Recyclingbaustoffe: Dem Primärbeton gleichwertig

Recyclingbaustoffe: Dem Primärbeton gleichwertig

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Teaserbild-Quelle: Gabriel Diezi

Sorgfältig wiederaufbereitetes Rückbaumaterial erfüllt alle Anforderungen, die an heutige Baustoffe gestellt werden. Dennoch kommen Recyclingbaustoffe noch zu wenig zum Zug, weil viele Bauakteure lieber am Bewährten festhalten. Für den Durchbruch braucht es ein Umdenken und wohl auch marktlenkende Massnahmen.

Recyclingbeton
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Gabriel Diezi

Jahr für Jahr fallen in der Schweiz 50 bis 60 Millionen Tonnen unverschmutztes Aushub- und Abbruchmaterial an. Dessen Aufbereitung zu Recyclingbaustoffen ist gelebtes «Urban Mining».

Oben auf dem grossen Abbruchhügel entledigt sich der Lastwagenfahrer seiner Fracht. Es stiebt und poltert, als er den Bauschutt im «Ebirec» in Rümlang ZH auskippt. Seit 1999 betreiben die Eberhard-Unternehmungen hier unmittelbar neben dem Zürcher Flughafen ein grosses Baustoffrecycling-Zentrum.

Angeliefert wird das aufzubereitende Rückbaumaterial getrennt nach Betonabbruch, Mischabbruch, kiesigem Material und Bausperrgut. Dies sei die Grundvoraussetzung für die Herstellung hochwertiger Recyclingbaustoffe, sagt Michael Strauss, Leiter Qualitätssicherung Baustoffe bei den Eberhard-Unternehmungen. «So können wir Beton- respektive Mischabbruch getrennt zu gebrochenem Granulat aufbereiten.»

Unbegründete Vorbehalte

Beton mit einem Anteil Recycling-Betongranulat, im Fachjargon RC-Beton C genannt, kann sowohl im Hoch- als auch im Tiefbau uneingeschränkt eingesetzt werden – als vollwertige Alternative zu Primärbeton aus natürlicher Gesteinskörnung, will heissen Kies. «Am sinnvollsten ist es jedoch, den zu Granulat aufbereiteten Betonabbruch im Hochbau einzusetzen», betont Strauss. «Dort ist das RC-Material gebunden und gut aufgehoben.»

Beton mit Granulat aus Mischabbruch, sogenannter RC-Beton M, eignet sich hingegen nur beschränkt für den Hochbau. Denn dieser schwindet, kriecht und biegt sich stärker durch als Primärbeton. Innen liegende und somit trockene bewehrte Wände, Decken und Treppen, Sauberkeitsschichten und Unterfangungen lassen sich aber sehr wohl mit RC-Beton M realisieren.

Eberhard produziert seine Recyclingbaustoffe nachweislich gemäss den geltenden technischen Normen. «Unsere RC-Produkte erfüllen insbesondere alle Anforderungen an die  mechanische Festigkeit und Standsicherheit, den Umweltschutz und einen rationellen Energieverbrauch in der Herstellung», sagt Strauss. Der Baumeister könne diese wie Primärbaustoffe, also «quasi blind» einsetzen. Dabei gelte zudem: gleiches Material, gleicher Preis.

Angesichts solcher Fakten überrascht es, wie hartnäckig sich die Vorurteile gegenüber Recyclingbaustoffen in der Branche halten – und den sinnvollen verbreiteten Einsatz rezyklierter Materialien verhindern.

Beim Einsatz von Recyclingbaustoffen kann gerade die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen.

Frank Straub
Frank Straub, CEO F. Preisig AG und Vorstandsmitglied Schweizerische Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen (Usic)

Verbindliche Vorgaben nötig

«Primärmaterialien sollen nur noch in Ausnahmefällen Anwendung finden, wo der Einsatz von Recyclingbaustoffen aus technischen Gründen noch nicht sinnvoll erscheint», verlangte Bauingenieur Frank Straub als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen (Usic) im Rahmen einer Veranstaltung seines Verbandes. In einem Positionspapier fordert die Usic grundsätzlich mehr Ressourceneffizienz im Bau (siehe Box unten).

