Hart am Wind

Hart am Wind

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Fast 100 Meter ragen die Masten in den Himmel, langsam, fast schon majestätisch, drehen sich die riesigen Rotorblätter. Windparks wie jener auf dem Mont Crosin im Berner Jura stehen für den Aufbruch in ein neues Energiezeitalter. Sie lassen von einer Zukunft träumen, in der bei der Energieherstellung kaum noch CO2 und kein radioaktiver Müll anfallen.

Windenergie boomt in der Schweiz. Immer mehr Gemeinden und Städte orientieren sich an der Vision 2000- Watt-Gesellschaft. Sie wollen den Energiekonsum massiv senken und den restlichen Bedarf mit erneuerbaren Energiequellen decken. Zudem haben diverse Städte und Kantone die Absicht, längerfristig auf Atomstrom zu verzichten. Sie gehören zu den treibenden Kräften beim Bau von neuen Windanlagen. So wollen beispielsweise die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich (EWZ) bis im Jahr 2018 jährlich 100 bis 200 Gigawattstunden Strom aus Windkraft beziehen. Die Services Industriels de Genève (SIG) haben es sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 zwischen 350 und 400 Gigawattstunden Windenergie zu produzieren. Weitere Stromkonzerne, etwa die BKW FMB Energie AG oder die Industriellen Werke Basel (IWB) investieren in Windprojekte im In- und Ausland.

Rund 700 Projekte in Planung
Auch der Bund will künftig mehr Strom aus Windproduktion ins Schweizer Netz fliessen lassen: Im Energiegesetz von 1999 ist festgehalten, dass bis ins Jahr 2030 hierzulande rund 600 Gigawattstunden produziert werden sollen – das ist rund ein Prozent des landesweiten Stromverbrauchs des Jahres 2006. Rund 200 Windturbinen mit einer Leistung von je zwei Megawatt wären gemäss Berechnungen des Bundes dafür nötig.
Das Potenzial der Windkraft in der Schweiz wäre damit noch lange nicht ausgeschöpft, ist man bei Suisse Eole überzeugt. Die Vereinigung zur Förderung der Windenergie geht davon aus, dass bis ins Jahr 2035 bis zu 1500 Gigawattstunden produziert werden können. Bis 2050 seien gar 4000 Gigawattstunden möglich. Das wären immerhin rund sieben Prozent des aktuellen landesweiten Stromverbrauchs – und rund 1000 Gigawattstunden mehr als das kleinste Schweizer Atomkraftwerk Mühleberg jährlich produziert. Dafür müssten rund 800 Windanlagen mit je 2,5 Megawatt Leistung gebaut werden.

Solche Erträge liegen heute jedoch in weiter Ferne. Ende 2010 sind, verteilt auf acht Standorte, 28 grössere Anlagen in Betrieb. Sie liefern pro Jahr rund 75 Gigawattstunden Energie. Fast die Hälfte davon, nämlich 32 Gigawattstunden, tragen die acht im letzten Jahr fertiggestellten Windturbinen auf dem Mont Crosin bei. Ins Gewicht fällt diese Ausbeute noch nicht: Ein Laufwasserkraftwerk wie etwa jenes in Aarberg liefert mehr Strom als alle bestehenden Windanlagen zusammen.

Damit sich das rasch ändert, fördert der Bund die Nutzung von Wind und anderen erneuerbaren Energiequellen gezielt, namentlich mit der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), die Anfang 2009 eingeführt worden ist. Für Windenergie beträgt diese Vergütung, abhängig von der Anzahl Betriebsjahre der Anlage, zwischen 17 und 20 Rappen pro Kilowattstunde produziertem Strom. Damit sinkt für den Betreiber einer Windanlage das finanzielle Risiko: Er hat die Wahl, den Strom als zertifizierten Ökostrom zu verkaufen oder sich die Produktion über die KEV vergüten lassen, solange die Marktpreise für einen rentablen Betrieb zu tief sind.

Die Lancierung dieses Förderinstruments hat eine Flut von Gesuchen für neue Windkraftprojekte ausgelöst: Für gut 700 Vorhaben wurde eine Einspeisevergütung beantragt. Bisher haben etwa 400 Projekte vom Bundesamt für Energie einen positiven Bescheid erhalten. Rund 290 weitere standen Ende 2010 noch auf der Warteliste. Die Anträge können derzeit nicht behandelt werden, weil der Fördertopf für Windenergie ausgeschöpft ist. Eine Revision der Energieverordnung soll dafür sorgen, dass auch diese Projekte bald eine Zusage bekommen. Im Sommer 2010 ist dazu eine Erhöhung des Maximalzuschlags auf Strom zur Förderung erneuerbarer Energien beschlossen worden: Ab 2013 sollen dadurch jährliche Fördermittel von rund 500 Millionen Franken zur Verfügung stehen – bis anhin sind es rund 265 Millionen Franken.

