Nachhaltiges Bauen: Neues Leben in der Manegg

Nachhaltiges Bauen: Neues Leben in der Manegg

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Teaserbild-Quelle: Visualisierung: zvg
Neues Leben in der Manegg

Greencity Zürich ist das erste zertifizierte 2000-Watt-Areal der Schweiz. Auf acht Hektaren entsteht in Zürich Süd bis 2021 eine neue Stadt in der Stadt – denn die 13 Gebäude bieten Raum für rund 2000 Bewohner und 3000 Arbeitsplätze.

Es geht rasant vorwärts in der Manegg, im Süden von Zürich. Im September 2017 wurden bereits das dritte und vierte Gebäude der ersten Bauetappe an die Bewohnerschaft übergeben. Damit ist man «genau im Zeitplan», wie Alain Capt, Gesamtprojektleiter und Direktor Ausführung Greencity bei Losinger Marazzi AG, erklärt. Bis Ende Januar 2018 sollten alle fünf Gebäude der ersten Bauetappe mit 439 Wohnungen bezugsbereit sein.

Vermietet sind diese weitgehend, denn die Nachfrage ist gross. «Jetzt lebt das Quartier und wird rasch eine eigene Identität entwickeln», sagt Philippe Bernard, Leiter Region Nord-Ost bei Losinger Marazzi. Erste Blumentöpfe und farbige Fahnen auf den Balkonen sind sichtbar, auch eine Kindertagesstätte hat den Betrieb aufgenommen und schon bald folgt eine Bäckerei.

Man kann sich also gut vorstellen, wie dereinst Schulkinder auf dem Weg zur ebenfalls geplanten Schule über die Innenhöfe hüpfen. Einzig die Spinnerei, einst das grösste Fabrikgebäude im Kanton, wird dann an die industrielle Vergangenheit des Quartiers erinnern.

Ein Drittel Genossenschaften

Insgesamt sind 13 Gebäude mit einem Investitionsvolumen von 740 Millionen Franken auf dem acht Hektar grossen Gelände geplant. Acht der Gebäude sind Wohnhäuser mit 731 Wohnungen und 85 400 Quadratmetern Fläche, drei sind Gebäude für Büros und Dienstleistungsbetriebe mit 55 000 Quadratmetern Fläche. Hinzu kommen ein Hotel der deutschen Meininger Gruppe mit 170 Zimmern und 600 Betten und eine Schulanlage für 250 Kinder.

Somit wird auf der Industriebrache der ehemaligen Sihl-Papierfabrik Platz für 2000 Bewohner und 3000 Arbeitsplätze geschaffen. Die acht Wohngebäude sind im Süden von Greencity angesiedelt. Das macht Sinn, denn im Norden entstehen die grösseren Bürogebäude, die so eine Art Schallriegel zur Autobahn A3 und gleichzeitig ein Eingangstor zur Stadt bilden.

Rund ein Drittel der Wohnfläche belegen die drei Genossenschaften Wogeno, Hofgarten, GBMZ sowie die Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien. So entstehen in den Gebäuden A1, B3S und B4S (siehe Gesamtarealplan) insgesamt 235 gemeinnützige Wohneinheiten mit zahlreichen Gemeinschaftsräumen und einer Kita.

In der Mitte des Areals baut Swiss Life in den Gebäuden B4N und B3N, welche vom Basler Architekturbüro Diener & Diener entworfen wurden, weitere 204 Mietwohnungen. Zusätzlich gibt es in den Gebäuden Wolo und Tuchmacherhof ganz im Süden des Areals 119 weitere Mietwohnungen plus 137 Wohnungen im Stockwerkeigentum.

Hinzu kommen 40 Loftwohnungen im Stockwerkeigentum in der Spinnerei, dem Herzstück von Greencity. Die Gebäude Wolo, Tuchmacherhof und die Spinnerei bilden die zweite Bauetappe. Sie befinden sich zurzeit im Bau und werden voraussichtlich Ende 2018 bezugsbereit sind.

