Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Hoffnung stirbt zuletzt

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Heute ist für die Sicherheit im elektronischen Geschäftsverkehr ein wegweisender Tag», sagte Jean-Daniel Gerber, Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) anlässlich der Lancierung der «SuisseID» im Mai 2010. Die Idee einer standardisierten, überall einsetzbaren digitalen Identitätskarte ist bestechend. Sie bedeutet für den Anwender eine massive Vereinfachung: Er kann sich damit auf verschiedensten Websites und in Anwendungen einloggen – und die Dutzende von Passwörtern, die er sich bisher merken musste, vergessen. Zugleich ist die Autorisierung mit der «SuisseID» ungleich sicherer als mit Benutzername und Passwort. Weil der Benutzer die Kontrolle darüber hat, welche der auf der Karte gespeicherten Informationen ein bestimmter Dienst auslesen darf, behält er die Kontrolle über seine Daten. Zugleich lassen sich mit der Karte digitale Dokumente rechtsgültig unterschreiben. Damit schafft sie die Grundlage für einen medienbruchfreien, das heisst vollständig elektronischen Geschäfts- und Behördenverkehr (vgl. «kommunalmagazin» 3/2010). Deshalb hat die «SuisseID» laut Seco grossen volkswirtschaftlichen Nutzen: Wenn  10 000 Unternehmen und Institutionen mitmachten, seien Einsparungen von mehreren 100 Millionen Franken möglich. Würden alle Unternehmen und Bürger mit der digitalen Identität ausgestattet, könnten gar mehrere Milliarden gespart werden, schätzt das Seco.

Wenig Interesse der Privaten
Ein gutes halbes Jahr liegt die Einführung der «SuisseID» mittlerweile zurück. Obwohl der Bund den Verkauf mit 17 Millionen Franken ankurbelt, ist der Absatz bisher alles andere als reissend: Noch sind keine 10 000 digitale Identitäten für Privatpersonen ausgestellt worden. Schuld daran sind wohl nicht allein die teilweise haltlosen Meldungen über angebliche Sicherheitsmängel der Karte. Viel eher erklärt sich das Desinteresse der breiten Öffentlichkeit durch die Tatsache, dass es sich nach wie vor bestens ohne digitalen Identitätsausweis leben lässt. Zwar wächst die Zahl der Einsatzmöglichkeiten langsam, aber sicher: Rund 60 Applikationen und Webportale unterstützen die digitale Identitätskarte, hinzu kommen die Online-Schalter von derzeit rund 30 Gemeinden.
Doch weil die Karte noch kaum verbreitet ist, ist der Zugang zu diesen Angeboten überall auch ohne «SuisseID» möglich. Das gilt für die wenigen kommerziellen Anbieter – etwa die Online-Buchhandlung «buch.ch» – ebenso wie für E-Government-Anwendungen wie diejenige der St. Galler Steuerbehörde. Entscheidender Unterschied: Während die digitale Identitätskarte etwas kostet, ist der Zugang mit Benutzername und Kennwort gratis. Das ist auch bei Dienstleistungen der Fall, die erhöhten Sicherheitsanforderungen genügen müssen: Fürs E-Banking oder das E-Voting haben sich bereits hinreichend sichere, kostenlose Alternativen zur «SuisseID» etabliert.

Online-Shops warten ab
Damit die Karte für Private an Attraktivität gewinne, müssten dringend weitere Dienste dazukommen, meint Lukas Fässler, Präsident des Vereins Schweizerische Städte- und Gemeindeinformatik (SSGI). Gerade für grössere Dienstleister wäre das kein grosser Aufwand: Um eine bestehende Website, etwa einen Online-Shop, «SuisseID»-tauglich zu machen, sei mit Kosten zwischen 10 000 und 50 000 Franken zu rechnen, sagt Christian Weber vom Seco. Dennoch warten viele grosse Anbieter noch zu – auch in Fällen, in denen sich der Einsatz einer «SuisseID» geradezu aufdrängt. Ein Beispiel dafür sind Internet-Händler, die Produkte mit Altersbeschränkung im Sortiment haben. Bis anhin fehlte eine wirklich zuverlässige Methode, um das Alter ihrer Kunden zu überprüfen. Diese Möglichkeit würde die «SuisseID» bieten. «Eine eindeutige Authentifizierung der Kunden würde die Betreiber legitimieren», sagt Lukas Fässler. Dennoch haben es beispielsweise Coop und Denner, welche in ihren Online-Shops auch Alkoholika führen, nicht eilig, die neue Technik einzusetzen: «Wir stehen mit SuisseID in Kontakt und verfolgen die weitere Entwicklung», schreibt Coop auf Anfrage. Und seitens Denner heisst es: «Zum heutigen Zeitpunkt ist diese Technologie noch zu wenig verbreitet und aus diesem Grund noch zu wenig kundenfreundlich, um auch im E-Commerce Bereich eingesetzt zu werden.» Auch der Multimedia-Onlineshop «Cede.ch» plant im Moment keinen «SuisseID»-Zugang für Angebote, die erst ab 18 Jahren zulässig sind. «Wir hören von den Anbietern immer das Gleiche», sagt Christian Weber. «Wenn 100 000 SuisseIDs im Umlauf sind, dann machen wir auch mit.»

