Blockchain: Grosses Potenzial im E-Government

Blockchain: Grosses Potenzial im E-Government

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Blockchain ist zurzeit in aller Munde – einerseits als Realität, für viele aber auch noch weit weg vom konkreten Alltag. Der Verein «eCH» hat dem Thema, das für die öffentliche Hand grosse Fragen aufwirft, eine Abendveranstaltung gewidmet.

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Alle reden von Blockchain, doch wie die Technologie unser Leben verändern wird, ist noch unklar.

Von Lorenz Frey-Eigenmann*

Blockchain hier, Blockchain da. Heute hat wohl jeder schon von dieser ominösen «Blockkette» gehört. Wirklich verstanden, worum es dabei geht, haben aber die wenigsten.

Wie der Name zu sagen versucht, ist eine Blockchain eine kontinuierlich erweiterbare Liste von inhaltlich beliebigen Datensätzen – den «blocks» oder Blöcken –, die über kryptografische Methoden miteinander – als «Chain» – verkettet sind. Dabei sind in jedem Block Informationen des vorhergehenden Blocks (der sogenannte «Hash Code»), ein Zeitstempel sowie Transaktionsdaten hinterlegt.

Das entscheidende bei diesem System ist, dass jede Transaktion auf einer früheren aufbaut und in ihr die Historie der vorhergehenden Blöcke dieser «Chain» enthalten ist. Die Informationen sind dadurch unveränderlich und für jeden einsehbar abgespeichert. So wird verunmöglicht, dass Inhalte nachträglich manipuliert oder gar gelöscht werden können.

Komplex bleibt die Thematik aber trotzdem, auch wenn man die Blockchain auf die wichtigsten Eckpunkte herunterbricht. Spätestens wenn es um die vielen technischen Details geht, die das Phänomen überhaupt ermöglichen, verstehen die meisten nur noch Bahnhof.

Das zerschlagene Ei

Tim Weingärtner, Vizedirektor und Leiter Forschung der Hochschule Luzern, gehört zu den Experten, wenn es ums Thema Blockchain geht. An einer Abendveranstaltung des Vereins «eCH» (siehe Box «Verein für E-Government-Standards») erläuterte er die komplexe Methodik anhand eines Spiegeleis und eines einarmigen Banditen – anhand von Beispielen, die auch dem Laien etwas sagen.

Das Spiegelei steht für den «Hash Code», das heisst für die mathematische Verschlüsselung eines Passwortes, welche nicht mehr umkehrbar ist. So wie ein aufgeschlagenes Spiegelei nicht mehr in seinen ursprünglichen Zustand gebracht werden kann.

Der einarmigeBandit ist das Sinnbild für den sogenannten «Proof of Work». Dieser soll sicherstellen, dass Blockchain nicht missbräuchlich verwendet werden kann. Grundprinzip ist der Nachweis, dass ein gewisser Aufwand aufgebracht wurde – eben der «Proof of Work». Die unzählige Wiederholung von Rechenoperationen dient dazu, diesen Nachweis zu erbringen, so wie bei einarmigen Banditen bei genügend häufiger Wiederholung irgendwann die Gewinnkombination erscheint.

Der revolutionäre Charakter besteht darin, dass mit Blockchain ohne eine vertrauenswürdige regulatorische Stelle oder eine «Trusted Third Party» ein Konsens zwischen sich potenziell misstrauenden Personen oder Maschinen gefunden werden kann. Die Anwendungsgebiete erstrecken sich dabei gemäss Weingärtner von Kryptowährungen über Smart Contracts bis zum Einsatz bei Grundbuchrechten, Abstimmungen oder beim Transport.

Schweiz ist vorne dabei

Dass diese Anwendungsgebiete nicht nur Zukunftsmusik, sondern bereits Realität sind, zeigte das Referat von Daniel Gasteiger, Gründer und CEO der Firma Procivis AG. Die Schweiz steht dabei in der vordersten Reihe: In den Städten Zug und Chiasso wird – in begrenztem Umfang – die bekannteste Blockchain-Anwendung Bitcoin bereits als Zahlungsmittel akzeptiert, im Kanton Genf wird mit Blockchain ein digitales Handelsregister eingeführt.

Gasteiger führte weitere, internationale Beispiele zur versuchsweisen Nutzung von Blockchain auf: in Japan bei Submissionsverfahren, bei der Durchführung von Abstimmungen in Gesellschafterversammlungen in Abu Dhabi oder etwa im Bereich Grundbuchregister in Schweden.

Als Einsatzgebiete sieht er dabei grundsätzlich «alles im Bereich E-Government, das mit digitalen Identitäten, Online-Abstimmungen und digitalen Registernzu tun hat». Insbesondere auch in Entwicklungsländern, in denen sich ganz andere Fragen beispielsweise beim Zugang zu Basisleistungen oder bei der Bekämpfung der Korruption stellen, macht er grosses Potenzial aus.

Trotz dieses enormen Potenzials wies Gasteiger aber darauf hin, dass es auch mit Blockchain nie eine hundertprozentige Sicherheit geben werde.

