Die neue Datenökonomie

Die neue Datenökonomie

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Teaserbild-Quelle: Disney/ABC Television Group (CC BY-ND 2.0)

Daten sind nicht das neue Öl und auch nicht wirklich das neue Gold. Aber sie werden zukünftig ein zentraler Wirtschaftsfaktor sein. Ziel muss es sein, dass sie möglichst frei fliessen können.

Geldspeicher
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Disney/ABC Television Group (CC BY-ND 2.0)

Davon haben wir alle schon geträumt: Einmal wie Dagobert Duck im Geldspeicher schwimmen. Ökonomen mögen aber Donald Duck lieber.

Donald Duck stand den Ökonomen immer viel näher als sein Onkel Dagobert. Dazu bekannte sich unter anderem der Ökonom und heutige österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Denn Donald gibt Geld schnell wieder aus und lässt es fliessen, während Dagobert es in seinem Geldspeicher hortet.

Ökonomen wie George Cooper meinen sogar, dass die Ökonomie Geldflüsse ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen sollte. Er stellt die These auf, dass ein maximal freier Markt ebenso wie umgekehrt ein vom Staat total kontrollierter Markt zwangsläufig zu einem feudalistischen System führt – und das ist wirtschaftlich ein sehr schlechtes System.

Einige meiner Informatik-Kollegen aus der Romandie sehen das sehr ähnlich. Für sie ist der Reichtum der Schweiz darin begründet, dass sie im Zentrum internationaler Wege steht – von Verkehrswegen, Geldwegen und Talentwegen.

Im Osten ist Wien ein eindrückliches Beispiel dafür, welch grossen Nutzen es bringt, wenn internationale Talent-Wege über eine Stadt führen. In der klassischen Musik führen fast alle Karrieren über Wien. Davon profitiert die ganze Stadt.

Die Digitalisierung verändert zwar vieles. Aber an solchen ökonomischen Grundprinzipien verändert sie wenig. Sie bringt nur neue Wege ins Spiel. Im Zentrum der Digitalisierung stehen die Wege der Daten, der Algorithmen und des Know-hows. Für die Innovationskraft von Staaten ist es schon heute entscheidend, dass erstens Daten verfügbar sind, dass zweitens das Verständnis vorhanden ist, wie sie valorisiert werden können und dass drittens die Bereitschaft besteht, die Daten konsequent zu nutzen.

Drei Herausforderungen

Dabei gibt es derzeit drei kritische Probleme in der Schweiz: Es gibt erstens in vielen Fällen zu wenig Daten, die verfügbar sind und genutzt werden dürfen. Es fehlen zweitens häufig die Ideen, wie sie genutzt werden können. Und es fehlt drittens fast immer die Bereitschaft zur effektiven Nutzung, weil die damit einherginge, vieles zu entsorgen.

Das zweite Problem ist sehr schwierig zu lösen, weil Kreativität nur blühen kann, wenn dafür gesorgt ist, dass die besten Talente Karriere machen. Die Schweiz ist aber so reich, dass sie es sich leisten kann, dass zukünftige Leistungsträger nur bescheidene Karrieren machen. Das demotiviert vor allem die Talentiertesten der Generation Z, und es ist ein Thema, das hier nicht behandelt wird.

Das dritte Problem wird irgendwann der Schweizer Pragmatismus lösen: Dort wo die Mitarbeitenden von Organisationen digital fit sind, werden die Organisationen das Digitalisierungspotential bald auch tatsächlich nutzen. Und jene Organisationen, deren Mitarbeitende nicht digital fit werden wollen, werden umfassend umgebaut werden. So wird die Schweizer Verwaltung sich zwar rein äusserlich kaum verändern, aber die Menschen, die darin arbeiten, werden über jene «Digital Skills» verfügen, die viele Führungskräfte heute noch als überflüssig ablehnen.

Das erste Problem aber müssen und können wir dagegen konkret anpacken. Wir benötigen dafür Datenplattformen, über die Daten fliessen können. Wenn ein Themenfeld wenig komplex ist, können dies zentrale Datenbanken sein. Wenn es starke staatliche Kontrolle braucht, können das zentral gesteuerte Datenbusse wie der Secure Data Exchange «Sedex» des Bundesamts für Statistik sein.

