge­schneidert und alle profitieren.

Das «GemeindeLeben», insbe­sondere das Modul «Stadtmelder», ist bereits erfolgreich im Markt eta­bliert und wird sowohl von grösse­ren Städten, wie etwa St. Gallen oder Winterthur, als auch von klei­neren und sogar Kleinstgemeinden wie etwa Bözberg, Büron oder Sutz-Lattrigen (1413 Einwohner) eingesetzt.

«GemeindeLeben» und «Stadtmelder» sind Elemente einer breiten Palette der Funktionalitäten von Anthrazit, die alle auf deren Mobile-Government-Gesamtlösung laufen. Zudem kann die Gemeinde-App auch mit anderen Anbietern wie der Lösung von 2324.ch, welche den Fokus auch auf den Dialog unter den Einwohnern legt, kombiniert werden. Apps und Module der Anth­razit «mGov-Gesamtlösung» werden heute von über 150 Städten, Gemeinden und Institutionen genutzt.

Christian Schwengeler, Geschäftsführer Anthrazit AG

Crossiety AG

Crossiety ist eine lokale Schweizer Online-Platt­form für ein «cleveres Zusammenleben» in der Nachbarschaft, Wohngemeinde und Region. Durch die Plattform soll das Engagement unter den lokalen Bürgern gefördert und so ein attrak­tives Leben ermöglicht werden.

Auf der interaktiven Plattform können sich die Nutzer informieren, engagieren und miteinander kommunizieren. Lokale Informationen und Veran­staltungen werden direkt durch Vereine, Institutionen, Gewerbebetriebe und Gemeindebehörden veröffentlicht. Interagieren können die Nutzer auf dem «digitalen Dorfplatz», auf welchem sie hel­fen, teilen, diskutieren oder Gleichgesinnte für gemeinsame Aktivitäten suchen können. Ausser­dem bietet die Plattform eine Lösung für die in­terne Kommunikation von Vereinen, Gewerbe-betrieben und Institutionen an.

Speziell ist, dass sich die Inhalte auf der Platt­form jeweils nach der persönlichen Region rich­ten, welche die Nutzer selbständig definieren können. Dies garantiert, dass die Nutzer nur die­jenigen Informationen erhalten, welche für sie auch wirklich relevant sind. Die Plattform wird gleichzeitig aber auch standortunabhängigen Themen wie Gesellschaft, Kultur oder Sport ge­recht. Dafür werden thematische Kanäle angebo­ten, welche die Nutzer je nach persönlichen Inte­ressen abonnieren können.

Im Vergleich zu anderen sozialen Online-Platt­formen bietet Crossiety durch die zweistufige Verifizierung der Nutzer eine geschützte Umge­bung, in welcher ein vertrauensvoller Umgang ge­währleistet wird. Die Plattform kann sowohl auf dem Desktop, als auch über die App auf dem Tablet oder Smartphone genutzt werden.

Gemeinden bietet Crossiety die Möglichkeit, die Kommunikation zu professionalisieren und den eigenen Standort attraktiver zu gestalten: Die Bürger können direkt digital erreicht werden und diese können sich wiederum aktiv in der Gemeinde engagieren sowie die Gemeinde ver­einfacht konsultieren. Dies soll zu einem nach-haltigen Gemeindeleben beitragen und die Ge­meinde volksnaher machen.

Joel Singh, Leiter Marketing und Kommunikation Crossiety AG

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.