Stadt Zug lanciert E-ID auf Blockchain-Basis

Ab sofort können alle Einwohner der Stadt Zug eine E-ID beantragen, die auf der Blockchain-Technologie beruht. Dies hat den Vorteil, das die Personendaten nirgendwo zentral gespeichert werden und somit auch nicht gestohlen werden können. Die Daten liegen verschlüsselt auf dem eigenen Mobiltelefon. Ohne Einwilligung der Benutzer bleiben die Daten unter Verschluss. «Jeder ist so sein eigener Datenschutzbeauftragter», schreibt die Stadt Zug in einer Mitteilung.

Die digitale ID der Stadt Zug besteht aus drei Elementen. Erstens: ein digitales Schliessfach. Dieses befindet sich auf dem Mobiltelefon des einzelnen Benutzers in einer App, biometrisch oder durch einen Pin gesichert. In dieser App wird die digitale ID nach dem Registrierungsprozess abgespeichert.

Zweitens: die Ethereum-Blockchain, eine Art dezentrale Datenbank. Die App erstellt in der Blockchain eine eindeutige und unveränderbare Kryptoadresse und verknüpft diese mit dem digitalen Schliessfach auf dem Mobiltelefon des Nutzers. Diese Adresse ist einmalig und kann nicht gefälscht oder repliziert werden.

Drittens: das Zertifizierungsportal. Dieses liegt bei der Einwohnerkontrolle der Stadt Zug. Nach der Bestätigung der Identität durch die Einwohnerkontrolle werden alle Identitätsangaben mit dem Kryptoschlüssel der Stadt Zug aus der Blockchain signiert und in Form eines digitalen Zertifikats verschlüsselt im digitalen Schliessfach der App auf dem Mobiltelefon des Nutzers gespeichert.

Verschiedene konkrete Anwendungen für entsprechende Dienstleistungen der Stadt Zug sind in Evaluation, so etwa ein einfacher Zugang zu allen elektronischen Behördendienstleistungen der Stadt Zug, ein Blockchainbasierter Fahrradverleih, ein digitalisiertes Parking-Management oder das Ausleihen von Büchern ohne Bibliotheksausweis. (aes/mgt)

Mit Standards Kosten sparen

Das abschliessende Referat übernahm Roland Weibel, Senior Consultant Healthcare bei GS1 Schweiz, dem Fachverband für nachhaltige Wertschöpfungsnetzwerke, der globale Standards für die Identifikation von Waren und Dienstleistungen entwickelt. Er betonte die Bedeutung von Standards als Grundlage für einen einfachen und unkomplizierten Handel in einer immer stärker globalisierten Welt.

Standards würdenallen Beteiligten helfen, Kosten zu sparen. Anschaulich verdeutlichte er am Beispiel von Medikamenten, den weltweit am meisten gefälschten Produkten, die essenzielle Bedeutung einer standardisierten und automatisierten Verifikation von Produkten. Auch wenn Blockchain dabei noch nicht eingesetzt wird: Die Anwendung der  Technologie ist naheliegend. GS1, IBM und Microsoft verfolgen dieses Thema gemeinsam weiter.

Mit oder ohne Staat?

Nach den Referaten wurde angeregt über die Bedeutung von Blockchain für die Standardisierung diskutiert, ist doch die Kernaufgabe des Vereins «eCH», Standards für  E-Government in der Schweiz zu erarbeiten und zu pflegen.

Das Meinungsspektrum war dabei sehr breit – die Diskussion stellenweise fast schon philosophisch. So wurde die Frage in den Raum gestellt, ob ein Konstrukt, das explizit und bewusst ohne Intermediär auskommt, den Eingriff des mächtigsten Intermediärs – des Staates – überhaupt noch braucht.

Zwei Meinungen traten dabei besonders hervor: Einerseits sei es noch zu früh, um sagen zu können, in welche Richtung die Reise geht – dafür herrsche noch zu sehr eine «Goldgräberstimmung». Andererseits könnten gerade die Schnittstellen zwischen Blockchains untereinander und zur realen Welt ein sinnvolles Feld für eine Standardisierung sein.

 

* Lorenz Frey-Eigenmann ist Leiter der Geschäftsstelle des Vereins «eCH».

Verein für E-Government-Standards

Der Verein «eCH» entwickelt Standards im Bereich E-Government – für eine effiziente digitale Zusammenarbeit zwischen Behörden, Unternehmen und Privaten. Er baut auf die Zusammenarbeit privater und öffentlicher Partner. Neben dem Bund, allen Kantonen und rund 40 Gemeinden sind über 100 Firmen sowie Fachhochschulen, Verbände und Einzelpersonen Mitglied von «eCH». Rund 20 Fachgruppen stellen sicher, dass die Standards mit hoher Qualität und frei von Einzelinteressen entwickelt und gepflegt werden.

Der Verein führt einmal jährlich eine offene Abendveranstaltung zu E-Government und Standardisierung durch. Die diesjährige Abendveranstaltung stand unter dem Titel  «Blockchain: Hype und Realität. Bedeutung für die Standardisierung im E-Government».