Ein Muss bei sensiblen Daten
Es dürfte für das Seco schwierig werden, seine hoch gesteckten Ziele für 2010 zu erreichen und bis Ende Jahr 200 000 bis 300 000 «SuisseIDs» abzusetzen. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung, dass der Teufelskreis von fehlendem Interesse der Nutzer und dem Abwarten der Anbieter in den kommenden Monaten durchbrochen wird. Denn anders als bei Privatpersonen stösst der elektronische Identitätsnachweis bei Grossunternehmen und öffentlichen Verwaltungen auf Zuspruch: Bis September 2010 lagen dem Seco formelle Anträge für den Bezug von rund 110 000 «SuisseIDs» vor. Unter den Antragstellern sind laut Seco Unternehmen aus den Bereichen E-Business, E-Government und E-Health. Aktuellere Angaben wollte das Staatssekretariat Anfang November nicht machen. Christian Weber liess jedoch durchblicken, dass die Zahl der Bestellungen bis Ende Jahr auf eine Viertelmillion ansteigen könnte.
Zu den ersten Grossabnehmern gehört der Schweizer Anwaltsverband, der für seine Mitglieder 10 000 «SuisseIDs» bestellt hat. Den Anwälten verschafft die digitale Identitätskarte Zugang zum elektronischen Rechtsverkehr und zu sämtlichen Rechtsplattformen von Gerichten und Behörden. Auch Landwirte haben ab Januar 2011 einen Grund, sich eine digitale Identität zuzulegen: Dann geht die Online-Plattform «agate.ch» des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) in Betrieb: Über diese Seite sollen die Bauern in Zukunft ihre persönlichen Agrardaten verwalten, auf Datenbanken zugreifen und den Verkehr mit den Behörden regeln können. Zwar wird der Zugriff auf das Portal zu Beginn auch ohne «SuisseID» möglich sein. Doch um den vollen Funktionsumfang nutzen zu können, werden die Landwirte schon bald nicht mehr um die Karte herumkommen: «Sobald sensible Daten im Spiel sind, ist die SuisseID ein Muss», sagt Dieter Waelti vom BLW.

Die Verwaltung profitiert
Solchen Lösungen machen nicht nur den Bauern oder Anwälten das Leben leichter, sondern auch den Behörden: «Die Verwaltung profitiert von der SuisseID eindeutig am meisten», ist Christian Weber überzeugt. Anwendungsbereiche gibt es viele. So kann die Karte dazu eingesetzt werden, genau definierten Personenkreisen – etwa Kommissionsmitgliedern – den Zugriff auf bestimmte Informationen zu gewähren. Auf diesem Prinzip baut beispielsweise eine Lösung der Informatikgesellschaft für Sozialversicherungen (IGS) auf, die den elektronischen Datenaustausch zwischen AHV-Ausgleichskassen und ihren Zweigstellen in den Gemeinden ermöglicht.

Enormes Potenzial
Solche Anwendungen soll es in Zukunft laufend mehr geben. «Diverse Grossprojekte sind in Planung, die in den nächsten Monaten umgesetzt werden», sagt Christian Weber. So werde es bis Ende 2010 möglich sein, Betreibungsbegehren und -auskünfte auf dem elektronischen Weg zu übermitteln. Und ab Mitte 2011 erlaube es die «SuisseID» Unternehmern, ihre Mehrwertsteuer-Abrechnungen vollständig elektronisch einzureichen.
Neue Möglichkeiten bietet die digitale Identitätskarte auch bei Gesuchs- und Bewilligungsverfahren: Die elektronische Abwicklung würde die Prozesse beschleunigen und die Servicequalität erhöhen. «In der SuisseID steckt enormes Rationalisierungspotenzial», sagt Lukas Fässler. «Das haben viele Gemeinden noch nicht erkannt.»