E-Kommunalfahrzeug: Reto und Beat unter Strom

E-Kommunalfahrzeug: Reto und Beat unter Strom

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Patrick Aeschlimann

Zehn Jahre dauerte der Entwicklungsprozess für die ersten Elektro-Geräteträger der Schweizer Kommunalfahrzeugherstellerin Viktor Meili AG. Nun sind «RETO.e» und «BEAT.e» auf dem Markt und können es laut Geschäftsführer Manuel Meili locker mit jedem Dieselfahrzeug aufnehmen.

Präsentation RETOe
Quelle: 
Patrick Aeschlimann

«Die Zukunft der Kommunalfahrzeuge ist elektrisch»: Manuel Meili, Geschäftsführer der Viktor Meili AG flankiert von den Suncar-Geschäftsführerern Daniel Vincenz (links) und Stefan Schneider bei der Premiere des «RETO.e» in Zürich.

Seit 1977 produziert die Viktor Meili AG aus Schübelbach SZ Kommunalfahrzeuge, allesamt mit Dieselmotoren. Sein ganzes Berufsleben lang hat Geschäftsführer Manuel Meili Dieselfahrzeuge entwickelt und konstruiert. Doch das ist bald vorbei.

Denn heute sagt Meili: «Es gibt keinen Grund mehr, um ein Diesel-Kommunalfahrzeug zu kaufen.» Als er seine Fahrzeuge auf die Euro-6-Norm umrüsten musste, sei ihm bewusst worden, dass er «einen toten Gaul reite». «Alleine die Einbauanleitung eines Auspuffs hatte 150 Seiten. Wir mussten das Getriebe quasi um den Auspuff herum bauen», sagt Meili. «Ich habe während dieser Zeit allen klar kommuniziert, dass dies das letzte Mal war, dass ich meinem Team und mir so etwas antue.» Er konnte dies mit gutem Gewissen tun, hatte er doch schon vor zehn Jahren die Erkenntnis gewonnen, dass die Zukunft der Kommunalfahrzeuge elektrisch sein würde.

Lieber selber entwickeln

2008 dachte Manuel Meili das erste Mal an einen elektrischen Transporter und Geräteträger und machte sich gleich an die Umsetzung. Ihm war aber bewusst: Nur wenn dieser in allen Belangen einem Dieselfahrzeug ebenbürtig wäre, würden die Gemeinden einen E-Geräteträger akzeptieren.

Nach den ersten Testfahrten im Prototyp war Meili gleichermassen entzückt wie frustriert: «Ich habe mich in den kraftvollen und geräuscharmen Antrieb verliebt. Aber die Getriebe und Achsen, die auf dem Markt waren, genügten unseren hohen Ansprüchen einfach nicht.» Er entschloss sich daher, das Fahrzeug um den Antriebsstrang als Kernelement herumzubauen sowie Getriebe und Achsen im eigenen Haus zu entwickeln und zu produzieren. Zusammen mit den Ingenieuren wurde am Standort Schübelbach ein entsprechendes Kompetenzzentrum aufgebaut und die Betriebsanlagen vergrössert – eine beträchtliche Investition für einen Familienbetrieb.

Gut möglich, dass der eine oder andere Konkurrent lange vor der Dieselkrise und der Energiestrategie 2050 gedacht hat: «Dem Meili spinnt's!» Manuel Meili entgegnet: «Elektro ist die Zukunft und ich bekenne mich zum Werkplatz Schweiz. Nicht nur mit Worten, sondern mit Taten.»

Ganz ohne Partner konnte die Viktor Meili AG das Gefährt dann aber doch nicht entwickeln. Es habe Momente gegeben, da sei er bei der Suche nach geeigneten Zulieferern fast verzweifelt, sagt Manuel Meili. Fündig wurde er schliesslich nicht in China, den USA oder Deutschland, sondern ganz in der Nähe, beim ETH-Start-up Suncar aus Oberbüren SG. Mit der auf die Elektrifizierung von Baumaschinen spezialisierten Firma fand Meili einen Partner, der seine Begeisterung für E-Kommunalfahrzeuge teilt. Das unterdessen vom österreichischen Baumaschinenkonzern Huppenkothen übernommene Start-up brachte viel Detailwissen über die Technik von Elektromotoren in Meilis Projekt ein. Auch bei der Beschaffung von Komponenten konnte Suncar seine Expertise einbringen. «Kurze Wege und das gleiche Qualitätsdenken sind für eine solche Entwicklung essenziell», so Meili.

Und so konnte im September im Zürcher Technopark vor ausgesuchten Kommunalvertretern und Journalisten endlich die elektrische Variante des Geräteträgers und Transporters «Reto» enthüllt werden.

Für jede Breite gewappnet

Das wichtigste vorweg: Die Neuentwicklung fährt. Und da die E-Version von Reto laut Werbeversprechen «alles kann ausser Emissionen», durfte er bei der Präsentation sogar im Innern des Technoparks seine Runden drehen. Der erste Eindruck: Das Fahrzeug ist tatsächlich sehr leise. Erhältlich sind zu Verkaufsstart zwei Modelle, die sich vor allem in der Breite unterscheiden: Beat, der kleine Bruder von Reto, ist mit 1350 Millimeter insbesondere für den Einsatz auf Trottoirs und in engen Altstadtgassen geeignet, während sich Reto mit einer Breite von 1780 Millimetern auf normalen Strassen zuhause fühlt.

