Elektro geht (fast) überall

Elektro geht (fast) überall

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Teaserbild-Quelle: zvg
Elektro geht (fast) überall

Kleine Reichweite, schwere Batterien, teurer Anschaffungspreis: Elektrofahrzeuge kämpfen mit vielen Vorurteilen. An der Suisse Public wollen verschiedene Anbieter von kommunalen Nutzfahrzeugen den Beweis antreten, dass die Technologie in Gebiete vorstösst, die bislang fossil betriebenen Motoren vorbehalten war.

Sie sind leise, umweltfreundlich und ihnen gehört mutmasslich die Zu­kunft: Elektrofahrzeuge sind spä­testens seit dem Hype um die Autos von Tesla in aller Munde. Wer einmal die Beschleunigung in einem Tesla erlebt hat, für den sind Achterbahnen künftig Pipifax.

Im Entsorgungswesen, bei der Grünflächenpflege, im Winter­dienst oder bei Reinigungsarbeiten zäh­len jedoch andere Werte. Im kommuna­len Einsatz muss das Fahrzeug vor allem aufgabengerecht, zuverlässig und lang­lebig sein. Da erstaunt es nicht, dass viele Gemeinden erst einmal abwarten und sich bei einer anstehenden Beschaf­fung zwar über Fahrzeuge mit alternativer Antriebsform informieren, sich aber dann doch für ein benzin- oder dieselbetriebenes Fahrzeug entscheiden.

Batterien schnell austauschen

Diese Einschätzung bestätigt Marc Waeber, Geschäftsführer der Klingler Fahrzeugtechnik AG, die in Unterentfelden AG seit über 30 Jahren Elektro­nutzfahrzeuge entwickelt und baut: «Wir spüren eine starke Zunahme der Anfragen von Gemeinden. Neue Kunden von einem Elektrofahrzeug zu überzeu­gen, ist aber nach wie vor oft schwierig.»

Klingler hat den Vorteil, dass die Firma massgeschneiderte Elektrofahrzeuglösungen anbietet, die oft modular auf­gebaut werden können. «So können wir auch für grosse Reichweiten fast immer eine Lösung anbieten, denn unsere Wechselbatterien sind innert fünf Minuten ausgetauscht», so Waeber. In den allermeisten Fällen sei dies aber gar nicht nötig, da das gefühlte Bedürfnis an Reichweite sich nicht mit der tatsäch­lich benötigten deckt. «Die meisten fos­sil betriebenen Kommunalfahrzeuge sind hoffnungslos übermotorisiert», so Waeber.

Innere Werte zählen

So chic wie ein Tesla sehen Klingler-Fahrzeuge aber nicht aus: «Un­sere Elektronutzfahrzeuge sind auf pro­fessionelle Anwendungen ausgelegt. Die optische Erscheinung ist im Ver­gleich zu einem optimalen Arbeitsplatz für den Fahrer, der Qualität der Verar­beitung und der eingesetzten Kompo­nenten und damit auch Zuverlässigkeit und Langlebigkeit weniger wichtig. Es handelt sich mehr um eine Ar­beitsmaschine als um ein Fahrzeug», sagt Waeber. Seine «Arbeitsmaschinen» sind besonders in den Bereichen Abfall- und Grünflächenbewirtschaftung stark im kommunalen Einsatz vertreten und an der Suisse Public in der Halle 3, Stand A05 zu sehen.

Und die Kosten?

In der Anschaffung sind Elektrofahr­zeuge meist noch teurer als das Benzin- oder Dieselmodell. «Massgebend sind aber nicht die Anschaffungs-, sondern die Gesamtbetriebskosten», sagt Marc Waeber. Und da sieht die Rechnung schnell anders aus: «Die Elektrofahrzeu­ge haben einen geringeren Verschleiss und sind im Unterhalt massiv günstiger als fossil betriebene Fahrzeuge. Und pro Fahrzeug spart man jährlich im Schnitt zwischen 1000 und 1500 Fran­ken an Energiekosten, der allfällige Er­satz des Batteriepakets bereits mit be­rücksichtigt.»

Keine Sorge um die Reichweite

Martin Kaufmann, Geschäftsführer des ebenfalls im Aargau beheimateten Her­stellers MK Fahrzeuge räumt mit dem Vorurteil der schwachen Batterien auf: «Mit den neusten Lithium-Akkus ist die Reichweite eigentlich kein Problem mehr. Die Stadt Baden etwa hat einen unserer Elektrotransporter mit 1100 Ki­logramm Nutzlast im Einsatz, der sieben Tage die Woche täglich rund 85 Kilometer zurücklegt.» Die Fahrzeuge von MK sind an der Suisse Public auf dem Freigelände Zone F, Stand 008 zu bestaunen.

2,2 Tonnen schwere Batterien

Was mit heutigen Batterien alles möglich ist, kann man am Stand der Contena-Ochsner (Freigelände Zone B, Stand 174) sehen: In Zusammenarbeit mit der Winterthurer Firma Designwerk hat Contena-Ochsner den ersten kom­plett elektrisch betriebenen Mülllastwagen der 26-Tonnen-Klasse für den Ein­satz in der Schweiz gebaut. Das Leucht­turmprojekt wird vom Bundesamt für Energie (BFE) unterstützt und befindet sich in der Testphase. Schon bald wird das erste Fahrzeug in Murten im Betrieb eingesetzt.

«Ein durchschnittlicher Abfalllastwagen legt gemäss Umfragen im Tag rund 70 Kilometer zurück. Unser Futuricum Collect 26E schafft voll beladen 150 Kilometer», sagt Fabian Wyssmann von Designwerk. Da nicht nur der Antrieb, sondern auch der gesamte Pressmüllaufbau elektrisch betrieben wird, wiegen die zwei im Fahrzeug eingesetzten Batterien insgesamt rund 2,2 Tonnen. Auswirkungen auf die Nutzlast hat das nicht. Das Zusatzgewicht der Batterien kann durch die Auflastung auf 27 Tonnen Gesamtgewicht und den Wegfall von Dieselmotor und dem Schaltgetriebe ausgeglichen werden.

Abfallsammlung in der Nacht?

In der Anschaffung ist das Gerät etwa doppelt so teuer wie ein Diesellastwagen. «Dafür spart man zusätzlich zum Treibstoff auch noch die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe LSVA, welche für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben entfällt», so Wyssmann.

Für den Einsatz auf Abfalltouren seien Elek­trolastwagen prädestiniert: «Auf den kurzen Distanzen mit viel Stop and Go erreicht ein Dieselfahrzeug kaum die Be­triebstemperatur. Oft laufen die Motoren deshalb auch dann, wenn das Fahrzeug steht. Wegen dieser Ineffizienz wird viel CO2 in die Luft geblasen.» Der Futuricum Collect 26E hat noch einen weiteren Vor­teil: Die Elektromotoren sind so leise, dass sie auch in der Nacht eingesetzt werden könnten, wenn der Berufsverkehr ruht. «Es könnte ja sein, dass das Nacht­fahrverbot für E-LKW einst aufgehoben wird», sagt Wyssmann. (...)

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.