Nachhaltiges Bauen: Der einheimische Baustoff Stroh

Nachhaltiges Bauen: Der einheimische Baustoff Stroh

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Teaserbild-Quelle: Stadt Lausanne

Stroh fällt in der Landwirtschaft als Nebenprodukt an. Man kann es dem Vieh verfüttern, dem Boden unterpflügen oder dem Kompost zuführen. Oder aber man baut damit Häuser mit einer unschlagbaren Ökobilanz.

Seit Menschen Getreide anbauen, nützen sie das anfallende Stroh. Unter anderem gehört es zu den ältesten Baustoffen der Menschheit: Mit Lehm vermengt bildet es stabile Mauern, zu Bündeln geschnürt deckt es Dächer zuverlässig. Zudem ist Stroh ein nach­wachsender lokaler Rohstoff und fällt als eigentliches Abfallprodukt beim An­bau von diversen Nutzpflanzen an.

Nische im Bau

Es gibt viele gute Gründe für den Ein­satz des Pflanzenmaterials, das man ge­mäss Wikipedia aus «ausgedroschenen und trockenen Halmen und Blättern von Getreide, Ölpflanzen, Faserpflanzen oder Hülsenfrüchten» gewinnt. Tatsächlich aber wird Stroh meist auf dem Acker untergepflügt, dem Vieh verfüttert oder thermisch verwertet. In der modernen Bauindustrie findet das Material bis heute nur in Nischen Anwendung.

Stroh-Bauweisen bekannt machen

Doch seit einigen Jahren erlebt Stroh mit der Rückbesinnung auf nachhaltiges Bauen in Europa eine Art Neuentde­ckung, die inzwischen von einem Netz­werk von Fachleuten in vielen Ländern gefördert und orchestriert wird. In der Schweiz wurde Ende 2016 der Verein «stroh + paille + paglia» gegründet (siehe Box auf Seite 17 im PDF). Ziel ist es, das Bauen mit Stroh und weiteren Pflanzenfasern zu fördern, indem man auf verschiede­nen Kanälen Informationen über Stroh-Bauweisen verbreitet.

Fassadenelemente aus Holz, Stroh und Lehm

Der Architekt Thomas Dimov befasst sich beruflich seit über zwanzig Jahren mit Lehm und anderen Naturbaustoffen. Stroh ist dabei als idealer Partner für den Lehm schon lange ein Thema, da sich die Eigenschaften der beiden Materialien ideal ergänzen (siehe Box «Traditioneller Baustoff Stroh»).

Im Sommer 2017 hat Dimov, unter­stützt von Gleichgesinnten, Fachleuten der ETH und aus der Industrie, die «zoë circular building gmbh» gegründet, um die zusammen entwickelten Fassaden­elemente aus Holz, Stroh und Lehm auf den Markt zu bringen. An der Entwick­lung solcher Elemente arbeitet Dimov schon seit zehn Jahren. Mit der gemein­nützigen Firma soll nun das ausgereifte Produkt in den Markt gebracht werden.

Geschlossene Stoffkreisläufe

«Wir sind verkürzt gesagt Hersteller von ökologischen Fassadenelementen, aber unsere Dienstleistungen und unsere Philosophie gehen weit über das Produkt hinaus und umfassen auch Aus­bildung und Öffentlichkeitsarbeit», so Dimov.

Die Bezeichnung «circular buil­ding» verweist auf eine Bauweise der geschlossenen Stoffkreisläufe, indem ausschliesslich nachwachsende oder als Abfall anfallende Rohstoffe eingesetzt werden. Diese sind lokal und günstig vorhanden, belasten die Umwelt nicht und können bei einem späteren Rück­bau des Gebäudes wieder in den Stoff­kreislauf zurückgeführt oder kompostiert werden.

Mit Stroh gefülltes Sandwich

Thomas Dimov fand im Lehm­bauunternehmer Marc Hübner einen idealen Partner, um erste Musterelemen­te herzustellen und den Herstellungsprozess zu optimieren. Das Element ba­siert auf einem Rahmen aus Dreischicht­platten und aus «STEICO» Doppel-T-Trägern aus Holz, die in grossen Stück­zahlen in Europa hergestellt werden.

Die­ser Rahmen wird mit Stroh befüllt, auf der Aussenseite mit einer diffusionsoffenen, aussteifenden und verputzbaren Holzfaserplatte und auf der Innenseite mit einer Schutzschicht aus Lehm versehen.

«Nach einigen wenigen und ein­fachen Arbeitsschritten ist daszoë-Ele­ment schon fertig. Wir haben keine Folien, Verklebungen oder sonst wie kri­tischen Punkte, welche die Herstellung verkomplizieren.»

Das Endprodukt ist eine Art Sandwich, innen mit Stroh als Dämmstoff befüllt und beidseitig mit einer Verkleidung versiegelt, welche die Dämmung festhält und schützt. Als Endbeschichtung verwendet man innen Lehmputz, aussen sind Putzfassaden oder auch hinterlüftete Fassaden möglich.

