Die Zukunft liegt im Untergrund

Die Zukunft liegt im Untergrund

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Die zunehmende Urbanisierung, steigende Einwohnerzahlen und hohe Ansprüche an das Lebens- und Arbeitsumfeld bergen ein Problem: Es fehlt an Platz. Um den zukünftigen Flächenbedarf zu decken, muss der vorhandene Baugrund intensiv genutzt werden. Es geht in die Höhe und immer öfter in den Untergrund.

Treppe in den Untergrund
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In Zukunft werden immer mehr Bahnhöfe, Verkehrswege und Einkaufszentren unter die Erde verschwinden, um Landressourcen an der Oberfläche zu sparen.

Nicht nur in Amerika und Asien, auch in Europa stossen die Infrastrukturen der grossen urbanen Zentren zunehmend an ihre Grenzen. Die Planer stehen vor der Aufgabe, den Lebensraum zu bewahren und gleichzeitig ausreichend Platz für alle Menschen und die notwendige Mobilität zu sichern. Landreserven stehen dafür kaum noch zur Verfügung.

Die vorhandenen Grünräumewerden benötigt, um die Lebensqualität und Erholungszonen für die hier lebende und arbeitende Bevölkerung zu erhalten. «Die Städte dienen als Orte der Zusammenkunft. Dafür braucht es offene und unverbaute Plätze», erklärte Antonia Cornaro, Expertin für Untergrundplanung bei Amberg Engineering AG, am 11. Schweizer Betonforum.

Meist ginge die Planung deshalb hoch hinaus, wie in den Metropolen New York, London, Frankfurt, Dubai, Peking, São Paulo oder Kuala Lumpur. «Doch ist dieses Bauen effizient und energetisch vertretbar? Wäre es nicht besser in die Tiefe zu gehen?», fragt Cornaro.

150 Jahre «Underground»

Dass es anders geht, zeigen geplante Projekte und existierende Beispiele in Grossstädten: Im New Yorker Stadtteil Manhattan wird seit 2011 ein unterirdischer Park geplant. «The Lowline» soll in einer ehemaligen unterirdischen Tramstation mit Wendeschleife und einem dazugehörigen Teilstück der nicht mehr genutzten Strecke angelegt werden. Die Beleuchtung der unterirdischen Räume wird über Lichtkollektoren an der Erdoberfläche, die das eingesammelte Sonnenlicht über Glasfaserkabel in die Parkanlage leiten, möglich.

Ein riesiges unterirdisches Einkaufzentrumbesitzt bereits die Innenstadt von Montreal. Die grösste Untergrundstadt der Welt, das «RÉSO», ist ein 32 Kilometer langes Netzwerk aus Fussgängertunneln und Ladenpassagen, das sich über eine Fläche von zwölf Quadratkilometern erstreckt. Das «RÉSO» entstand etappenweise von 1962 bis 2003 und verbindet zehn Metrostationen, die beiden Hauptbahnhöfe, zwei Busbahnhöfe, unzählige Geschäfte, Restaurants, Kinos, Hotels, das Eishockeystadion, Veranstaltungsstätten, zwei Universitäten sowie zahlreiche Büro- und Wohngebäude miteinander.

Rund 80 Prozent aller Büro- und 35 Prozent der Ladenflächen der Innenstadt sind an die Untergrundstadt angeschlossen. Hier wurde nicht nur Bauland für wichtige Strukturen des städtischen Lebens gespart, die Benutzer sind auch vor den tiefen Temperaturen des kanadischen Winters geschützt.

Unterirdische Strukturen sind allerdings keine Neuheit. Vor allem Verkehrswege wie U-Bahnen und Strassen und die dazugehörigen Strukturen wie Bahnhöfe und Parkplätze werden seit langem in den Untergrund verlegt. Die älteste U-Bahn der Welt ist die Londoner «Underground». Der erste Streckenabschnitt der Metropolitan Line wurde bereits 1863 eröffnet. Fast 150 Jahre lang war sie die längste U-Bahn der Welt.