Um dieses Ziel zu erreichen, seien alle beteiligten Akteure gefordert, betont der CEO des Ingenieurbüros F. Preisig AG. Politik und Behörden sollten Marktanreize schaffen, damit die Privatwirtschaft vermehrt in die Ressourceneffizienz investiere. Bauherren müssten verbindliche Vorgaben für den Einsatz von Recyclingbaustoffen machen und gemeinsam mit den Planern die Lebenszykluskosten – also den Aufwand für Planung, Bau, Unterhalt und Rückbau eines Bauwerks – stärker berücksichtigen (siehe auch Artikel «Lang lebe die Infrastruktur»). «Hier kann gerade die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie primär Recyclingbaustoffe nachfragt», so Straub.

Wie dies funktionieren kann, zeigt die Stadt Zürich beispielhaft. Sie macht bei ihren Bauten und Bauvorhaben mit städtischen Unterstützungsleistungen die folgenden verbindlichen Vorgaben bezüglich Recyclingbeton: «Grundsätzlich soll für alle technisch möglichen Anwendungen Recyclingbeton eingesetzt werden, falls dieser im Umkreis von 25 Kilometern verfügbar ist.» Mit Bauten wie dem 2009 eingeweihten Schulhaus Leutschenbach will die Stadt als Vorbild für andere Bauherren dienen.

Voraussetzung für die Erhöhung des Anteils an Recyclingbaustoffen am gesamten Input an mineralischen Baustoffen ist jedoch deren einwandfreie Qualität. «Gewährleistet wird diese durch eine rigorose Überprüfung der Rückbau- und Aufbereitungsprozesse», schreibt die Stadt in ihrer Ressourcenstrategie 2050, die sie im Jahr 2009 publizierte.

Mehr Marktanreize gefordert

Ein verbessertes Ressourcenmanagement sei ein wesentlicher Schlüssel für langfristige wirtschaftliche Stabilität und nachhaltige Lebensbedingungen. Davon ist die  Schweizerische Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen (Usic) überzeugt. Sie fordert deshalb in einem Positionspapier auch mehr Ressourceneffizienz im Bau:

  • Die Vorgaben der Bauherren müssen rezyklierte Baumaterialien aktiv fördern. Nur in begründeten Ausnahmefällen ist auf Primärmaterial zurückzugreifen.
  • Die Marktanreize zur vermehrten Investition in Ressourceneffizienz sind zu stärken.
  • Die Integration von Abbruch- und Rückbaumaterial als bewirtschaftbare Ressource ist zu fördern.
  • Das Lebenszykluskostenkonzept und die Integrierte Produktpolitik (IPP) sind vermehrt anzuwenden.
  • Die koordinierte Zusammenarbeit zwischen privaten und staatlichen Akteuren ist zu fördern.
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Fokus auf «urbane Reserven»

Tatsächlich ortet auch das Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo) das grösste Wiederverwertungspotenzial im Bereich der mineralischen Baustoffe wie Kies, Sand, Asphalt und Beton. Die Bauabfälle aus dem «Bauwerk Schweiz» betrugen 2015 rund 20 Prozent des benötigten Rohstoffinputs. «Eine möglichst weitgehende Aufbereitung von Bauabfällen und Aushub- oder Ausbruchmaterialien zu Sekundärrohstoffen kann einen wesentlichen Beitrag zum Schliessen offener Stoffkreisläufe und zur Senkung des Rohstoffbedarfs unddes Abfallaufkommens leisten», schreibt Swisstopo in einem 2017 veröffentlichten Bericht.

Ins gleiche Horn stösst Patric Van der Haegen, Bereichsleiter Entwicklung bei den Eberhard-Unternehmungen: «Pro Jahr fallen in der Schweiz 100 Millionen Tonnen Bauabfälle an, die für die Hälfte der negativen Umweltauswirkungen hierzulande verantwortlich sind.» Das müsse nicht sein, denn 50 bis 60 Millionen Tonnen davon seien überwiegend unverschmutztes Aushub- und Abbruchmaterial. Zudem sollte der Umstand, dass alleine in den Schweizer Städten rund 4 bis 5 Milliarden Tonnen Baustoffe als «urbane Reserve»  verbaut seien, zu einem Umdenken führen – und dies aus handfesten volkswirtschaftlichen und keineswegs nur kologischen Gründen. «Die Schliessung des Stoffkreislaufes reduziert die Abhängigkeit vom Ausland sowie die Anzahl Transporte und minimiert die negativen Auswirkungen des Abbaus unserer Kiesreserven gerade auf den Grundwasser- und Landschaftsschutz.»