Die dritte Bauetappeumfasst das Hotel, welches von den Zürcher Architekten Gigon / Guyer entworfen wurde, plus die drei Bürogebäude Vergé, Pergamin 1 und Pergamin 2. Letztere sind L-förmig gestaltet und mit elf Geschossen und einer Höhe von 40 Metern die höchsten Gebäude in Greencity. Die dritte Bauetappe läuft bis 2021. Danach folgt bis 2023 noch das Schulhaus, welches aufgrund der engen Raumverhältnisse den Pausenplatz auf dem Dach haben wird. Als Sieger des Architekturwettbewerbs fürs Schulhaus ging Anfang Februar das Projekt des Teams von Studio Burkhardt und der Pirmin Jung Holzbauingenieure AG hervor.

Herzstück Spinnerei

An der Aufteilung in drei Bauetappen zeigt sich die grosse Herausforderung beim Bau von Greencity. Denn vieles läuft gleichzeitig ab. «Es gibt viele Abhängigkeiten, denn alles ist miteinander verknüpft. So ist allein die Baustellenlogistik eine grosse Herausforderung. Schliesslich müssen alle gemeinsam arbeiten können», erklärt Gesamtprojektleiter Alain Capt.

Pro Gebäude sind 40 bis 50 Unternehmer am Werk, in Spitzenzeiten sind bis zu 700 Menschen mit der Realisation von Greencity beschäftigt, 50 davon alleine in der Bau- und Projektleitung bei Losinger Marazzi und rund 400 auf der Baustelle.

Bautechnisch am schwierigsten ist dabei der Erhalt der alten Spinnerei aus dem Jahr 1857. Denn das unter Denkmalschutz stehende Gebäude drohte zu verfallen und wird deshalb seit 2007 von riesigen Metallstreben gestützt. Um darin die 40 Loftwohnungen und das Restaurant zu verwirklichen, muss die ehemalige Fabrik entkernt und neu fundiert werden.

Ein Dach besitzt die Spinnerei schon länger nicht mehr. Den 150 Jahre alten Bruchsteinmauern kommt aber weiterhin eine tragende Funktion zu. Denn die neuen Träger, welche die Geschosse überspannen, werden entlang der Ränder mit dem vorhandenen Mauerwerk verbunden, was die Mauern stabilisiert. So werden neu Rippendecken den Blick durch die Räume dominieren und nicht wie bis anhin die Stützen.

Die Eigentümer sind in der Gestaltung der bis zu 180 Quadratmeter grossen und 3,8 Meter hohen Lofts frei. Ob sie den Raum weiter unterteilen, ist ihnen überlassen. Klar ist aber, dass das Restaurant im Erdgeschoss zur Belebung des Spinnereiplatzes beitragen und als Drehscheibe von Greencity fungieren soll.

Saubere Energie

Doch auch wenn die Spinnerei das Herzstück des neuen Areals ist, so gibt es doch einen Grund, wieso dieses «Greencity» und nicht «Spinning-City» heisst. Denn das Herz des ersten zertifizierten 2000-Watt-Areals der Schweiz schlägt grün.

Sämtliche Wohnbauten, sogar die Spinnerei, werden nach Minergie-Standards erstellt und bei den Bürogebäuden kommt das Label «LEED Core & Shell» in Platinum zum Zug. Zur Stromerzeugung werden auf sämtlichen Dächern Photovoltaik-Anlagen installiert, die rund 20 Prozent des Strombedarfs decken. Die restlichen 80 Prozent werden aus erneuerbaren Energiequellen hinzugekauft.

Ausserdem konnte man für die Energie- und Wärmegewinnung ein Energie-Contracting mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) abschliessen. Das EWZ baut, finanziert und betreibt die Anlage, jedoch kaufen die Eigentümer über ein Beteiligungsmodell die Anlage über die Zeit zurück und kommen so in den Genuss von sehr günstigem Strom.

Kernstück der Anlage sind drei Ammoniak-Wärmepumpen mit je 1200 Kilowatt Leistung. Primäre Wärmequelle ist das Grundwasser. Weil die Bezugsmenge jedoch begrenzt ist, wird der restliche Bedarf an Quellenenergie für den Betrieb der Wärmepumpen über einen Erdspeicher mit 140 Erdsonden in 120 Metern Tiefe sichergestellt. Zur Deckung des Spitzenbedarfs dient ein mit Biogas betriebener Gaskessel.

