Mehr als weisse Blechcontainer

Mehr als weisse Blechcontainer

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Von Patrick Aeschlimann

Im Jahr 2015 setzte wegen des Krieges in Syrien eine wahre Völkerwanderung Richtung Europa ein. Aber nicht nur Syrer, auch Bürger umliegender Länder und viele perspektivlose Afrikaner nutzten die Chance, ins «gelobte Land» Europa zu gelangen.

Rund eine Million Asylsuchende hat alleine Deutschland seither aufgenommen. Kanzlerin Merkel hat sich wohl verspekuliert – ziemlich sicher ging sie davon aus, dass man im Laufe der Zeit schon eine gesamteuropäische Lösung zur Verteilung dieser Menschenmassen finden würde. Doch auf die Vernunft von Regierungen ist nicht immer Verlass. Das hat unterdessen auch Angela Merkel gelernt.

In der Schweiz hielt sich der Ansturm vergleichsweise in Grenzen. 5700 Asylgesuche wurden im Spitzenmonat November 2015 gezählt. Der Durchschnitt seit 1986 liegt bei rund 1900 Gesuchen pro Monat. 2016 waren es monatlich etwas über 2000. Doch noch immer warten in Italien Menschen auf die Weiterreise. Die meisten wollen nach wie vor nach Deutschland, aber die Situation kann schnell ändern. Die Schweiz kann plötzlich und unverschuldet als Asyldestination wieder beliebter werden.

Externe Faktoren, etwa der Ausgang der Wahlen 2017 in Deutschland und Frankreich und anschliessende Änderungen in der Migrationspolitik, können Auswirkungen bis in die Schweizer Gemeinden haben. Schon heute sind rund 68 000 Menschen im Schweizer Asylprozess. Anfang 2015 waren es noch etwa 20 000 weniger. Und diese Menschen müssen untergebracht werden.

Zum Glück für die Gemeinden gibt es für die erste Phase nach der Ankunft Bundeszentren, kantonale Durchgangszentren und Notunterkünfte. Dennoch landen viele Flüchtlinge im Verantwortungsbereich der Kommunen. Der Kanton Zürich etwa hat die Aufnahmequote auf das Jahr 2016 hin von 0,5 auf 0,7 Prozent erhöht. Pro tausend Einwohner muss eine Gemeinde also sieben statt wie noch 2015 fünf Asylsuchende aufnehmen. Das sei nötig, weil die Reserven in den kantonalen Durchgangszentren ausgeschöpft waren, begründete die Sicherheitsdirektion den Entscheid. Bekannt wurde dies Anfang November 2015. Viel Zeit, um die Kapazitäten zu erhöhen, blieb den Gemeinden also nicht.

Vorausschauend planen

Darum ist es sinnvoll eine langfristige Asylraumplanung zu betreiben oder sich zumindest Gedanken darüber zu machen, wo man zusätzliche Asylsuchende einquartieren könnte. Besonders wichtig ist das vorausschauende Planen, wenn zusätzlich die Bevölkerung wächst. Dies ist in der Stadt Schlieren, vor den Toren Zürichs, der Fall. 2003 wohnten noch rund 13 000 Menschen in Schlieren, heute sind es über 18 000. Eben erst wurde für rund 2,8 Millionen Franken eine neue Asylunterkunft aus Holz in Modulbauweise mit 58 Plätzen gebaut, die sogar den Minergiestandard erfüllt. Modulbau wurde gewählt, weil die Unterkunft umplatzierbar sein musste. Der Modul- unterscheidet sich vom Elementbau dadurch, dass er versetzbar ist. Potenziell problematisch war eigentlich nur der Planungsprozess. Der Bau an sich dauerte nur drei Wochen.

Zusätzlich liess man vom Baubüro «NRS in situ» eine Machbarkeitsstudie für die langfristige Planung von Asylunterkünften erstellen. «Zu den bestehenden 82 Plätzen haben wir fünf Standorte für eine zusätzliche Nutzung während zwei bis fünf Jahren für 50 zusätzliche Plätze evaluiert», sagt Rachel Carroz, die für die Studie verantwortlich war. Angeschaut wurden verschiedene Lösungen von Neubau über Mischnutzung und Umnutzung bis zu Zwischennutzung an verschiedenen Standorten. Darunter war auch die ehemalige NZZ-Druckerei, in der bis zu 100 Asylsuchende untergebracht werden könnten. «Entscheiden können wir natürlich nicht», sagt Carroz. «Aber die Stadt Schlieren hat nun eine solide Entscheidungsgrundlage für weitere Asylunterkünfte und weiss, was an welchem Standort ein sinnvolles Vorgehen wäre.»

Später günstiger Wohnraum

«Man kann nicht einfach Menschen in weisse Blechcontainer stecken und hoffen, dass sie sich integrieren», sagt Pascal Angehrn von «NRS in situ». Wobei dies nicht grundsätzlich gegen Container spricht. Gute, zeitgemässe Containerbauten sind kaum noch als solche zu erkennen. Je nach Anforderungen sind Modul-, Element- oder Containerbau geeignet. Bei den Materialien setzen immer mehr Gemeinden wie Schlieren auf Schweizer Holz.

Wichtig ist laut Angehrn, dass man nicht einfach das billigste und schnellste, sondern das passende Angebot wählt, auch wenn es Ausgaben für Asylsuchende vor dem Stimmbürger meist schwer haben. Da der Bedarf an Asylraum sehr schwer vorhersehbar ist, macht es Sinn, auf flexible Lösungen zu setzen. So könnten heute als Asylunterkunft geplante Lösungen im Idealfall künftig als günstiger Wohnraum für Studenten oder Sozialhilfebezüger verwendet werden.

Spannende Mischnutzung

Ein spannendes Experiment läuft seit 2013 in Zürich-Altstetten. 2010 öffnete auf einer Brache, auf der 2027 ein Tramdepot entstehen soll, eine in Modulbau errichtete Asylunterkunft für 120 Personen. 2012 zügelte die Stadt Ateliercontainer der Kreativwirtschaft mit rund 200 Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich und der Kreativwirtschaft aus Zürich-Binz auf das Gelände. Ein Jahr später folgten die umstrittenen «Verrichtungsboxen», die den Strassenstrich am Sihlquai ersetzen sollten. Dazu kommt die «Wirtschaft zum Transit», wo sich die drei unterschiedlichen Nutzergruppen des Areals treffen können. Asylsuchende habe es aber kaum unter den Gästen, hört man, einige hätten dort aber eine Anstellung gefunden.

Das Büro von «NRS in situ», das alle drei Anlagen auf dem Gelände geplant und ausgeführt hat, liegt ebenfalls im Basislager. So können sich Pascal Angehrn und sein Team täglich davon überzeugen, das die spezielle Mischnutzung des Areals funktioniert. Und wo allenfalls doch Probleme auftauchen, kann man sie schnell angehen.

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Nachgefragt bei Anbietern von flexiblen Asylbauten (PDF)

Autoren

Patrick Aeschlimann
Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.