Der schöne Platz und das dampfende Biest

Der schöne Platz und das dampfende Biest

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Teaserbild-Quelle: zvg
Der Platz und das Biest

Wo sich viele Leute im öffentlichen Raum aufhalten, kann es schnell dreckig werden. Ist auch noch der Bodenbelag heikel, kommen die kommunalen Reinigungsteams an ihre Grenzen. Im deutschen Freiburg setzt man seit letztem Sommer eine Schweizer Neuentwicklung ein: Das Steambeast reinigt mit Niederdruck-Wasserdampf schonend und gleichzeitig besser als die Konkurrenz.

Anfang August letzten Jahres feierte man in Freiburg im Breisgau ein schönes Fest. Nach 15 Jahren Planung und 16 Monaten Bauzeit wurde der 130 mal 130 Meter grosse Platz der Alten Synagoge feierlich der Bevölkerung übergeben. 9,3 Millionen Euro hat sich die südbadische Stadt, die rund 50 Kilometer nördlich von Basel liegt, den Umbau des historisch wichtigen Platzes kosten lassen.

Oberbürgermeister Dieter Salomon erinnerte an die dunkle Geschichte des Ortes, an dem während der Reichskristallnacht 1938 die Synagoge in Flammen aufging. Ein Brunnen mit zwölf Wasserfontänen wurde eingeweiht. Dieser Brunnen ermögliche ein würdiges Gedenken – er sei ein Mahnmal, aber auch ein lebendiger Ort: «Denn Wasser symbolisiert Leben», sagte der Oberbürgermeister laut der «Badischen Zeitung». Auch auf die städtebauliche Bedeutung ging der Magistrat ein. Der Platz werde zu Freiburgs «neuer urbanen Mitte» werden.

Die Bevölkerung nahm den Platz gut an, nachdem im Vorfeld viel über Sinn und Unsinn des Projekts diskutiert wurde. Dabei half sicher auch, dass der Platz nach Plan eigentlich erst im November hätte eingeweiht werden sollen. «Doch die sizilianische Pflästerertruppe hat dermassen aufs Tempo gedrückt, dass nun schon im Hochsommer bei annähernd süditalienischen Temperaturen die neue Freiburger Mitte frei gegeben werden konnte», schrieb die «Badische Zeitung» zur Einweihung.

Boden nicht versiegelt

Doch die Freude über die neue öffentliche Fläche hielt nicht lange. Nur eine Woche nach der Eröffnung machte sich bei den Verantwortlichen der 230 000 Einwohner zählenden Stadt bereits Ernüchterung breit. Der Grund: Die Bodenplatten aus hellem Granit aus dem Bayerischen Wald waren total verdreckt. Dabei hatte man doch extra wegen vermuteten Reinigungsproblemen auf den zunächst favorisierten Sandstein verzichtet.

Es gab sogar eine Steinkommission, die sich mit der Materialfrage beschäftigte. Am Ende waren auf dem Parkplatz des Technischen Rathauses verschiedene Platten ausgelegt. Diese wurden vom gesamten Bauauschuss begutachtet, bevor die Entscheidung getroffen wurde.

Doch nun war auch der bei Sonnenlicht fast blütenweisse Granit mit dunklen Flecken von Kaugummis, Kaffee und Glace übersät. Besonders schlimm war es entlang der Sitzflächen. Ein paar Spassvögel hatten sogar mit Ketchupflaschen Parolen auf den Granit gesprüht. Und laut Medienberichten hatte eine Gruppe die tolle Idee, den neuen Platz mit einer Grillparty einzuweihen – das Feuer wurde natürlich direkt auf dem Boden entfacht.

Die «Sauerei» erstaunt Reinigungsexperten nicht. Denn die Granitplatten wurden nicht versiegelt. Aus Sicht der Stadtreinigung ein ziemlich dummer Entscheid: «Wieso das nicht gemacht wurde, weiss ich nicht», sagt Michael Broglin, Geschäftsführer der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg (ASF), auf Anfrage. Die ASF habe während der Planung rechtzeitig das Thema Reinigung angesprochen.

«Casting» der Putzmaschinen

Der Super-GAU bestätigte sich, als sich die Mitarbeiter der ASF erstmals ans Putzen des Platzes machten: Mit den vorhandenen Geräten konnte man schrubben, kehren und wischen so viel man wollte – die Flecken blieben.

Der ASF blieb nichts anderes übrig als Spezialfahrzeuge zu testen. Sechs Hersteller schickten ihre besten Maschinen ins Breisgau zum kommunalen Reinigungscasting unter erschwerten Bedingungen. Einige scheiterten an der Herausforderung, etwa an hartnäckigen Ketchupflecken. Andere eliminerten zwar die Flecken, beeinträchtigten aber die Fugen zu stark. Denn statt einer festen wurde eine lose Verfugung verwendet.

Nach den ausführlichen Tests setzte sich, für ein Casting eher unüblich, ein Schweizer Biest durch: Das Steambeast der Zaugg AG Eggiwil, das an der Suisse Public letzten Sommer Weltpremiere feierte. Das Reinigungsfahrzeug holte sich den Sieg ohne den Einsatz von Chemie, nur mit Wasserdampf. Rund 350 000 Euro, in etwa das Doppelte einer normalen Kehrmaschine, musste die baden-württembergische Stadt dafür hinblättern. Freiburg war der erste Kunde, der sich für die neue Maschine entschied.