Spürbarer Gegenwind
Von einem Ausbau der Windenergie in der Schweiz können auch viele Gemeinden profitieren. Zum einen ermöglicht er es den Energiestädten, die Nachfrage nach Ökostrom künftig vermehrt aus einheimischer Produktion zu befriedigen und so den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft näher zu kommen. Zum anderen ist der Bau von Windanlagen für die Standortgemeinden ein interessantes Geschäft: Oft buhlen mehrere Unternehmen – meist Stromversorger der öffentlichen Hand – um einen besonders günstigen Standort. Dadurch können die Landbesitzer attraktive Preise für das Baurecht erzielen. Dass sich gerade in kleinen Gemeinden ein Windpark äusserst positiv aufs Budget auswirken kann, zeigt das Beispiel der jurassischen 200-Seelen-Gemeinde Saint-Brais. Seit hier der Bürgerwindpark mit seinen zwei Windrädern für das EWZ Strom produziert, schreibt die Gemeinde wieder schwarze Zahlen. Zudem kann die Standortregion – sofern ein Förderkonzept vorhanden ist –auf eine Belebung des Tourismus hoffen. So ist der Windpark auf dem Mont Crosin gemäss der Anlagenbetreiberin Juvent SA ein regelrechter Publikumsmagnet: «Die rund 50 000 Besucher, die wir jährlich empfangen, erbringen eine lokale Wertschöpfung von rund einer Million Franken pro Jahr», sagt das Unternehmen auf Anfrage.

Auf den ersten Blick haben von neuen Windanlagen alle Beteiligten etwas: Die Konsumenten können grünen Strom beziehen, die Politik kommt ihren Energiezielen näher, für Betreiber dank der KEV und für Standortgemeinden sind die Anlagen ein gutes Geschäft. Doch die Windenergie hat auch ihre Schattenseiten. Je mehr Anlagen gebaut werden, desto grösser wird die Fraktion ihrer Kritiker: Anwohner haben Angst vor Lärmemissionen, Schatten- und Eiswurf. Naturschützer befürchten, dass die Windräder Vögel und Fledermäuse erschlagen. Landschaftsschützer sehen durch die hohen Türme die Naturschönheit des Landes bedroht. Im Kanton Neuenburg, der nach einer Berechnung von Suisse Eole 66 Prozent seiner Haushalte mit Windenergie versorgen könnte, hat sich der Widerstand mittlerweile in einer Volksinitiative verdichtet. Sie verlangt, dass jeder Bau einer Windanlage dem obligatorischen Referendum auf Kantonsebene unterliegen soll. Die Initianten befürchten, dass andernfalls der Jurabogen unkontrolliert mit Windanlagen bebaut wird und die geschützte Landschaft dadurch zu einem «Industriegebiet» verkommt.

Mehr Koordination tut Not
Ganz unbegründet sind solche Befürchtungen nicht. Denn der Bund fördert zwar den Bau von Windkraftwerken – zu bestimmen, wer wo eine Anlage baut, liegt aber – wie bei Bauvorhaben üblich – in der Planungshoheit von Kantonen und Gemeinden. Dass es bei der Koordination der Planung an den Kantonsgrenzen zu Schwierigkeiten kommen kann, zeigt das Projekt «Windpark Burg» im Grenzgebiet von Solothurn und Aargau: Auf dem Land der solothurnischen Gemeinde Kienberg sollen drei bis vier Windräder mit je zwei Megawatt Leistung gebaut werden. Vom Kanton Solothurn wurde das Gebiet im Richtplan als möglicher Standort eines Windparks ausgeschieden. Entstünde hier eine Anlage, wäre das für die Standortgemeinde Kienberg eine erfreuliche Sache: «Insgesamt könnte Kienberg mit dem Windpark jährlich bis zu 120 000 Franken verdienen», sagt Gemeindepräsident Christian Schneider.

Nicht begeistert ob Kienbergs Plänen ist man in der Nachbargemeinde Wölflinswil, die im Kanton Aargau liegt. Von hier aus werden die Windräder deutlich besser zu sehen sein als in der solothurnischen Standortgemeinde. «Aus unserer Sicht sind noch sehr viele Fragen offen», sagt Rolf Dunkel, Gemeindeschreiber von Wölflinswil. Unter anderem bereiten den Wölflinswilern die möglichen Lärmemissionen, der Schattenwurf sowie die Veränderung im Landschaftsbild Sorge. Obwohl sie die Lasten des Windparks tragen müssten, erfuhren sie von der laufenden Richtplananpassung im Nachbarkanton nur zufällig. Zudem stand ihnen kein Rechtsmittel gegen den Entscheid des Regierungsrates bei der Festsetzung des Gebiets Burg zur Verfügung. «Von Behördenseiten waren uns die Hände gebunden», sagt Dunkel. Gelingt es den Initianten des Windparks nicht, die Bedenken der Aargauer zu zerstreuen, müssen sie mit Einsprachen rechnen, welche den Bau verzögern oder gar verhindern könnten.
Solche Scharmützel sind ein Grund dafür, dass die Schweiz mit dem Bau von Windanlagen nur langsam vorankommt. Doch auch dort, wo es kaum Opposition gegen ein Projekt gibt, ist der Weg zur Realisierung weit. So dauerte das Bewilligungsverfahren für den Ausbau des Windparks auf dem Mont Crosin ganze neun Jahre – obwohl er von der Bevölkerung weitestgehend befürwortet wurde. «Im mehrstufigen Planungs- und Bewilligungsverfahren waren gegen 30 untereinander nicht koordinierte Behörden und Amtsstellen auf Ebene Bund, Kanton und Gemeinden einzubeziehen», klagt Roger Lüönd von der BKW FMB Energie AG.

