Darf Hightech ans Baudenkmal?

Darf Hightech ans Baudenkmal?

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Seit 1962 ist das 68 Meter hohe Lonza-Gebäude ein Merkpunkt im Stadtbild Basels. Die Architektur ist vom berühmten Pirelli-Haus in Mailand inspiriert. Als wichtiger Repräsentant seiner Zeit figuriert der Büroturm im kantonalen Inventar der schützenswerten Bauten. In Zukunft könnte das markante Hochhaus nicht nur für die Architektur der 60er-Jahre stehen, sondern auch ein Symbol für eine nachhaltige Energiepolitik sein. Die Firma Lonza spielt mit dem Gedanken, die Fassade mit einer Photovoltaik-Anlage zu versehen. Die Basler Stadtbildkommission wandte sich jedoch gegen dieses Vorhaben, indem sie eine entsprechende Anfrage der Initianten abwies. Auf Protest von Politik und Öffentlichkeit wurde der Entscheid des Gremiums aufgehoben. Nun liegt der Ball beim kantonalen Denkmalpfleger Daniel Schneller. Das «kommunalmagazin» wollte von ihm wissen, wie er den Fall beurteilt und wie gut sich Sonnenenergie und Denkmalschutz ganz generell vertragen.

kommunalmagazin: Wie geht die Basler Denkmalpflege mit Gesuchen für Solaranlagen um, die auf denkmalgeschützten oder schützenswerten Objekten vorgesehen sind?
Daniel Schneller: Die bisherige Praxis der Denkmalpflege in Bezug auf Photovoltaik-Anlagen war so, dass Anlagen bewilligt worden sind, die in Schutzzonen auf Flachdächern angebracht oder sogar auf Schutz- und Inventarobjekten verdeckt installiert werden konnten. Allerdings gab es bis jetzt noch keine Gesuche für eine Anlage auf einem Altstadtdach. Thermische Solaranlagen werden in der Regel bewilligt, wenn sie gut gestaltet und integriert sind.

Wie beurteilen Sie die Idee, am Lonza-Turm Solarpaneele anzubringen?
Im Fall des Lonza-Hochhauses fanden wir den Vorschlag der Montage an der Fassade herausfordernd und spannend: Die Fassadenverkleidung der seitlichen Elemente ist schon jetzt eine technische, eine Metallverkleidung. Wir haben es nicht mit einer traditionellen gemauerten und verputzten Fassade zu tun. Insofern stellen Paneele aus unserer Sicht nicht unbedingt einen Fremdkörper an der Fassade dar.

Wie könnte eine Lösung aussehen?
Die Verkleidung mit Solarpaneelen müsste eine Neuinterpretation der bestehenden Situation sein. Gestalterisch ist das eine grosse Herausforderung, die wir mit professionellen Partnern angehen wollen. Aus denkmalpflegerischer Sicht ist wichtig, dass keine originale Substanz verloren geht; dass also die Paneele in 30 Jahren wieder entfernt werden können und die ursprüngliche Fassade immer noch intakt ist.

Wenn sich die Anlagen wieder entfernen lassen, könnten sie doch auf allen Gebäuden erlaubt werden, auch auf historischen.
Dieses Argument hat etwas für sich, insbesondere was die thermischen Solaranlagen anbelangt. Aber auch in Bezug auf Photovoltaik: Wir wissen nicht, welche technischen Möglichkeiten in Zukunft für eine sinnvolle Stromproduktion zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite scheint es mir aber auch wichtig, dass mindestens unsere historischen Ortskerne und Altstädte vorderhand noch geschont werden und wir die wertvollen und schönen Dachlandschaften nicht mit Photovoltaik-Anlagen belegen, solange es noch andere Möglichkeiten gibt: Denn das Potenzial der Dachflächen in den übrigen 90 Prozent der Bauzonen ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Kam es in anderen Fällen zu Interessenkonflikten zwischen Schutzanliegen und dem Bau von Solaranlagen?
In Basel sind mir keine weiteren bekannt, da wir von Seiten der Denkmalpflege gegenüber thermischen Solaranlagen sehr offen eingestellt sind. In Basel besteht die gesetzliche Anforderung, dass das Warmwasser mit erneuerbarer Energie aufgeheizt werden muss. Wir können diese gesetzliche Bestimmung nicht einfach ignorieren und halten sie auch für sehr sinnvoll und wichtig. Von grossem Vorteil ist dabei das weit ausgebaute Fernwärmenetz, das von der Kehrrichtverbrennung gespeist wird. So sind in den meisten Fällen in den Schutzzonen der Altstadt gar keine thermischen Solaranlagen notwendig, da die Häuser an die Fernwärme angeschlossen werden können.

