Leben im Hin und Her

Leben im Hin und Her

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Teaserbild-Quelle: Alexander/Fotolia
Leben im Hin und Her

Ein Wohnort genügt vielen nicht mehr. Sie wechseln zwischen mehreren Aufenthaltsorten hin und her. Geschäftstüchtig reagieren Anbieter mit Angeboten für multilokale Pendler, während die Raumplanung noch keine Antworten auf dieses Phänomen weiss.

«In der Schweiz sind multilokale Lebensformen ein Massenphänomen», berichtet Soziologin Nicola Hilti aus den Ergebnissen einer vom Nationalfonds finanzierten Studie, an der sie mitgewirkt hat. Fast die Hälfte der Schweizer hat Erfahrung mit multilokalen Lebensformen, wohnt oder wohnte also ganz selbstverständlich an mehreren Orten.

Seien es Menschen, die Fernbeziehungen führen, erwachsene Kinder, die regelmässig bei den Eltern übernachten, Menschen, die ihre Freizeitaktivitäten an einem bestimmten Ort organisieren, oder Scheidungskinder, die zwischen den Wohnorten der Eltern hin und her wechseln.

Ein Drittel betroffen

«Aktuell lebt knapp ein Drittel der Schweizer Bevölkerung multilokal», so Nicola Hilti beim aufschlussreichen Werkstattgespräch «Multilokale Lebensweise – Chance oder Risiko?» der Plattform «Chance Raumplanung».

«Häufig dient diese Lebensweise dem Aufrechterhalten von Beziehungen oder der Freizeitgestaltung. Eher selten steht sie im Zusammenhang mit Arbeit oder Ausbildung. Dort neigen die meisten Schweizer eher zum Tagespendeln.» Vor allem Wohlhabendere machen sich diese Lebensweise zu eigen, denn es ist ein Lebensstil, den man sich leisten können muss, etwa wegen der damit zusammenhängenden Kosten für Wohnen oder Transport. Hilti: «Multilokale haben deutlich mehr Zimmer zur Verfügung, die sie nutzen oder zumindest mitbenutzen können. So sind sie auch ein Faktor für steigenden Wohnflächenverbrauch.» Ihre Lebensweise ist beim Grossteil der Multilokalen tief im Lebensgefühl verankert. 71Prozent haben nicht vor, sie in absehbarer Zeit zu ändern.

Während diese Lebensführung früher wenigen Gruppen vorbehalten war, etwa dem Adel, wohlsituierten Bürgern in der Sommerfrische oder auch Wanderarbeitern, hat er heute ganz neue Dimensionen angenommen. Sie geht mit der Individualisierung der Lebensstile einher.

Der Arbeitskreis «Multilokale Lebensführung und räumliche Entwicklungen» der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) in Hannover schreibt in seinem Positionspapier, charakteristisch sei das Wechselspiel zwischen Mobilität und Stabilität (mobiler Lebensstil und gleichzeitig stabile Ankerpunkte), Arrangements aus «Hier, Dort und Dazwischen», die kontinuierliche Entwicklung und Veränderung im Lebensverlauf und die Fluidität in der Ausgestaltung, etwa durch fliessende Übergänge zwischen Wohnen, Freizeit und Arbeit.

Passende Angebote entstehen

Begünstigt wird die multilokale Lebensweise durch die technische Entwicklung, etwa der Verkehrs- und Kommunikationsstruktur, und preisgünstige Mobilitätsangebote wie Fernbusse und günstige Fluggesellschaften. Längst gibt es passende Angebote, beispielsweise für flexible Arbeitsorte. So benötigen Multilokale mitunter an verschiedenen Orten Zugang zu Büroinfrastruktur.

Mathis Hasler, Mitgründer der Website popupoffice.ch, hat darauf seine Geschäftsidee aufgebaut und vermittelt Zugang zu Coworking-Spaces in der ganzen Schweiz. Man kann sich über diese Plattform flexibel für beliebige Zeit einen Arbeitsplatz mieten und muss nur noch seinen eigenen Laptop mitbringen. Hasler zitiert eine Studie der International Data Corporation (IDC), laut der es weltweit 1,3 Milliarden Coworker gibt.

Auch Firmen haben längst nichtmehr für jeden Mitarbeitenden einen festen Arbeitsplatz. Zu den bekanntesten Vorreitern in der Schweiz gehörte IBM, bei der die Mitarbeitenden morgens mit ihrem persönlichen Rollschrank und Laptop als erstes einen freien Tisch suchen. Mittlerweile ist diese Methode, um unnötige Büromieten einzusparen, Usus bei vielen grösseren Unternehmen. Schliesslich sind kaum je alle Arbeitsplätze gleichzeitig belegt.

Immer mehr bieten zudem flexible Homeoffice-Lösungen, bei denen dann aber schnell einmal das soziale Umfeld fehlt. Hasler hat hier eine Marktlücke entdeckt: «Neben einigen tausend Endkunden haben wir auch 50 Grossfirmen, die ihren Mitarbeitenden unseren Service anbieten. Diese können ihren Arbeitsort in unserem Angebot flexibel wählen. Viele schätzen das. Auch weil Coworking weniger einsam und vor allem angesehener ist als Homeoffice, wo einem doch manchmal unterstellt wird man wasche nebenbei die Wäsche.» (...)