Sanftes, aber starkes Monster

Als Trägerfahrzeug für das Steambeast dient ein speziell angepasster Geräteträger mit Allradsteuerung des Typs VM 1300 der Schweizer Firma Viktor Meili AG mit einer Breite vom 135 Zentimetern und einer Leistung von 135 PS. Das Fahrzeug kann mit einem normalen Führerschein gefahren werden. Auf dem rückwärtig aufgebauten Tragrahmen ist der kombinierte Tank für Frisch- und Schmutzwasser sowie Diesel montiert. Der Reinigungsaufbau wird über ein spezielles Display in der Trägerfahrzeugkabine gesteuert.

Das eigentliche «Dampfbiest» befindet sich an der Front: Der spezielle Reinigungskopf, der in einem Gehäuse aus rostfreiem Stahl untergebracht ist, enthält eine rotierende Bürste und das 120 Zentimeter breite, vorgelagerte Dampffeld. Mittels der hydraulischen Frontaushebung ist der gesamte Reinigungskopf für den Transport in der Höhe verstellbar. Bei Bedarf kann die Vorrichtung auch während der Reinigung um mehr als 30 Zentimeter seitlich verstellt werden. Die Besenwelle ist gelenkig gelagert und kann durch zwei  Hydraulikzylinder innerhalb des Gehäuses angehoben werden.

Mit zwei Stellschrauben wird der Kehrspiegel der Bürste eingestellt, wenn sich diese in der Schwimmstellung befindet. Der Reinigungskopf läuft auf vier Lenkrollen, bei welchen mit Distanzplatten der Abstand des Reinigungskopfes zum Boden eingestellt werden kann.

Beim vom Steambeast verwendeten Reinigungsverfahren handelt es sich um einen lärmarmen, thermo-mechanischen Prozess. Frischwasser wird in am Dieseltank angeschraubten Boilern zu Niederdruck-Dampf aufbereitet. Mit diesem wird die zu reinigende Oberfläche im Reinigungskopf flächig beaufschlagt und befeuchtet. Dies weicht den hartnäckigen Dreck auf und zersetzt die Verschmutzungen schonend.

Anschliessend werden sie mit der rotierenden Bürste mechanisch von der Oberfläche entfernt. Die der Bürste nachgelagerte Sauglippe nimmt dann die entfernten Schmutzpartikel und das verbliebene Kondenswasser auf. Mit dieser Methode kann selbst Unkraut entfernt werden, das in Fugen wächst. Je nach Art der Verschmutzung gibt es zudem die Möglichkeit einer Vorbehandlung: So kann ein mobiler Hochdruckreiniger oder ein analoges Kleingerät direkt an das Steambeast angeschlossen werden.

«Man benötigt nur sehr wenig Wasser und erzielt trotzdem eine ausserordentlich grosse Flächenleistung», sagt Rolf Egli, Kommunikationsverantwortlicher der Zaugg AG Eggiwil. «Die Reinigungswirkung ist so eindrücklich wie schonend. Die verschiedenartigsten Oberflächen, auch die heiklen, werden nicht abgenutzt oder zerstört und auch Fugen werden nicht ausgeschwemmt.»

Der einzige Wermutstropfen – nebst dem hohen Preis – ist die Temperaturanfälligkeit des Dampfes: «Im Winter kann das Steambeast nicht eingesetzt werden», so Egli.

Sauberer dank Umkehrosmose

Das bestätigt ASF-Geschäftsführer Michael Broglin: «Bei Temperaturen unter sechs Grad ist der Dampf nicht mehr genug heiss für die Reinigung.» Dann wird der Platz der Alten Synagoge nur mit einer herkömmlichen Kehrmaschine gereinigt. Das ist laut Broglin aber kein Problem: «Wenn es so kalt ist, wird der Platz weniger genutzt. So ist es automatisch auch weniger dreckig.»

Bei wärmeren Temperaturen ist man mit dem Steambeast hingegen sehr zufrieden: «Wir können den Urzustand nicht mehr herstellen, das ist klar. Aber dank dem Steambeast können wir den Platz in einem Zustand erhalten, mit dem fast alle zufrieden sind.»

Einen Trick verrät Broglin noch: Im Steambeast verwendet die ASF nur mittels Umkehrosmose behandeltes Wasser. «Das Wasser hat dann ähnliche Eigenschaften wie destilliertes Wasser. Es ist absolut rein und der Schmutz dockt viel besser am Wasser an.» Der Unterschied in der Reinigungsleistung sei im Vergleich zu normalem Wasser klar sichtbar.

Im Moment wird das Steambeast nur auf dem Platz der Alten Synagoge eingesetzt. Lohnt sich alleine dafür die Anschaffung einer teuren Spezialmaschine? Schliesslich sagt selbst Rolf Egli von der Herstellerfirma, dass die Anschaffung des Steambeasts nur sinnvoll sei, wenn man das Kommunalfahrzeug auch auslasten könne. «Nein», bestätigt Michael Broglin. Doch gegenwärtig wird ein grosser Teil der Freiburger Innenstadt komplett umgebaut. «Die Fussgängerzone wird mit hellem Basalt aus Vietnam gepflastert. Dort werden wir Steambeast künftig auch einsetzen. Dann wird es mehr als ausgelastet sein.»

Ob die Oberfläche diesmal versiegelt wird, weiss Broglin nicht. Nach den Erfahrungen mit dem Platz der Alten Synagoge kann man es ihm nicht verübeln, wenn er  reinigungstechnisch schon einmal mit dem Schlimmsten rechnet.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. In den Online-Kommentarspalten der «Badischen Zeitung» übertreffen sich die Bürger gegenseitig mit mehr oder weniger ernstgemeinten Ratschlägen an die Verantwortlichen. Einer nimmt es hingegen sehr gelassen: «Die Russen haben einen roten, wir einen fleckigen Platz.»

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.