Allerdings rechnet das EWZ mit einer Deckung von 97,6 Prozent, so dass dieser nicht allzu oft in Betrieb genommen werden dürfte. Die Wärme respektive Kälte wird danach mittels eines Fernwärmeund Fernkältenetzes auf die einzelnen Gebäude verteilt.

App für die Bewohner

Die Energie- und Wärmegewinnung ist allerdings nur eines der Kriterien, um als 2000-Watt-Areal zertifiziert zu werden. Wichtig ist nämlich auch die Mobilität. Greencity setzt dabei in erster Linie auf den Zug, befindet sich doch in der Mitte des Areals die Haltestelle Zürich-Manegg der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU).

Das Quartier selber ist autofrei und verfügt über rund 0,7 Parkplätze pro Wohnung. Zehn Prozent davon sind von Anfang an für Elektroautos ausgelegt, die restlichen können bei Bedarf ebenfalls in Elektroparkplätze umgewandelt werden. Ausserdem soll es in Greencity dereinst 3500 Veloabstellplätze geben.

Für die Aufrechterhaltung der 2000-Watt-Ziele ist aber nicht nur Losinger Marazzi als Entwickler und Totalunternehmer gefragt, sondern natürlich auch die Bewohner. Damit diese sich über ihren eigenen Energieverbrauch informieren und ihre Werte mit dem Durchschnitt des Quartiers vergleichen können, wird für die Bewohner eine Greencity-App zur Verfügung gestellt. Diese App wurde ursprünglich für das Erlenmatt-Quartier in Basel entwickelt, kommt jetzt aber auch in Greencity und einem dritten von Losinger Marazzi entwickelten 2000-Watt-Areal «Im Lenz» in Lenzburg zum Einsatz.

Die Applikation soll dabei die Kommunikation sowohl zwischen den Bewohnern als auch zwischen Bewohner und Verwaltung erleichtern und zu einem vernünftigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen beitragen.

Nachhaltigkeit ist Zukunft

«Ich bin überzeugt, dass in der Nachhaltigkeit die Zukunft liegt», sagt Gesamtprojektleiter Capt. Dies sei auch in der Unternehmensstrategie festgehalten. «Die Umnutzung von Industriebrachen und die Entwicklung von nachhaltigen Arealen sind für uns Zukunftsprojekte», so Capt. Deshalb nimmt man sich bei Losinger Marazzi viel Zeit dafür.

Denn auch wenn seit den aufwendigen Abbrucharbeiten inklusive Altlastensanierung Anfang 2014 bis zur Realisation der ersten Häuser nur wenig Zeit verstrichen ist, so dauerte es von 2002 bis 2014 doch zwölf Jahre, bis das Areal entwickelt war und man sich mit der Stadt Zürich auf Gestaltungs- und Quartierpläne einigen konnte. «Es braucht Zeit, bis man mit allen betroffenen Partnern die richtige Abstimmung gefunden hat», meint Capt.

Mit Losinger Marazzi hatte die Stadt Zürich, die das Potential der Manegg schon früh erkannte, allerdings einen Partner, der nicht nur alles aus einer Hand entwickeln kann, sondern mittlerweile auch über die entsprechenden Kompetenzen bei Arealen dieser Grössenordnung verfügt. Mit Greencity bricht das Unternehmen dabei nicht nur eine Lanze für die Nachhaltigkeit, sondern auch für andere Projekte in der Manegg.

So wird beispielsweise Avaloq, der Schweizer Anbieter von Bankensoftware, auf seinem 2,3 Hektaren grossen Grundstück auf der anderen Seite der Gleise seinen Hauptsitz erweitern und 200 neue Wohnungen bauen lassen. Ausserdem entwickelt die Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals (BEP) zusammen mit der Steiner AG eine gemischt genutzte Bebauung für das 1,6 Hektar grosse Areal «Manegg Mitte», und auch Mobimo will im Nordwesten der Manegg 200 Wohnungen bauen.

So werden in den kommenden fünf Jahren rund 1400 Wohnungen in der Manegg entstehen. Hinzu kommen natürlich viele Arbeitsplätze, Geschäfte, Cafés und Restaurants. Damit bekommt die Manegg in den nächsten Jahren ein komplett neues Gesicht – und ein neues Leben.

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Freier Journalist

Stefan Breitenmoser ist freier Journalist in Winterthur und betreibt die Textbaracke.