Digitalisierung: Faulheit hilft den Falschen

Digitalisierung: Faulheit hilft den Falschen

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Teaserbild-Quelle: Eric Kilby (CC BY-SA 2.0)

Die Zufriedenheit der Bürger mit dem E-Government sinkt. Für die öffentliche Hand heisst das, die Digitalisierung schneller voranzutreiben. Gelingt das nicht, droht die Verwaltung von der Wirtschaft abgehängt zu werden. Zudem steigt das Risiko für demotivierte und korrupte Mitarbeiter.

Faultier
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Eric Kilby (CC BY-SA 2.0)

Faultiere sind zwar süss, aber auch bis zu 20 Stunden am Tag inaktiv – kein Vorbild für die digitale Transformation.

Erstmals scheint die Zufriedenheit mit dem E-Government in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich zu sinken. Das erstaunt auf den ersten Blick, denn die Schweiz kommt ja voran im E-Government, so wie die anderen Länder auch. Warum wer­den also die Menschen unzufriedener?

Eine mögliche Erklärung ist, dass die Menschen früher E-Government mit dem Behördenverkehr am Schalter und per Brief verglichen, während sie nun zunehmend beginnen, E-Government mit Online-Diensten der Wirtschaft zu ver­gleichen.

Kommt es zum grossen Unfall?

Wenn dieser Vergleich sich in der Pra­xis tatsächlich durchsetzt, dann kommen harte Zeiten auf die Verwaltung zu. Trotz­dem geben die Zufriedenheitsumfragen bestenfalls die Spitze des Eisbergs wider, mit dem die Verwaltung sich auf Kollisionskurs befindet. Wobei Eisberg als Metapher richtig verstanden werden muss: Es ist der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, der auf die öffentliche Verwaltung zutreibt.

Dieser Wandel ist schwer fassbar, er hat keine Kanten wie Eis und vollzieht sich oft hinter den Ku­lissen. Aber er hat eines mit dem Eisberg, der die Titanic versenkte, gemeinsam: Er reisst das System auf und wenn das einmal passiert ist, spielt die Musik noch lange weiter, bis die Menschen begrei­fen, dass es einen grossen Unfall gab.

In anderthalb Jahrzehnten gelingt der «schnelle» Erfolg

Wir sollten uns also nicht länger mit der schwächelnden Zufriedenheit befassen, sondern schauen, was sich unter der Oberfläche abspielt. Hier ein weitgehend unverändertes Verwaltungssystem mit langer Tradition, dort eine digitale Transformation, welche die Regeln des Miteinander in Gesellschaft und Wirt­schaft radikal verändert.

Exemplarisch wird dies vom Projekt E-Umzug veran­schaulicht: Nach anderthalb Jahrzehn­ten Herumbasteln wird man demnächst eine oberflächliche Lösung haben – und diese wird als superschneller Erfolg gefeiert.

In dieser Situation steht wieder die Entwicklung einer E-Government-Strate­gie für die Schweiz an. Der neue Drive, den Bundesrat Ueli Maurer ins Thema gebracht hat, macht Hoffnung (siehe «Bundesrat Ueli Maurer übernimmt den Lead»). Aber er wird klein geredet von Experten, die politisch in einem anderen Lager ste­hen. Es wurden viele Aussagen gemacht, die der Initiative des Finanzministers jede Bedeutung absprachen. Das zeigt, dass selbst vielen Experten die Sache weniger wichtig ist als ihre Geringschätzung für den politischen Gegner.

Die Gewinner des Nichtstuns

Zum Glück gibt es viel historische Evi­denz dafür, dass diese Meinungsbildung ohne Relevanz ist. Die – von Bundesrat Ueli Maurer persönlich getätigte – Un­terschrift unter die Tallinn-Deklaration zu E-Government wird Wirkung entfal­ten, obwohl die Deklaration rechtlich nicht bindend ist. So wie einst die Bologna-Deklaration zu einer völligen Umgestaltung des Hochschulwesens in der Schweiz führte.

Das Haupthindernis für Fortschritt im Schweizer E-Government ist, dass der Nicht-Fortschritt kurzfristig vielen einen hohen Nutzen bringt. Die Entwicklungs­kosten bei den IT-Anbietern sinken bei gleichbleibenden Lizenzkosten. Es ist einfacher, für Berater ohne spezifische E-Government-Fachkompetenz an Bera­tungsaufträge zu kommen.

Der glatte Auftritt zählt mehr als inhaltliche Zukunftsvisionen. Verwaltungsmitarbei­tende müssen sich nicht weiterbilden und haben mehr Zeit für andere Enga­gements. Und auch als Hochschulprofes­sor profitiert man: Man bleibt ohne Aufwand ein Experte und kann seine Zeit auf andere Forschungsthemen konzent­rieren.

