Rettung für «Smombies»

Rettung für «Smombies»

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Bodenampeln für Smartphone-Zombies in Bodegraven
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Ein wenig mehr Sicherheit: LED-Leuchten am Boden sollen holländische Smartphone-Junkies im Verkehr vor sich selber schützen.

Jeder kennt solche oder ähnliche Situationen: Abrupt biegt ein Fussgänger aus dem Nichts auf die Fahrbahn, plötzlich läuft ein Passant auf einen anderen auf, im letzten Moment kann ein Fahrradfahrer einem ohne Vorwarnung auf dem Velostreifen auftauchenden Jugendlichen ausweichen. Solche Vorfälle sind gefährlich und haben in den allermeisten Fällen eine klare Ursache: Sogenannte Smombies, ein Kofferwort aus Smartphone und Zombies, das 2015 in Deutschland zum Jugendwort des Jahres erkoren wurde. Im schlimmsten Fall haben diese «Untoten» zudem noch Kopfhörer in den Ohren und hören die warnenden Verkehrsgeräusche nicht.

Blinkende Leuchtstreifen

Die holländische Kleinstadt Bodegraven, 30 Kilometer nordöstlich von Rotterdam gelegen, will ihre knapp 20 000 Einwohner nun besser vor solch gefährlichen Situationen schützen. «+Lichtlijn», zu Deutsch Lichtlinie, heisst das Pilotprojekt der Gemeinde. Dabei handelt es sich um einen LED-Lichtstreifen, der an einer Kreuzung zusätzlich zur Ampelanlage im Boden installiert wird. Wer nun auf sein Smartphone respektive generell nach unten schaut, sieht je nach Ampelschaltung einen rot oder grün leuchtenden Streifen. Wechselt die Signalfarbe, blinkt das Licht. Vorerst wurde lediglich eine Kreuzung in Bodegraven mit dem System ausgestattet. Sollte das Pilotprojekt als Erfolg gewertet werden, wird die Bodenampel in der ganzen Gemeinde zum Einsatz kommen, womöglich auch in anderen niederländischen Städten.

Ermutigung zur Unaufmerksamkeit?

Die Bevölkerung reagiert verhalten positiv auf den Versuch. Viele Passanten finden die Idee gut, um die Verkehrssicherheit zu steigern. Selber sei man aber nicht auf die Bodenampel angewiesen, man schaue immer auf den Verkehr, so die Selbstwahrnehmung der vom Sender «RTL Nieuws» Befragten. Gar nicht glücklich zeigt sich hingegen José de Jong vom Verband «Veilig Verkeer Nederland» (sicherer Verkehr Niederlande): «Es ist keine gute Idee, die Leute zu ermutigen im Verkehr auf das Mobiltelefon zu schauen», sagt sie. Die Fussgänger müssten trotzdem stets um sich herumschauen, um zu überprüfen, ob die Autos tatsächlich bei Rot anhalten.

«Bompeln» und andere kreative Lösungen

Bodenampeln – in Deutschland auch kurz «Bompeln» genannt – sind keine neue Idee, und längst nicht überall waren sie eine Erfolgsgeschichte. Letztes Jahr haben die deutschen Städte Köln und Augsburg ähnliche Pilotprojekte lanciert. In Köln hat man dieses nach wenigen Monaten wieder abgebrochen. Ein Gutachten kam zum Schluss, dass die «Bompeln an Strassenbahnübergängen nichts gebracht haben». Nun setzt man auf verbesserte normale Ampeln. In Augsburg ist der Versuch noch im Gang. In Berlin und München hingegen lehnt man einen Versuch mit der neuen Technologie ab. Andere Städte versuchen dem Phänomen mit Warnhinweisen zu begegnen (Seoul, Stockholm), mit Lautsprecherdurchsagen (Hongkong) oder speziellen Gehspuren für Smombies (Antwerpen, Chongqing in China). Vielleicht liegen Problem und Lösung aber näher zusammen als man denkt: Mit der App «Watch Out!» erhalten Smartphone-Nutzer jedes Mal per Bluetooth eine Warnung, wenn sie sich potenziell gefährlichen Ampeln nähern. Laut einem Artikel der «NZZ» ist das System bisher in 20 deutschen Städten verfügbar. Die Probleme der digitalen Welt löst man also am besten mit – mehr Digitalisierung!

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.