Bereit für den Einsatz

«Wir haben bei diesem Element einen hohen Grad an Vorfertigung, wodurch das Stroh auf der Baustelle geschützt ist.» Die Elemente können vor Ort in kurzer Zeit eingesetzt werden und benötigen nach dem Setzen lediglich noch einen Unterputz aus Lehm und einen farbigen Lehmspachtel. Der Einbau ist also relativ einfach.

Die «zoë»-Elemente sind raumhoch, als Standardmass 50 oder 100 Zentimeter breit, 45 Zentimeter tief und etwa 125 Kilogramm pro Quadratmeter schwer. Durch die Befüllung mit losem Stroh an­statt mit ganzen Strohballen sind auch Bauteile mit individuellen Massen mög­lich. «Hierfür mussten wir eine Methode zur Befüllung und Pressung des losen Strohs entwickeln, die ihrerseits nur we­nige Arbeitsschritte umfasst», so Dimov.

Nach der Verfeinerung der Produkions­methoden sind die Sandwich-Bauteile nun reif für eine Serienfertigung und für einen Einsatz im Bau. Die Macher haben sich dabei stets an grösseren Bauvolumen orientiert.

Einfamilienhäuser sind mit «zoë»-Elementen zwar genauso möglich, entwickelt wurde die Bau­weise aber für grössere Gebäude. «Um dies aufzuzeigen, haben wir unsere Vorgehensweise auf das Modell eines viergeschossigen Wohnhauses angewendet», sagt Dimov. (...)

Traditioneller Baustoff Stroh

Stroh als Baumaterial für Lehmhäuser ist seit Urzeiten bekannt. Mit der Erfindung des Stroh­ballens kamen Techniken auf, um mit diesen Ballen Gebäude zu errichten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Landwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen grundlegend. Eine der wichtigen Neuerungen waren Erntemaschinen für Nutz­pflanzen, welche als Abfallprodukt Strohballen auswarfen. So wie diese Landwirtschaft im grossen und technisierten Stil in den USA ihren Anfang nahm, stammen von dort auch die ersten Strohballen-Häuser.

Wanderarbeiter im Bundesstaat Nebraska im mittleren Westen waren die ersten, welche in Ermangelung von Holz oder anderen Bau­stoffen die Ballen wie Ziegelsteine zu Wänden aufschichteten. Diese lasttragende Bauweise hat sich bis heute als eine von drei Möglichkeiten des Bauens mit Stroh gehalten. Die zweite Bauweise basiert auf einer Holzständer­struktur, bei welcher das Stroh als Füllmaterial eingesetzt wird. Eine dritte Option ist das «Wrapping»: Bestehende oder neue Wandkon­struktionen werden mit Strohballen innen oder aussen verblendet oder in die Wand integriert.

Strohballen sind dank ihrer starken Pressung nur schwer brennbar und können sogar vertikale Lasten aufnehmen. Die Dämmwerte von Stroh sind etwa ein Viertel schlechter als die von Mineralwolle, Dämmwolle oder Zellulose, die aber alle vorbehandelt werden müssen. Stroh und Schilf können unbehandelt einge­bracht und danach direkt mit Lehm (oder Kalk) verputzt werden. Da Lehm Feuchtigkeit schnell aufnehmen und wieder abgeben kann und wie das Stroh ein unbehandeltes, lokal gewonnenes Baumaterial ist, bildet er die ideale Ergänzung.

In der Schweiz stehen ein paar wenige Stroh­häuser: So etwa ein lasttragendes Strohballen­haus im Kanton Baselland, das auch eine mit Stroh gedämmte Bodenplatte besitzt und ins­gesamt wesentlich bessere Dämmwerte erreicht als ein Passivhaus. Ebenfalls im Baselland steht ein drei Stockwerke hohes Mehrfamilienhaus aus vorgefertigten Holzrahmenelementen, bei dem die Strohballen nur zur Dämmung einge­setzt wurden. Bei beiden Gebäuden kommen im Inneren Lehmputze zum Einsatz.

Das gilt auch für zwei prominente Beispiele aus der Romandie: «Eco46» ist ein zweigeschos­siges Bürogebäude, welches die Stadt Lausanne 2011 für ihre Forstbehörde errichten liess. Der lasttragende Bau hat innen einen Lehmputz und aussen eine Kalkfassade. Im Inneren dient zudem eine Stampflehmmauer als Wärmespei­cher. Alle Rohstoffe stammen aus den stadteigenen Wäldern oder landwirtschaftlichen Betrieben, dazu haben Mitarbeiter des Amts selber Hand am Bau angelegt. Das Gebäude habe in Sachen Energieverbrauch wie auch beim Benutzerkomfort alle Erwartungen über­troffen, bilanziert ein Sprecher der Stadt. Beim soeben fertiggestellten sechsgeschossigen ge­nossenschaftlichen Wohnungsbau «Soubeyran» in Genf haben die Bewohner ebenfalls mitge­wirkt. Hier wurden die von ihnen vorgefertig­ten Holz-Stroh-Lehm-Elemente allerdings wegen der Brandschutzvorschriften vor eine tragende Struktur aus Stahlbeton gehängt. (Ben Kron)

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Freier Journalist, Zürich