Der Weg ist noch weit

Der Weg ist noch weit

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«Die 2000-Watt-Gesellschaft ist keine Utopie.» Das sagt Michael Kaufmann, Vizedirektor des Bundesamts für Energie (BFE) und Leiter von EnergieSchweiz. «Technologisch existiert sie bereits.» Aller Zuversicht zum Trotz ist auch Kaufmann klar, dass es noch ein weiter Weg ist, bis der Pro-Kopf-Verbrauch an Primärenergie in der Schweiz bei 2000 Watt liegt. Denn auch wenn effiziente Technologie heute schon vorhanden ist, wird es viel Zeit und Geld kosten, Gebäude, Geräte und Fahrzeugparks entsprechend umzurüsten. Deshalb soll das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft über einen Absenkpfad erreicht werden, auf dem der Energieverbrauch pro Einwohner schrittweise verringert wird.

Engagement lohnt sich

Dies geschieht seit rund einem Jahr im Projekt «Energiestädte auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft». Es ist Teil des Bundesprogramms «EnergieSchweiz für Gemeinden» und ermöglicht es Gemeinwesen, ihren Energieverbrauch mit dem Durchschnittswert von 6300 Watt zu vergleichen. Am Beispiel von sechs Gemeinden zog Energie Schweiz ein erstes Zwischenfazit: Zürich, Buchs, Planken, Erstfeld, Illnau-Effretikon und Vevey gehören zu den rund 250 zertifizierten Energiestädten der Schweiz. Weil sie sich nachweislich um Energieeinsparungen bemühen, wurden sie für dieses Benchmarking ausgewählt.

Die wohl wichtigste Erkenntnis der Analyse ist, dass Engagement in jedem Fall etwas bringt. Denn in allen sechs Gemeinden liegt der Primärenergieverbrauch mindestens 20 Prozent unter dem schweizerischen Durchschnittswert. Am besten abgeschnitten hat die Gemeinde Erstfeld im Kanton Uri. Ihre Einwohner verbrauchen rund 3400 Watt Primärenergie – und damit rund 45 Prozent weniger als der Durchschnittsschweizer. Dieser konsumiert 6300 Watt energetische Dauerleistung.

Die Werte der anderen untersuchten Städte lagen bei rund 5000 Watt pro Einwohner (Zürich, Vevey), 4500 Watt (Planken, Illnau-Effretikon) sowie bei 4200 Watt (Buchs). Damit haben alle sechs untersuchten Energiestädte bereits heute das Etappenziel des Absenkpfades für das Jahr 2020 (5160 Watt) mehr oder weniger deutlich unterschritten. Gemessen und berechnet wurde der Verbrauch von fossilen Energieträgern wie Heizöl und Gas, von Treibstoffen, Strom, erneuerbaren Energien und Abwärmenutzung.

Für Kurt Egger, Leiter des Gemeindeprogramms von EnergieSchweiz, beweist gerade das gute Abschneiden von kleinen Gemeinden, dass es beim Energiesparen nicht auf die Grösse ankommt: «Auch kleine Gemeinden haben grosses Potenzial.»

Die relativ deutlichen Unterschiede zwichen den untersuchten Energiestädten erklären sich laut Egger vor allem durch die unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen der sechs untersuchten Gemeinden: Diesbezüglich hatte etwa Zürich eine deutlich schlechtere Ausgangslage als Erstfeld, das relativ wenig Industrie aufweist.

Noch viele Fragezeichen

So erfreulich die Resultate auf den ersten Blick auch sind: Die Untersuchung von EnergieSchweiz lässt eine ganze Reihe von Fragen unbeantwortet. Weil es keine Werte aus der Vergangenheit gibt, lässt sich nicht genau sagen, wie sich die Energiebilanzen der sechs Städte entwickelt hätten, wenn keine Senkungsmassnahmen ergriffen worden wären. Insofern bleibt unklar, wie weit sich die Gemeinden bisher tatsächlich vorwärts bewegt haben. Michael Kaufmann, Vizedirektor des Bundesamts für Energie (BFE) und Programmleiter von EnergieSchweiz, nannte diesen Mangel denn auch die «Schwäche» des Projekts. Künftig sollen die Zahlen vergleichbar sein.

Zudem gibt es bei einer solchen Untersuchung methodische Probleme: So wurde etwa die sogenannte graue Energie, die für Produktion und Transport von Produkten benötigt wird, nicht berücksichtigt – obwohl die Schweiz mehr graue Energie importiert als exportiert, diese also einen negativen Einfluss auf den Energieverbrauch in der Schweiz hat. Kurt Egger betont denn auch, dass man es bei solchen Bilanzierungen des Energieverbrauchs «nicht mit einer exakten Wissenschaft» zu tun habe. Vielmehr ergäben die Resultate «eine plausible und nachvollziehbare Standortbestimmung» für die sechs Städte.

Missverständlich ist darüber hinaus auch die Tatsache, dass sich die Werte pro Einwohner nicht auf die tatsächlich verbrauchte Endenergiemenge beziehen, sondern auf die Primärenergie. So schneidet die Gemeinde Erstfeld nicht zuletzt deshalb so gut ab, weil sie ihren Strom vollumfänglich aus erneuerbaren Energien bezieht. Dadurch spart sie selbst dann Primärenergie, wenn der Endverbrauch ihrer Bürger um kein Watt sinkt.