Ineffizienz und Korruption

Es gibt nur zwei Argumente, die für eine Beschleunigung des Schweizer E-Govern­ments sprechen. Das eine Argument ist die Amateurkultur mit und ohne Business-Anzug. Eine grosse Zahl von E-Government-Projekten wird ineffizient geführt. Man macht viel Controlling, geht aber ohne Fachwissen an das Lösungsdesign heran. Ausländische Bei­spiele verwendet man nicht zum Lernen, sondern nur zum Begründen eigener Entscheide. Um die Projekte zu beschleunigen werden Forschungsresultate ignoriert. Das Motto lautet oft: Wir wissen zwar nicht was wir tun, aber wir handeln schnell.

Das andere Argument ist der Eisberg unter Wasser: Mittelfristig werden die Auf­gaben der Verwaltung sehr viel schwieri­ger und komplexer werden, denn Komplexität, Vielfalt und Reichhaltigkeit in der Welt nehmen zu. So wie es heute nicht möglich wäre, die Verwaltung zu führen, wenn sie mit handgeschriebenen Briefen kommunizieren würde, die von Pferden überbracht werden, so wird in einer zukünftigen Welt die Verwaltung nicht mit den Computern und Geschäftsprozes­sen von heute geführt werden können.

Wenn die Verwaltung fit für die Zukunft werden möchte, müsste sie sich radikal digitalisieren – mit dem Ziel höhere Qua­lität zu wesentlich geringeren Kosten liefern zu können. Dazu kommt eine weitere Überlegung. Sie betrifft die Demotivations- und die Korruptionsge­fahr: Ineffizienz korreliert sehr stark mit Demotivation der Mitarbeitenden und mit Korruption. Ineffizienz definiert sich dabei über das Verhältnis von tatsächlichem und notwendigem Aufwand. Wenn dank Digitalisierung der notwen­dige Aufwand sinkt, die Digitalisierung aber nicht zur Senkung des tatsächlichen Aufwands genutzt wird, dann wächst die Ineffizienz, bis das System irgend­wann korrupt wird und die Motivation der Mitarbeitenden dramatisch absackt.

In Wissen investieren

Fasst man all diese Beobachtungen zu­sammen, so zeigt sich: Kurzfristig bringt langsames E-Government vielen grosse Vorteile, mittelfristig bringt es uns alle aber in die Bredouille. Wer heute nicht investiert, wird morgen teuer bezahlen. Und wer heute Geld verschwendet, wird das Übermorgen nicht bewältigen kön­nen. Darum sollten wir uns von der scheinbar für alle so bekömmlichen Nor­malität des langsamen E-Governments verabschieden und die neue Strategie und das Engagement von Bundesrat Ueli Maurer nutzen, um vom Eisberg abzudrehen, bevor der Staat eine ernste Havarie erleidet. Denn alle, die heute von der Langsamkeit profitieren, werden im Fall der Havarie ihre Geschäfts­modelle verlieren.

Das erste und wichtigste Ziel der zukünftigen E-Government-Strategie soll­te sein, in die Weiterbildung der Verwal­tungsmitarbeitenden und in das Wissenteilen in der öffentlichen Verwaltung zu investieren. Das heisst für die Kantone, dass sie ihre Gemeinden beim Aufbau des Wissens unterstützen müssen.

Das zweite Ziel sollte es sein, in eine modu­larisierte Infrastruktur zu investieren um Verwaltungsmitarbeitenden gute, volldigitalisierte Arbeitsplätze zur Verfü­gung zu stellen und das Umsetzen von innovativen Lösungen in der Zusammen­arbeit zwischen Behörden leicht zu machen. Mindestens aus Sicht kleinerer bis mittelgrosser Gemeinden sollten sämtliche E-Government-Dienste per Konfiguration von solchen Modulen einfach gebaut werden können. Aber auch die Kantonsverwaltungen und die Bundes­verwaltung sollten diese Infrastruktur in Zukunft konsequent nutzen.

Das dritte Ziel sollten drei Kernregister sein, für na­türliche Personen, für juristische Perso­nen und für Objekte. Werden diese drei Ziele in den nächsten fünf Jahren umgesetzt, so werden wir noch genügend Zeit haben, die öffentliche Verwaltung als ganze grundlegend umzubauen, bevor sie der digitale Wandel nicht repa­rierbar havariert.

Autoren

Reinhard Riedl

Reinhard Riedl ist Leiter des BFH-Zentrums Digital Society, das sich mit den Chancen und Risiken der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt. Seit Juni 2018 ist er zudem Präsident der Schweizer Informatik Gesellschaft. Als Partner des Kommunalmagazins verfassen Mitglieder des BFH-Zentrums in jeder Printausgabe einen Artikel zum Thema Digitalisierung und Gemeinden.