Faulenzen statt Arbeiten

Faulenzen statt Arbeiten

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Arbeitszeiterfassung kann nervig ­und aufwendig sein. Das Gesetz in der Schweiz dazu ist ziemlich strikt, und ­so werden in den meisten Betrieben und Verwaltungen (auch beim Kommunal­magazin übrigens) die Arbeitszeiten akri­bisch genau registriert und kontrolliert. Das schützt allerdings nicht vor Missbrauch. Schon gar nicht in Italien, dessen Einwohner dafür berüchtigt ­sind, häufiger dem «dolce far niente» zu frönen.

2013 kam im Stadthaus des ligurischen Sanremo der Verdacht auf, dass nicht alle Verwaltungsangestellten ihren Job ernst genug nehmen und häufig nicht am Arbeitsplatz anzutreffen sind, obwohl sie sich mit ihrem Badge eingestempelt haben. Die Polizei nahm daraufhin Ermittlungen auf. Unter anderem wurden an vier Hauptgebäuden der Stadtverwaltung Überwachungskameras angebracht. Im letzten Oktober beendete die Polizei den Überwachsungsein­-satz – mit schockierenden Erkenntnissen.

Die Ermittlungen ergaben, dass sich 196 der überwachten Angestellten und damit 72 Prozent «häufiger Unregel­mässigkeiten» schuldig gemacht hätten. Unter anderem schwänzte ein Beamter regelmässig seinen Dienst und fuhr stattdessen Kanu – meldete aber trotzdem Überstunden an. Andere Angestellte veranstalteten stundenlange Kaffeekränzchen, fuhren Aquascooter oder entspann­ten einfach am Strand.

Ein Video auf Youtube dokumentiert, wie die Manipulation der Stempeluhren bewerkstelligt wurde: Mitarbeiter der Stadtverwaltung zogen seelenruhig bis zu sieben verschiedene Badges von Kollegen durch die elektronischen Zeiterfassungsgeräte. Teilweise sind mehrere Zeugen im Raum, aber niemand scheint sich an den fragwürdigen Praktiken der Mitarbeiter zu stören. Auch der Kanufahrer wurde von den Ermittlern mit der Kamera in flagranti erwischt.

Polizist stempelt in Unterhosen

Ein anderes Video zeigt, wie ein Verkehrspolizist, der seine Dienstwohnung gleich oberhalb der Stadtverwaltung hat, gar in Unterhosen die Stempeluhr bedient – und danach offensichtlich nicht auf Streife geht.

Die Kommentare erboster Bürger zum Video sind teilweise heftig. Ein Süditaliener stichelt gegen den Norden, dort sei man ja noch fauler als im als arbeitsscheu verschrienen Mezziogorno. Ein Tessiner entgegnet, die Faulheit sei bei den Italienern genetisch bedingt. Andere feuern Schimpftiraden in Richtung Staat und dessen Angestellte.

Laut Polizei wurden gegen 114 der ertappten Staatsangestellten strafrechtliche Verfahren eingeleitet. Über 35 von ihnen wurde bis zu ihrem Prozess Hausarrest verhängt, die anderen müssen wegen der Geringfügigkeit ihrer Vergehen keinen Prozess befürchten.

Unentschuldigte Fehlzeiten sind laut Angaben der Polizei seit Langem ein Problem im öffentlichen Dienst in Italien. «Wie kann es sein, dass die Verwaltung im Rathaus über lange Zeit nicht bemerkt hat, wie schlimm die Situation war?», fragte die ermittelnde Staatsanwältin Maria Paola Marrali.

Anderes Land, gleiches Problem

Arbeitszeitbetrug in der Verwaltung ist nicht nur in Italien ein Thema. In Brasilien deckte der Fernsehsender Globo letzten Herbst auf, dass viele Angestellte des Parlaments im Bundesstaat Goiás am Morgen einstempeln und dann einfach wieder gehen. Von den Journalisten darauf angesprochen, behauptete eine Sekretärin erst sie sei arbeitslos und ergriff anschliessend die Flucht (Video hier).

Die gegenwärtig von zahlreichen Korruptionsskandalen (Mensalão, Petrobras) geplagten Brasilianer nehmen es mit Humor: Ein musikalischer Remix mit der arbeitsscheuen Frau wurde schon fast 1,5 Millionen Mal angeschaut. (aes)