Sanierung: Innovationen für sichere Brücken

Sanierung: Innovationen für sichere Brücken

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Teaserbild-Quelle: Impregna GmbH

Tausende von Brücken prägen das Landschaftsbild der Schweiz. Nach dem Brückeneinsturz von Genua ist deren Kontrolle und Sanierung wichtiger denn je. In Andelfingen ZH wurde eine kleine Stahlseilhängebrücke mit neuen Methoden und Materialien instand gestellt.

Brückensanierung Stahlseilhängebrücke in Andelfingen ZH
Quelle: 
Impregna GmbH

Die Spezialisten klettern auf der Brücke in Andelfingen herum. Die Abwasserleitung wurde temporär an den Pylonen aufgehängt.

Von Brigitt Hunziker Kempf*

Die Topografie der Schweiz hat es in sich. Täler und Flüsse zie­hen sich durch die Landschaf­ten. Und schon seit Menschengedenken werden für schnelleres Vorankommen Brücken über diese natürlichen Hinder­nisse gebaut. Brücken sind verbindend. Sie prägen das Bild in den einzelnen Gemeinden.

So auch die kleine, aber für die Re­gion wichtige Stahlseilhängebrücke in Andelfingen ZH mit ihren 60 Metern Spannweite. Der Fussgängerübergang wurde Anfang der 1970er-Jahre erbaut und ist eigentlich nur eine «Nebenerscheinung» einer über den Fluss Thur führenden Abwasserleitung. Abwasser, welches von der benachbarten Gemein­de Kleinandelfingen auch heute noch durch diese Leitung in Richtung der Kläranlage Andelfingen gepumpt wird. Täglich fliesst Abwasser von rund 1400 Anwohnern durch das Rohr.

«Auch vie­le Spaziergänger benützen die Brücke täglich und sie gehört für die Kinder zu ihrem offiziellen Schulweg», erklärt Peter Müller. Er ist Gemeinderat von Andelfingen und Präsident des Zweck­verbandes ARA Andelfingen. Dem Ver­band gehören fünf Gemeinden an, die auch Besitzer des Bauwerks sind. Jähr­lich wird die Seilbrücke von ihren Besit­zern mittels einer Checkliste kontrolliert. «Uns ist die Sicherheit der Benutzer der Brücke sehr wichtig», so Müller.

Zeit verursacht Wunden

Während der letzten Jahre wurde klar ersichtlich: Die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Schäden am Korrosionsschutz, Betonabplatzungen sowie lokale Rostbildungen waren zu erkennen. Auch das Tragseil, welches der Brücke seine auf­fällige Form verleiht und den Steg trägt, ist in die Jahre gekommen. Die Korro­sion nagt unermüdlich an den Stahlseilen, dadurch vermindert sich die Trag­fähigkeit der Brücke und die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet.

Gemäss Berichterstattung in den Medien könnte dieses Szenario im Au­gust den tragischen Einsturz der Moran­di-Brücke in Genua verursacht haben. Soweit wird es in Andelfingen nicht kommen. «Uns war bewusst, wir müssen handeln. Ein Abbruch der Brücke kam für uns aber nie in Frage. Wir wollten unsere heimische Brücke behalten, dies vor allem auch für die Bevölkerung», sagt Müller. Im Mai 2018 starteten die Sanierungsarbeiten. Rund zehn Unter­nehmen und ihre Spezialisten waren an der Sanierung des Bauwerks beteiligt.

Handarbeit in der Höhe

Das Ingenieurunternehmen Hunziker Betatech AG entwickelte ein Instand­setzungskonzept. Denn für die Sanie­rung der kleinen Brücke plante man Spezielles. Häufig werden während Kor­rosionsschutz-Arbeiten Bauwerke in die­ser Grösse kostspielig eingehaust. «Wir haben uns für ein anderes, günstigeres, innovatives Verfahren entschieden», er­klärt Sandro Mazzier, Bauleiter des In­genieurunternehmens.

Ein Abbruch der Brücke kam für uns nie in Frage. Wir wollten unsere heimische Brücke behalten, vor allem auch für die Bevölkerung.

Peter Müller, Gemeinderat und Präsident Zweckverband ARA Andelfingen
Peter Müller, Gemeinderat und Präsident Zweckverband ARA Andelfingen

Die Firma Impregna GmbH aus Urdorf ZH erledigt Korrosionsschutzarbeiten un­ter anderem an Hochspannungsmasten. Die Mitarbeiter klettern in beeindrucken­den Höhen und streichen in Handarbeit die vorgängig gereinigten Bauwerke mit speziellen Beschichtungsmitteln und Pin­seln an. Diese Kletterspezialisten kamen diesen Sommer nach Andelfingen und nahmen sich der Seilbrücke an. In rund zwölf Tagen waren teilweise bis zu 25 Männer vor Ort und haben in drei Arbeits­gängen mittels Pinseln die Konstruktion mit einem hochwertigen Korrosionsschutz versehen. Dank dieser sanften Vorgehensweise wurden das Gewässer und die Umgebung zu keinem Zeitpunkt durch Schadstoffe gefährdet.

 

Brückensanierung Stahlseilhängebrücke in Andelfingen
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Impregna GmbH

Bei der Brückensanierung wurden Korrosionsschutzarbeiten wie auf einem Strommasten durchgeführt.

Eine weitere Innovation rund um die Sanierung sind die neuartig entwickelten Betonplatten, welche eingebaut wurden. Diese CPC-Betonplatten basieren auf der «carbon prestressed concrete»-Technologie, welche während eines langjährigen Forschungsprojekts von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur gemeinsam mit der Silidur AG aus Andelfingen entwickelt wurde.

Die Platten sind mit dünnen vorge­spannten Carbonlitzen bewehrt. Da Carbon eine sehr hohe Zugfestigkeit aufweist und nicht korrodiert, können dünne aber trotzdem tragfähige Beton­platten hergestellt werden. «Die Brücke ist eine der ersten, die mit solchen Platten bestückt worden ist», freut sich Sandro Mazzier.

Aufwand hat sich gelohnt

Während der ganzen Sanierungsphase floss das Abwasser wie gewohnt reibungslos durch die Röhren. Den Be­triebsleiter der Kläranlage, Matthias Gisler, freut dies: «Es war eine Heraus­forderung, aber alles hat gut funktio­niert. Wir haben die Leitung für einen gewissen Zeitraum an den Pylonen auf­gehängt. Normalerweise ist diese aber unter der Brücke angebracht.»

Seit Ende September erstrahlt die Brücke nun in neuem Glanz. Der Auf­wand, die Organisation für die Sanie­rung der 120 Meter langen Brücke wa­ren nicht unbedeutend. «Aber die Aufwände und die Kosten von rund 900 000 Franken haben sich gelohnt. Das Mitei­nander während der Bauarbeiten hat super geklappt und die Brücke gefällt uns in ihrem neuen Zustand», so Peter Müller. Die Nutzungsdauer des Bau­werks wurde durch die Gesamtsanierung um 25 bis 35 Jahre verlängert. Viele Menschen werden in den kommenden Jahrzehnten über sie spazieren – und sie wird vielleicht auch dem einen oder anderen Hochwasser trotzen müssen.

*Brigitt Hunziker Kempf ist freie Journalistin aus Berg (Dägerlen) ZH.