Beschleunigen lässt sich dieses Verfahren auf Grundlage der geltenden Gesetze kaum, besser koordinieren jedoch sehr wohl. Das haben die Bundesämter für Energie (BFE), Umwelt (BAFU) und Raumentwicklung (ARE) erkannt und im Frühjahr 2010 eine «Empfehlung zur Planung von Windenergieanlagen» herausgegeben. Diese soll Kantonen und Gemeinden Grundlagen für eine einheitliche Beurteilungspraxis in die Hand geben und Kriterien liefern, um Nutzen und Lasten eines Kraftwerkbaus abzuwägen. Allerdings sind die Empfehlungen unverbindlich, was Bernhard Piller von der Schweizerischen Energiestiftung (SES) bedauert: «Es wäre wünschenswert, eine landesweite Richtlinie zu haben, wie es sie für den Bau von Überlandleitungen gibt.» Für Reto Rigassi, Geschäftsführer von Suisse Eole, hingegen ist es dafür zu spät, weil verschiedene Kantone ihre Richtpläne bereits entsprechend angepasst haben: «Ein nationales Konzept wäre unter diesen Umständen schwierig, zumal die Voraussetzungen in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich sind und die Planung für Windenergieanlagen gemäss geltendem Recht klar in die Kompetenz der Kantone fällt. Trotzdem kann es sinnvoll sein, wenn benachbarte Kantone mit ähnlichen Voraussetzungen sich bei der weiteren Entwicklung koordinieren. Dies darf aber nicht bedeuten, dass man jetzt wieder bei null anfängt.» Die Kantone seien durchaus in der Lage, kluge Standorte auszuwählen und bei der Planung der Anlagen Interessenskonflikte durch gute Kompromisse beizulegen, sagt Rigassi.

Technik bleibt nicht stehen
Dass nicht alle der 700 Windkraftwerkprojekte realisiert werden können, die sich bisher um eine Einspeisevergütung beworben haben, ist so gut wie sicher: Denn das BFE prüft die Vorhaben nicht auf ihre Qualität. Einige werden bereits daran scheitern, dass es am geplanten Standort am Elementarsten fehlt – am Windaufkommen. Namentlich aus topografischen Gründen ist es nämlich schwierig, im Vorhinein verbindliche Aussagen zu machen, wo der Wind tatsächlich stark genug bläst. Dazu sind mehrmonatige Messungen am geplanten Standort nötig. Nicht immer zeigen diese das gewünschte Resultat. So mussten etwa die Elektrizitätswerke Davos (EWD) und Zürich (EWZ) kürzlich ein Projekt auf dem Flüelapass begraben – unter anderem, weil sich herausstellte, dass die Windgeschwindigkeiten zu niedrig waren.

Diese Probleme werden vom technischen Fortschritt teilweise wettgemacht: Anlagen werden heute deutlich höher gebaut also noch vor wenigen Jahren. Damit profitieren sie vom stärkeren und gleichmässigeren Wind in höheren Lagen – und produzieren folglich mehr Strom. Zudem habe sich dank längeren Rotorblättern auch die Ausbeute der Anlagen verbessert, sagt Reto Rigassi. Mittlerweile erreichten Windturbinen an sehr guten Standorten in der Schweiz jährlich zwischen 2000 bis 2500 Volllaststunden – ähnlich viele wie Anlagen an der Nordsee. Dank dem Fortschritt bei den kantonalen Planungen, die unter Einbezug der relevanten Akteure, sollten sich die Realisierungszeiten künftig verkürzen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist man bei Suisse Eole überzeugt, dass in der Schweiz schon in den nächsten Jahren eine Vielzahl neuer Anlagen fertiggestellt werden – allen Widerständen zum Trotz. Mediensprecher Markus Ahmadi sagt: «Wir schätzen, dass wir bis in zehn Jahren die Windstromproduktion verzehnfachen können.»

Autoren

Marcel Müller
Chefredaktor Bauwelt.ch / ehemaliger Chefredaktor Kommunalmagazin