Wie sieht es bei der Photovoltaik aus?
Baugesuche für Photovoltaik-Anlagen sind im denkmalpflegerischen Kontext äusserst selten und mir bisher im Zusammenhang mit Baudenkmälern im letzten halben Jahr nur von Seiten der Basler Verkehrsbetriebe und der katholischen Kirche bekannt.
Haben Fukushima und der aktuelle politische Hype um erneuerbare Energien Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Ich glaube nicht, dass es sich um einen kurzfristigen «Hype» handelt. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass es von grosser Bedeutung ist, einen langfristig sinnvollen und umweltschonenden Umgang mit unseren Ressourcen und dem Thema Energie zu finden. Man würde
eigentlich erwarten, dass die Nachfrage nach Solaranlagen steigt. Dies scheint derzeit aber nicht der Fall zu sein und stimmt eher bedenklich. Insbesondere könnten bei Neubauten die Photovoltaik-Anlagen ja von Anfang an in die Fassaden integriert und als gestalterisches Element verwendet werden.

Welche Lösungsansätze gibt es aus Ihrer Sicht bei Konflikten wie im Fall Lonza?
Bei thermischen Solaranlagen sehe ich keine Konflikte. Bei Photovoltaik-Anlagen können solche entstehen. Allerdings sind Photovoltaik-Anlagen nicht standortgebunden. In mehr als 90 Prozent der bebaubaren Fläche des Kantons Basel-Stadt können Photovoltaik-Anlagen erstellt werden, ohne dass ein grosses Problem besteht. Weshalb wird es nicht gemacht?

Wie gross ist der Anteil der geschützten Flächen in der Stadt Basel?
Die mit Schutzzonen belegten Bauzonen sind im Verhältnis zu den gesamten bebaubaren Flächen gering: In Basel beträgt der Anteil der Schutzzonen an den gesamten Bauzonen 6,7 Prozent. Wenn man nur die Schutzzonen innerhalb der ehemaligen mittelalterlichen Altstadt betrachtet, ist der Anteil noch kleiner.

Würden Sie auf solchen Dächern der Schutzzone Photovoltaik-Anlagen erlauben?
Es muss auch unterschieden werden zwischen politischen, ökologischen und denkmalpflegerischen Zielsetzungen. Wie mir Energietechniker und Bauphysiker versichern, sind Photovoltaik-Anlagen beispielsweise auf kleinen Altstadtdächern ohnehin unwirtschaftlich und unökologisch. Auf Flachdächern sind solche Anlagen aus unserer Sicht auch in den Schutzzonen der Altstadt kein Problem und wurden auch schon bewilligt.

Muss die Denkmalpflege im Fall der Photovoltaik kulanter werden?
Sicher muss die Denkmalpflege gegenüber dem Anliegen der Stromproduktion aus Photovoltaik-Anlagen offen sein und die Anforderungen der Öffentlichkeit und der Politik ernst nehmen. Das geht gar nicht anders. Wir sind auch gerne bereit, nach Lösungen zu suchen, wie das Beispiel des Lonza-Hochhauses zeigt. Auf der anderen Seite muss man immer auch die Verhältnismässigkeit im Auge behalten. Aber es ist ja nicht so, dass Denkmalpfleger Atomstromfreunde und Umweltfeinde sind. Im Gegenteil. Gerade die Denkmalpflege hat langjährige Erfahrung im Umgang mit ressourcenschonenden Baumaterialien und Bauweisen: Bauten vor 1900 mit traditioneller Bauweise erfüllen die Anforderungen der SIA-Definition für Nachhaltigkeit und sind ohne graue Energie erstellt worden. Wir sind ausserdem an zwei Forschungsprojekten beteiligt, die das ökologische Potenzial von historischen städtebaulichen Strukturen aufzeigen. Gerade die mittelalterlichen Altstädte mit ihrer dichten Bauweise, den geringen Fassadenabwicklungen, den tiefen Grundrissen und den kleinen Nutzflächen sind äusserst effizient in Bezug auf den Energieverbrauch.