Wenn es aber um eine Mischung aus staatlichen und privatwirtschaftlichen Daten geht, oder nur um privatwirtschaftliche Daten, dann sind dezentrale Architekturen notwendig. Diese sollten einen freien Datenfluss ermöglichen, der gleichwohl die Rechte der Betroffenen und erteilte Datennutzungsrechte garantiert. Ziel: Jeder Datenfluss, der keine Rechte verletzt, soll ermöglicht werden – einfach und mit wenig Aufwand. Denn Daten müssen fliessen, damit die digitale Transformation Wachstum bringt. Und Monopole sollten dabei möglichst vermieden werden.

Freie Datenplattformen nötig

In der Praxis ist dieser Idealfall bislang die Ausnahme. Stattdessen dominieren einzelne Plattformen die existierenden Datenmärkte und schöpfen Quasimonopol-Renten ab. Das macht die dahinterstehenden Unternehmen zu den teuersten der Welt – Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook und Microsoft. Ökonomen der Harvard Business School sagen überdies Branchen wie der Autoindustrie voraus, dass sie wirtschaftlich zur Bedeutungslosigkeit verkommen werden, wenn sie nicht verhindern, dass zukünftig eine Quasimonopol-Plattform den Datenfluss über ihre Autos und deren Insassen kontrolliert. Allerdings ist das Bewusstsein für dieses Risiko noch gering: In der Industrie 4.0 fürchtet man sich zwar sehr davor, dass Daten illegal in die Hände der Konkurrenten geraten könnten, ignoriert aber weitgehend die Gefahren durch legal agierende Datenplattformen.

Umso wichtiger ist, dass wir in der Schweiz Datenplattformen ohne zentrale Kontrolle bauen, die einen nicht monopolisierten, möglichst freien Datenfluss ermöglichen. Diese Aufgabe kann nicht an Kantone oder Gemeinden delegiert werden. Dafür braucht es eine Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft auf nationaler Ebene.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Das alles hat nichts mit «Pfadabhängigkeit » zu tun. Hier geht es um die grosse Bedeutung stabiler Pfade: Wenn die Pfade von vielen – seien es Reisende, Geld, junge Menschen mit viel Talent – über ein Land führen, dann bringt das dem Land grossen Nutzen. Wenn dann solche stabilen Pfade an Bedeutung verlieren – beispielsweise die Geld-Wege über die Schweiz – dann schwächt das die Wirtschaft des Landes ganz wesentlich. Ausgenommen das Land schafft es, neue Wege zu etablieren.

Eine solche Möglichkeit sind Datenwege. Die Schweiz könnte zu einer internationalen Drehscheibe für freie Datenflüsse werden und würde davon wirtschaftlich sehr profitieren. Dabei sollte man aber nicht an zentrale Monopole denken, sondern gutschweizerisch Datenplattformen ohne zentrale Kontrolle anstreben – und auf Free Open Source setzen!

Und in Entenhausen? Die eigentlichen Digitalisierungshelden sind dort weder Donald noch Dagobert und auch nicht Daniel Düsentrieb. Die Digitalisierungshelden sind vielmehr der Allmeister Goofy und «Agent DoppelDuck». Beide stehen für ein Handeln, das das Erlernte hinter sich lässt, um das Richtige zu tun. Aus Sicht der Algorithmen handeln sie deshalb frei von erkennbarer Logik. Das Wunderbare ihrer Geschichten ist aber nicht der Zufall, der ihnen Erfolg beschert, denn oft ist der gar nicht so unwahrscheinlich. Das Wunderbare ist, dass das Umfeld sie unterstützt. Man muss sich das einmal wirklich vorstellen: Wir führen hypermoderne digitale Arbeitsplätze und Teamarbeit in der Verwaltung ein – und obwohl die Effizienz sich verdreifacht, wird das von niemandem verhindert.

Der Leser wird einwenden, dass das nur im Comic passieren kann, in Entenhausen. Aber in anderen Ländern haben es sogar Fans des guten alten Donald schon zu Bundespräsidenten-Ehren gebracht, im Fall Van der Bellen bei einer Wahl, die beim ersten Mal so schiefging, wie es nur Donald passieren kann. Ich bin darum zuversichtlich, dass es die Schweiz schafft, eine internationale Datendrehscheibe zu werden.

Autoren

Reinhard Riedl

Reinhard Riedl ist Leiter des BFH-Zentrums Digital Society, das sich mit den Chancen und Risiken der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt. Seit Juni 2018 ist er zudem Präsident der Schweizer Informatik Gesellschaft. Als Partner des Kommunalmagazins verfassen Mitglieder des BFH-Zentrums in jeder Printausgabe einen Artikel zum Thema Digitalisierung und Gemeinden.