Recycling-Kies nach Rezept

Wie man den Stoffkreislauf beim Rückbaumaterial ganz konkret schliesst, zeigt sich auf dem «Ebirec»-Gelände. Ein Radlader schnappt sich eine beachtliche Portion Mischabbruch und fährt sie zur Brech- und Sortieranlage. Zuerst zerkleinert der grosse 200-Kilowatt-Prallbrecher die Brocken mit einer Kantenlänge von bis zu 70 Zentimetern mithilfe von vier Schlagleisten à 400 Kilogramm. Das Resultat: Endkorn mit einem Durchmesser von maximal 150 Millimetern. Ein Horizontal-Prallbrecher mit einer Motorleistung von ebenfalls 200 Kilowatt kommt als Nachbrecher zum Einsatz: Die Korngrösse des Granulats beträgt danach maximal 63 Millimeter. Ein Überbandmagnet entfernt Armierungs- und andere Metallteile.

Diverse Siebanlagen mit einer Gesamtfläche von 60 Quadratmetern klassieren anschliessend das Mischmaterial in einzelne Kornfraktionen. In sogenannten Windsichtern werden verbliebene leichte Fremdstoffe wie Holz, Plastik oder Papier vom starken Luftstrom entfernt. Anschliessend verteilen Förderbandanlagen das gebrochene Granulat entweder nach Korngrössen getrennt in die Lagersilos oder die Materialien werden nach genau definierten Rezepten zu Recycling-Kiesgemischen in eine der 42 Boxen gefördert respektive für die
Betonproduktion verwendet.

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Quelle: 
Gabriel Diezi

Ein Radlader beschickt den grossen Prallbrecher mit Bauschutt.

«Machen statt reden»

Doch wer entscheidet in der Praxis, ob die aufwendig wiederaufbereiteten Recyclingbaustoffe auch tatsächlich im Bau eingesetzt werden? Bauherren interessieren sich normalerweise nicht für die Baumaterialien, weiss Michael Strauss von den Eberhard-Unternehmungen aus eigener Erfahrung: «Diese achten primär auf Funktion und Kosten.» Es stelle sich deshalb die Frage, wer Bauherren zum Einsatz von Recyclingbaustoffen bewegen könnte.

Architekten seien «oftmals selbst eher negativ gegenüber Recyclingbaustoffen eingestellt», und Bauunternehmer würden «das liefern, was der Kunde wünscht» und aufwendige Überzeugungsarbeit unterlassen, so Strauss. Aber auch Ingenieure würden nicht unmittelbar vom Baustoffrecycling profitieren und sich «primär für Bewährtes interessieren». Der Betonfachmann ruft deshalb dazu auf, den gordischen Knoten aus Unwissen, Gewohnheiten, Ablehnung von Neuem und entgegengesetzten Interessen zu durchtrennen. «Wir  brauchen keine Gesetzesänderungen und müssen nichts neu erfinden», sagt Strauss. «Wir müssen nur machen statt reden.»

Bauingenieur Cäsar Graf bestreitet nicht, dass in der Praxis zur Risiko- und Arbeitsminimierung zu oft «Copy-and-paste » betrieben werde. «Ingenieure werden als innovative Menschen mit Erfindergeist durch Kosteneffizienz, Termindruck und die grosse Anzahl Vorgaben gebremst», bedauert das Geschäftsleitungsmitglied der B+S AG. Da der Planer ein Projekt von Beginn an steuert, habe er gerade in der Projektierungsund Ausschreibungsphase grossen Einfluss auf die Wahl der Baustoffe.

Und diesen sollte er zur Reduktion negativer Umweltauswirkungen bei der Bautätigkeit nutzen, so Graf: «Es ist unsere Pflicht, rezyklierbare Baustoffe einzusetzen und die geeigneten Konzepte dafür bereitzustellen. Schliesslich wollen wir mit unseren Lösungen zu einer lebenswerten Mit- und Umwelt beitragen.»

Surftipps

«Nachhaltiges Bauen: Bedingungen für Werkleistungen (Hochbau)», Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB), Nachhaltigkeit im öffentlichen Bau (Eco-Bau) und Interessengemeinschaft privater professioneller Bauherren (IPB)

«Beton aus recyclierter Gesteinskörnung, Empfehlung 2007/2», KBOB, Eco-Bau und IPB

Empa-Flyer «Arbeiten mit Recyclingbeton» (Konstruktionsbeton aus recyclierter Gesteinskörnung)

«Aus Bauschutt entsteht neuer Beton», Fernsehbeitrag «3sat»-Sendung «nano»

Autoren

Gabriel Diezi
Stv. Chefredaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind Baustellen-Reportagen sowie Themen der Digitalisierung, neue Bauverfahren und Geschäftsmodelle.