Das hat Auswirkungen auf das Platzangebot: Während Retos geräumige Kabine drei Personen Platz bietet, können bei Beat zwei Personen Platz nehmen. Beide Modelle bringen rund 6200 Kilogramm auf die Waage, genau gleich viel wie die Dieselvarianten, und verfügen über eine Nutzlast von 3000 Kilogramm. «Die bisher höchste in diesem Einsatzgebiet», sagt Meili stolz. Zudem verfügen die E-Kommunalboliden mit patentiertem Antriebsstrang über permanenten Allradantrieb.

Gleiche Kapazität wie Tesla

Doch wo sind bei diesen Fahrzeugen die Batterien untergebracht? Ein prominenter Kasten unter der serienmässig vorhandenen Dreiseiten-Kipper-Brücke fällt im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen ins Auge. Und tatsächlich: Dort, wo bei «normalen» Kommunalfahrzeugen der Tank untergebracht ist, befindet sich die Lithium-Ionen-Hochleistungsbatterie der neusten Generation mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden (kWh), wie sie auch bei den aktuellen Tesla-Modellen angeboten wird. Der Wirkungsgrad liegt bei 95 Prozent – von einem solchen Wert kann man bei Verbrennungsmotoren nur träumen.

«Uns war aus den Bedürfnissen im Werkhof klar, dass mit einer Batterieladung ein ganzer, normaler Arbeitstag bewältigt werden können muss. Das ist uns gelungen», sagt Meili. Laut Herstellerangabe können die Elektro-Versionen von Reto und Beat mit einer vollen Batterie durchschnittlich 200 Kilometer zurücklegen oder 6,5 Betriebsstunden absolvieren. Selbst wenn man trotz der hohen Reichweite einmal mit leerer Batterie dastehen sollte, ist nicht alles verloren. Die Geräteträger verfügen über ein Onboard-Notfallladekabel, über welches an jeder Standard-Industriesteck-dose aufgeladen werden kann.

Flexibles Laden

Eine fehlende Ladeinfrastruktur im Werkhof ist kein Hinderungsgrund für die Anschaffung eines Meili-E-Kommunalfahrzeugs: «Unsere Geräteträger sind da sehr flexibel und wir beraten die Gemeinden gerne», so Meili. Falls bereits andere Elektrofahrzeuge in der Flotte eingesetzt werden, sei das ebenfalls kein Problem: «Weil die elektrischen Beats und Retos zu allen handelsüblichen Ladesystemen kompatibel sind, finden wir sicher eine Lösung», sagt Meili.

Falls es, etwa im Winterdienst, zu Sondereinsätzen kommen sollte, sei auch das kein Problem für die Meili-E-Kommunalfahrzeuge. Denn mit der Schnellladung ist die Batterie in einer Stunde wieder aufgeladen und einsatzbereit. Dafür, dass die Batterie sich nicht zu schnell entlädt, sorgt das Batteriemanagementsystem mit der Energie-Rückgewinnungsfunktion. Der Elektromotor leistet 70 Kilowatt (kW) nominal und bis zu 120 kW als Spitzenwert. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 45 km / h.

Bequeme Kabine

Auf Komfort setzt Meili in der kippbaren Kabine: Wie schon bei den an der letztjährigen Suisse Public erstmals präsentierten Diesel-Varianten von Reto und Beat verfügt sie über eine getönte Panorama-Frontheizscheibe mit eingebautem Defroster, was im Winter eine schnelle Inbetriebnahme garantiert. Für die einfache Bedienung ist ein intuitiv steuerbares Display eingebaut. Vier hydraulische Anschlüsse für den Schneepflug, der aus der Kabine mit einem Joystick bedient werden kann, sind bereits vorbereitet.

Ein klarer Komfortgewinn ergibt sich beim Geräuschpegel: Wird dieser in der Kabine laut Herstellerinformation für die Dieselfahrzeuge mit «leisen» 70 Dezibel angegeben, steht bei den Elektrovarianten schlicht «geräuschlos». Das ist wohl ein bisschen hoch gegriffen, denn zumindest das Rollgeräusch hört man auch bei E-Fahrzeugen. Dennoch kommt «geräuschlos» der Realität schon ziemlich nahe.

Betreffend Anbaugeräten muss man sich laut Meili keine Sorgen machen: «Alle Bisherigen passen auch auf die neuen Elektromodelle, egal ob hydraulisch oder elektrisch angetrieben.» Vom Salzstreuer über den 2500-Liter-Wassertank mit Pumpe und den Böschungsmäher bis zum Kran und dem Schneepflug muss nichts neu angeschafft werden. Und selbst ohne Anbaugeräte ist zumindest Reto, das grössere Modell, auch gut als Transporter einsetzbar. «Unsere Fahrzeuge sind Alleskönner, das ist unsere Philosophie. Von der haben wir uns auch mit den Elektrofahrzeugen nicht verabschiedet», sagt Meili.

Fast 100 000 Franken sparen

Elektrofahrzeuge sind in der Anschaffung nach wie vor teurer als Dieselmodelle. Doch das ist kein Argument gegen die neue Technologie. Denn über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, spart man mit dem E-Kommunalfahrzeug eine Menge Geld. Bis zu 94 840 Franken sind es laut Meili mit einem Elektro-Reto in den zehn Jahren, in denen ein Kommunalfahrzeug durchschnittlich im Einsatz ist. Das liegt nicht nur an den wegfallenden Treibstoffkosten. Der ganze Unterhalt sei weniger aufwändig, die Technik weniger fehleranfällig, so Meili. Zudem könne der Ausstoss von 220 Tonnen CO2 eingespart werden.

Für die Zukunft zeigt sich Fahrzeugkonstrukteur Meili zuversichtlich: «Erste Interessenten haben sehr positiv reagiert. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.» Nun müssen sich «RETO.e» und «BEAT.e» auf dem Markt bewähren.

Quelle: 
Viktor Meili AG

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.