Bergün klärt auf: Fotoverbot war reine Marketingaktion

Bergün klärt auf: Fotoverbot war reine Marketingaktion

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Teaserbild-Quelle: Gemeinde Bergün

Das Bündner Bergdorf Bergün schockierte die Welt mit einem Fotoverbot. Man wolle mit Bildern aus dem pittoresken Dorf niemanden traurig machen, der nicht da ist, hiess es. Nun wurde das skurrile Verbot nach zwei Tagen bereits wieder aufgehoben. Das Ganze entpuppte sich als Werbeaktion.

Die Welt reagierte verblüfft und etwas irritiert, aber sie reagierte. Und genau das war Bergüns Absicht. Aber immer schön der Reihe nach.

Am 29. Mai 2017 beschloss die Bündner Gemeinde ein Fotoverbot für das gesamte Dorf. Begründet wurde das Verbot damit, dass Bilder aus dem pittoresken Bergün Menschen unglücklich machten, die gerade nicht auf 1400 Metern über Meer im schönen Albulatal weilen könnten. Das wolle man verhindern.

Nahezu einstimmig wurde die neue Regelung an der Gemeindeversammlung verabschiedet. Und schon am nächsten Tag trat sie in Kraft.

Gemeindeversammlung stiftete Verwirrung

Die Aktion im scheinbar etwas verschrobenen Bergdorf in den Schweizer Alpen machte schnell die Runde: Sie löste ein riesiges, internationales Echo in den Medien und auf Social Media aus. Obwohl die meisten Journalisten und Kommentarschreiber wohl ahnten, dass dahinter eine Werbeaktion stecken dürfte, irritierte die gesetzliche Verankerung durch eine offenbar legitimierte Gemeindeversammlung.

«Geplante Dramaturgie»

Nun erlöste Bergün alle verängstigten Touristen und Heimlich-Fotografierer. Das Verbot wurde zwei Tage nach dem Erlass durch eine kollektive Sonderbewilligung für das Fotografieren im Dorf wieder entschärft – und der Scherz aufgelöst: «Das Fotoverbot war eine Aktion in mehreren Akten mit einer geplanten Dramaturgie», sagte Cyrill Hauser, PR-Chef bei der federführenden Kommunikationsagentur Jung von Matt/Limmat der Nachrichtenagentur sda. Die Agentur entwickelte diese Kampagne zusammen mit dem Gemeindevorstand von Bergün, mit Bergün Filisur Tourismus und der kantonalen Organisation Graubünden Ferien.

Verärgerte Reaktionen

Offenbar waren die Stimmberechtigten über die hinter dem Fotoverbot stehenden Absichten und auch dessen geplante Aufhebung informiert. Es scheint, als habe das halbe Dorf zwei Tage lang geblufft und die Medien an der Nase herumgeführt.

Viele Journalisten und ihre Leser reagierten irritiert bis verärgert. In der Schweiz braute sich in den Kommentaren auf Zeitungsportalen ein Shitstorm zusammen. Der Tenor lautete: «Nach Bergün fahre ich nun erst recht nicht. Verbote gibt es in der Schweiz schon genug.» Die Kommentare im Ausland waren etwas wohlwollender, wenn auch selten überschwänglich.

Kritik erwartet

Gemeindepräsident Peter Nicolay zieht dennoch ein positives Fazit. Die Gemeinde hätte nie gedacht, ein derart grosses Medienecho auszulösen. Bilder des Dorfes seien nun gesuchter denn je. Nach Angaben der Beteiligten aus Werbung und Tourismus erreichte Bergün mit der Aktion Millionen von Menschen weltweit bei minimalen Ausgaben.

Über die zahlreichen negativen und in der Schweiz nicht selten gar aggressiven Kommentare waren die Touristiker und Werber keineswegs überrascht, wie sie auf Anfrage erklärten. «Wir haben gewusst, dass die Geschichte kontrovers aufgenommen wird», sagte der Bergüner Tourismusdirektor Marc-Andrea Barandun. Zudem würde sich die negative Welle bereits jetzt legen, positive Kommentare häuften sich, erklärte Cyrill Hauser.

Kollektive Sonderbewilligung

Einfach ignorieren können die Bergüner das «Fake-Verbot» nun aber nicht. Aus juristischer Sicht ist es nämlich alles andere als «fake». Das Gesetz ist rechtskräftig erlassen worden. Deshalb musste der Bergüner Gemeindepräsident extra eine kollektive Sonderbewilligung für das Fotografieren im Dorf ausstellen, bis das «herzliche Fotografierverbot», wie die Gemeinde es nennt, an der nächsten Gemeindeversammlung wieder aufgehoben wird.

Seinen Entscheid präsentierte der Gemeindepräsident in einem Video. Selbstverständlich liess er es sich dabei nicht nehmen, nochmals auf alle Vorzüge Bergüns, etwa die «schönen Kühe», aufmerksam zu machen. Und damit der angebliche Grund für das ganze Drama auch ja nicht vergessen geht, betonte er einmal mehr: «Wenn ihr das nächste Mal ein Foto von Bergün hoch lädt, denkt an all jene, die gerade nicht hier sein können, die werden sonst unglücklich.»

«Gesetzesänderung war notwendig»

Ob es verhältnismässig ist, im Dienste einer Werbekampagne ein Gesetz zu erlassen, darüber lässt sich streiten. Für Tourismusdirektor Barandun zumindest waren diese Mittel gerechtfertigt: «Die Gesetzesänderung war notwendig, damit die Kampagne die richtige Wirkung entfaltet.» Wie viele der dadurch auf Bergün aufmerksam gewordenen Menschen nun tatsächlich den Weg ins Albulatal finden, werde sich allerdings erst zeigen. Und wie viele deshalb lieber einen grossen Bogen um das Dorf machen, wird Bergün wohl nie erfahren. (nsi/sda)