Inzwischen belegt sie nach der Metro Shanghai und der U-Bahn von Peking den dritten Rang, besitzt aber immer noch die grösste Netzlänge Europas. «Die Verlegung von Verkehrsflächen in Tiefenstationen und Tunnel ermöglicht heute neue zusätzliche Freiflächen an der Oberfläche», erklärt Antonia Cornaro.

Gelungene Beispiele seien der Tiefenbahnhof in Shenzhen, China, oder die Verlegung von Verkehrsflächen in Boston. Wo zuvor tausende Autos passierten, bieten die grossen Parkanlagen der Boston Artery heute Erholungs- und Freiflächen für die Bevölkerung. Ebenso werden seit langem Infrastrukturen der  Energieversorgung und -speicherung, Wasserversorgungs- und Kläranlagen sowie militärische Objekte, Industrie- und Forschungsanlagen unterirdische angelegt.

Diese Möglichkeiten müssten in Zukunft noch intensiver genutzt werden. Event-Locations, Sportstätten und Freizeitanlagen im Untergrund garantieren einen lärmfreien Betrieb für die Anwohner. Unterirdische Archive und Lager schaffen Platz an der Oberfläche, Erweiterungen vorhandener Gebäude im Untergrund ermöglichen den Ausbau auch im innerstädtischen, dicht besiedelten Bereich. «Der Untergrund birgt viele Möglichkeiten», so Cornaro.

Die optimale Nutzung erfordere eine integrative Planung von Oberfläche und Untergrund. «Diese Massnahmen ermöglichen die Aufwertung der Städte und eine bessere Lebensqualität. Um allen Erfordernissen von Gesellschaft, Umwelt, Industrie und Verkehr gleichzeitig gerecht zu werden, braucht es aber einen engen Dialog zwischen Planern, Ingenieuren und Architekten.»

Für den «Underground space dialogue» besteht bereits die Plattform «ITACUS». Zudem ist ein Zusammenschluss von Initiativen und der Austausch von Informationen über den Untertagebau im «SCAUT» (Swiss Center of Applied Underground Technologies) geplant.

«Kurzfristig gesehen scheinen die Untergrundbautenteuer und kompliziert im Bau. Doch wir sollten sie nicht leichtfertig abtun, denn auf lange Sicht haben sie einen extremen Mehrwert für die Lebensräume und Städte», betont die Expertin für Untergrundplanung. Die zukünftige Urbanisierung sei nur mit einer optimalen Verwendung von Grund und Boden möglich.

Autos unter die Erde

Es scheint logisch und simpel: Autos am Strassenrand und auf Parkplätzen gehören eigentlich ins Parkhaus. Wenn möglich mehrgeschossig unter die Erde, denn so kann das darüber liegende Bauvolumen für gewerbliche oder Wohnzwecke genutzt oder das Gelände gar als Freiraum zur Erholung erhalten werden.

Dabei haben die unterirdischen Strukturen als Übergang zu öffentlichen Bereichen oder den Wohnungen eine besondere Bedeutung. Der Parkplatz wird meist mehrfach täglich aufgesucht, betrifft also einen hochfrequentierten Bereich des Alltags. Die räumliche Qualität stellt gekoppelt mit einfacher Orientierung und den Sicherheitsansprüchen der Nutzer einen wichtigen Aspekt bei der Planung der Parkhäuser dar.

«Deshalb ist es inzwischen nicht mehr alleinige Aufgabe des Ingenieurs oder Planers, eine Tiefgarage zu entwerfen. Immer öfter werden Architekten für die Gestaltung beigezogen», erklärt Doris Wälchli von Brauen Wälchli Architectes. «Wir wollen angenehme Räume entwerfen, auch wenn keine Fassade existiert», begründet sie die zunehmende Rolle der Architekten im Untergrundbau. Die Sicherheit und ein nutzerfreundliches Parkieren stehen dabei im Vordergrund der von ihrem Architekturbüro geplanten drei Parkanlagen in Lausanne und Bussigny VD. (...)

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Redaktorin Baublatt

Ihre Spezialgebiete sind Architektur- und Technikthemen.